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Ursprünge des Antisemitismus

Abraham Leon: Die jüdische Frage. Eine marxistische Darstellung, Arbeiterpresse Verlag, 210 Seiten, 28.00 DM. ISBN 3-88634-064-3
Abraham Leon, geboren in Warschau 1918, brach 1940 mit dem Zionismus und wurde Mitglied der von Trotzki gegründeten Vierten Internationale, deren belgische Sektion er während des Krieges im Untergrund leitete. Im Juni 1944 wurde er in Auschwitz ermordet.

Der amerikanische Historiker Daniel Jonah Goldhagen hat diese Auffassung in seinem Buch über Hitlers willige Vollstrecker mit zahlreichen Belegen bekräftigt. Seine Schlußfolgerung ist, daß der Faschismus nicht die Ursache, sondern das Werkzeug war, mit dem der deutsche Antisemitismus seine mörderischen Absichten in die Tat umsetzen konnte. Damit hat Goldhagen einiges Aufsehen erregt und vor allem die deutschen Geschichtsprofessoren verschreckt, die sich eigentlich lieber auf die Frage konzentrieren wollten, wer im Machtapparat der Nazis zu welchem Zeitpunkt welche Befehle gegeben hat.

Leider beschränkt sich Goldhagen darauf, das Ausmaß und die Reichweite des Judenhasses zu zeigen. Dessen Ursprünge und Hintergründe bleiben im Dunkeln. Deshalb wollen wir an dieser Stelle ein Buch vorstellen, das sich gerade mit diesen Fragen beschäftigt. Abraham Leons Judenfrage und Kapitalismus ist während des Zweiten Weltkriegs entstanden. Er selbst wurde im Alter von 26 Jahren in Auschwitz ermordet.

Leon verfolgt die Geschichte des Judentums von der Antike bis ins 20. Jahrhundert. Er zeigt, daß der Zusammenhalt der über ganz Europa verstreuten jüdischen Gemeinschaften jahrhundertelang nicht durch „Rasse“ oder Religion gestiftet wurde, sondern durch die besondere Rolle, die den Juden in der feudalen Gesellschaft zufiel. Sie bildeten eine „Volksklasse“, die sich auf den Handel spezialisierte.

In West- und Mitteleuropa wurden sie aus dieser Rolle schon mit dem Aufblühen des frühen städtischen Handelskapitals im 11./12. Jahrhundert verdrängt. Das Gewerbe der Geldverleiher, das den Christen verboten war, bildete eine neue, aber deutlich engere Nische, die die Juden als Gruppe besetzen konnten. In dieser Zeit häuften sich Pogrome an den Juden, und viele antisemitische Vorurteile haben da ihren Ursprung. Der Antisemitismus zu dieser Zeit gebärdete sich jedoch religiös und nicht rassistisch.

Leon zeigt auch, daß die jüdischen Gemeinschaften immer dann in den umgebenden Gesellschaften aufgingen, wenn sie keine besondere wirtschaftliche Rolle einnahmen. Das gilt auch für den Aufstieg des Kapitalismus im 19. Jahrhundert. Die westeuropäischen Juden lösten sich in die Klassen der bürgerlichen Gesellschaft auf. Dennoch blieb in Westeuropa, wegen der Zuwanderungen aus Osteuropa, das Judentum erhalten. Dort hatte erst im 19. Jahrhundert die mit der Zersetzung des Feudalismus verbundene Verdrängung der jüdischen Händler begonnen.

Den aus ihren wirtschaftlichen Positionen im osteuropäischen Feudalismus verdrängten Juden konnte es nicht gelingen, sich in den bereits im Verfall begriffenen Kapitalismus Westeuropas zu integrieren. Der Druck der jüdischen Auswanderung aus Osteuropa lastete vor allem auf dem westeuropäischen Kleinbürgertum, das ohnehin einen aussichtslosen Überlebenskampf gegen Konzentration und Zentralisierung des Kapitalismus führte. Deshalb war das Kleinbürgertum der eigentliche Träger des Antisemitismus.

Das Großkapital – schrieb Leon – hat sich nur den elementaren Antisemitismus der kleinbürgerlichen Massen zunutze gemacht. Es benutzte ihn zu einem Meisterstück faschistischer Ideologie. Mit dem Mythos des jüdischen Kapitalismus versuchte das Großkapital, den Kapitalistenhaß der Massen von sich abzulenken.

von Andreas Berlin

Sozialismus von unten (1. Serie) Nr. 7, Winter 1996

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