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Umweltschutz und Kapitalismus:

Greenpeace Hoffnung für die Umwelt?

Die Politik von Greenpeace hat sich in der Vergangenheit vor allem dadurch ausgezeichnet, daß die Organisation mit spektakulären und medienwirksamen Aktionen wie Schornsteinbesetzungen, Blockaden von Umweltsündern auf See oder gar mit lebensgefährlichen Besetzungsaktionen wie zur Verhinderung der Versenkung der Ölplattform Brent Spar in der Nordsee die Umweltsünder öffentlich unter Druck setzt.

Dabei setzt Greenpeace fast ausschließlich auf die Wirkung der Massenmedien. Die Organisation bereitet solche Kampagnen im Vorfeld mit Pressearbeit vor und versorgt die Medien mit eigenem Bildmaterial. Die Medien haben ein Interesse an solch spektakulären Aktionen: aktuelle Berichte steigern die Absatzzahlen von Zeitungen und die Einschaltquoten von Fernsehsendern. Grundlage des Interesses an den Berichten ist aber die zunehmende Beunruhigung der Bevölkerung über die systematische Umweltzerstörung und die permanente Zunahme von Krankheiten.

Die Sympathien der Masse der Bevölkerung sind bei solchen Aktionen klar auf der Seite von Greenpeace. Wenn die Leute solche Aktionen im Fernsehsessel verfolgen, drücken sie Greenpeace die Daumen.

Die Aktionen von Greenpeace legen den Finger auf die Wunde, machen auf Probleme aufmerksam, aber eigentlich weiß man das ja alles. Wie oft konnte man in den Zeitungen von der drohenden Klimakatastrophe lesen, wie oft werden Lebensmittelvergiftungen oder andere Skandale aufgedeckt. Sogar die verantwortlichen Politiker und Konzernchefs stimmen in den Chor der Warner ein. Aber ändern tut sich fast nichts.

Was die Bevölkerung erwartet, sind Taten, Worte gab es genug. Aus dieser Diskrepanz zwischen Worten und Taten schöpft Greenpeace seinen Nimbus: Sie erscheinen als der Robin Hood der Umwelt, als die Regenbogenkampfer, die die (Um)Welt retten, die den Worten auch Taten folgen lassen. Doch kann Greenpeace stellvertretend für uns die Umwelt retten?

 

Erfolge

Vor der Kampagne gegen die Versenkung der Brent Spar befand sich Greenpeace in einer Krise. Aus den eigenen Reihen der Organisation gab es die Kritik, daß Greenpeace nur medienwirksame Aktionen mache und nicht wirklich vor Ort arbeite. Die Aktionsformen von Greenpeace hätten sich abgenutzt: Ein britischer Sprecher von Greenpeace mußte in einem Interview einräumen, daß wirkliche Erfolge von Greenpeace die Ausnahme sind.

Wenn man die Kampagne von Greenpeace gegen die Brent Spar-Versenkung genauer beleuchtet, kommt man nicht umhin festzustellen, daß Greenpeace nur deswegen einen Erfolg verbuchen konnte, weil sich z.B. in Deutschland eine regelrechte Massenbewegung in Form eines Massenboykotts gegen Shell-Tankstellen aufbaute. Doch genau das sprengte das Konzept der symbolischen Widerstandshandlung von Greenpeace und ist daher auch nicht mehr ihr Verdienst, auch wenn sie dazu beigetragen hat. Es war diese Massenbewegung gegen den Shell-Konzern, der die Manager von Shell veranlaßte, einen Rückzug zu machen. Einen öffentlichen Aufruf von Greenpeace zu einem Boykott gab es nicht, es gab nur die indirekte Drohung damit.

Wie so oft in der Vergangenheit versuchte Greenpeace statt dessen hinter verschlossenen Türen mit dem Shell-Konzern zu verhandeln, doch der zeigte sich unbeeindruckt. Auch bei anderen Aktionen in der Vergangenheit gab es auf diesem Weg selten Erfolge; nicht selten kam dabei nur heraus, daß Greenpeace-Vertreter bei Konzernen einen lukrativen Beratervertrag bekamen oder mit Studien beauftragt wurden.

Greenpeace geht bei seiner Politik davon aus, daß Umweltschutz und das Profitstreben der Konzerne grundsätzlich miteinander vereinbar sind. Die Konzerne müßten nur zu einer vernünftigen Produktionsweise überredet werden, wenn nötig, auch mit öffentlichem Druck.

Sie gehen bei dieser Theorie davon aus, daß die Konzerne eigentlich kein Interesse haben dürften, die Umwelt zugrunde zu richten, weil sie damit selbst die Grundlagen ihrer Gewinne langfristig zerstörten. Das ist abstrakt richtig, aber stärker als alle diese wissenschaftlichen Einsichten ist die weltweite kapitalistische Konkurrenz, die die Konzerne zu ganz eigennütziger Profitmaximierung zwingt. Im Wettlauf um niedrige Produktionskosten werden nicht nur Arbeitsplatze eingespart und Lohnkosten gesenkt, sondern auch am Umweltschutz gespart.

Deswegen ist von den Konzernen von einer Verbesserung des Umweltschutzes nur etwas zu hören, wenn es darum geht Werbekampagnen mit Öko-Anstrich für die eigenen Produkte aufzubauen. Wenn es um Umweltschutzauflagen geht, dann heißt es, diese würden den Wirtschaftsstandort Deutschland gefährden.

Ausgehend von dem Eigeninteresse an einer geschützten Natur, das Greenpeace den Konzernen unterstellt, ist es verständlich, daß die Umweltschutzorganisation versucht, die Industrie zu mehr Umweltschutz zu überreden, und hinter verschlossenen Türen zu Vereinbarungen mit den Konzernen zu kommen.

Greenpeace ist aber nicht in der Lage, die Einhaltung irgendwelcher Versprechungen der Konzerne zu kontrollieren, das könnte nur vor Ort in den Betrieben und Stadtteilen geschehen.

Die Politik der symbolischen Aktion und des Stellvertretertums trägt auch dazu bei, Selbstaktivitäten von unten zu bremsen: mit ihren Spendenkampagnen verstärkt sie ganz bewußt die Haltung, Greenpeace könnte stellvertretend für alle die Umwelt retten, wenn man nur genug an die Organisation spendet.

Wichtige Veränderungen in der Umweltpolitik sind aber nicht durch einen Robin Hood erreicht worden, der stellvertretend für uns den Kampf gegen die Profitinteressen von Konzernen aufnimmt, sondern durch Bewegungen von unten, durch Massendemonstrationen, Streiks usw., wie sie von Bürgerinitiativen, Gewerkschaften und politischen Bündnissen verschiedener sozialistischer Organisationen immer wieder ausgingen. So hat die Anti-Atom-Bewegung der 70er Jahre zwar nicht den Stopp des Atomprogramms erreichen können, aber die jetzigen Sicherheitsstandards in den deutschen Atomkraftwerken wurden durch eine Massenbewegung erreicht, die Hunderttausende auf die Straße brachte, und die diese Umweltauflagen in erbitterten Straßenschlachten und Bauplatzbesetzungen der Regierung und den Stromkonzernen abtrotzte. So wie die heutigen Arbeitsschutzregelungen in den Betrieben, die durch gewerkschaftliche Kampfe durchgesetzt worden sind.

Es gibt keine Aufrufe von Greenpeace zu Demonstrationen, sie versuchen auch nicht, mit anderen fortschrittlichen Kräften oder Organisationen Bündnisse zu schließen und zu gemeinsamen Aktionen zu kommen, weil sie befürchten, daß sie durch Bündnisse mit Organisationen der Linken und massenhaften Aktionen, die die bestehende Ordnung in Frage stellen, nicht mehr als Verhandlungspartner für die Konzerne in Frage kommen.

 

Die Angriffe auf Greenpeace

Auch wenn es nicht der Politik von Greenpeace entspricht, zu Massenaktionen aufzurufen: für die Industrie und die Regierungen ist Greenpeace dafür verantwortlich, daß eine Massenbewegung gegen den Shell-Konzern bzw. die französischen Atombombentests entstanden ist. Nichts fürchten Regierungen oder Konzerne aber mehr, als das Entstehen von Massenbewegungen, die ihre Politik aktiv in Frage stellen. Leute, die erst einmal aktiv werden, fangen an, ihre eigene Starke in der Solidarität zu spüren. Sie beginnen angesichts von Massenarbeitslosigkeit, Sozialabbau und Polizeieinsätzen, Interessengegensätze zu erkennen und fangen an, sich für politische Zusammenhänge zu interessieren.

Das Schweigen der Bundesregierung zu den französischen Atombombentests läßt natürlich bei vielen z.B. die Fragen nach dem „Warum?“ auftauchen. Verfolgt die Bundesregierung insgeheim vielleicht selbst Plane der atomaren Aufrüstung?

Die zunehmend kritische Berichterstattung und die härteren Angriffe auf Greenpeace sind absolut erklärlich und müssen mißtrauisch machen, obwohl manche Kritik einen wahren Kern beinhaltet.

 

Die Struktur von Greenpeace

Greenpeace ist eine völlig undemokratische Organisation mit – allein in Deutschland nach ihren eigenen Angaben – über 500.000 Mitgliedern. Doch haben diese keinerlei Einfluß auf die Politik von Greenpeace, sie sind lediglich Fördermitglied, d.h. sie zahlen Spenden und bekennen sich zum Vereinszweck. Die Entscheidung über die Politik treffen allein die 36 (!) stimmberechtigten Mitglieder, die sich zusammen mit der Greenpeace-Zentrale praktisch selbst bestimmen. Es gibt etwa 2.000 aktive Mitglieder, doch sind erst seit 1992 neun von ihnen im Kreis der 36 stimmberechtigt. Die Führung von Greenpeace verteidigt diese hierarchische Struktur damit, daß nur eine zentralistische Organisation die nötige Schlagkraft bei Kampagnen garantiert. Das Argument ist für sich genommen nicht falsch, aber warum sollte es falsch sein, daß die zentrale Führung gewählt wird und so die aktiven Mitglieder ihre Führung kontrollieren?

Diese undemokratischen Strukturen haben in der Vergangenheit häufig zu Krisen innerhalb von Greenpeace und zum Austritt von Aktivisten geführt. Wenn man engagiert ist, will man sich nicht darauf beschränken, nur Geld zu sammeln und von Entscheidungen über Aktivitäten ausgeschlossen zu sein.

Dieser Zentralismus einer selbsternannten Elite stärkt nicht die Schlagkraft von Greenpeace, sondern schwächt sie, einmal abgesehen davon, daß es den Gegnern der Umweltschutzbewegung damit leicht gemacht wird, die Organisation anzugreifen.

Trotz all dieser Probleme sind die Sympathien mit Greenpeace bisher ungebrochen. Die Tatsache, daß die Aktivitäten von Greenpeace, wenn auch ungewollt, den Startfunken zu Massenbewegungen geliefert haben, zeigt, wie groß die Unzufriedenheit mit der herrschenden Politik in der Bevölkerung ist. Die innenpolitische Entwicklung in Frankreich ist ein gutes Beispiel dafür, Chiracs Popularität ist einer tiefen Unzufriedenheit gewichen. Die Demonstrationen gegen die Atomtests, die Streiks und Kundgebungen gegen seine Kürzungsplane im öffentlichen Dienst und im Sozialbereich haben ihn in die Defensive getrieben.

Die jüngste Arbeiter- und Studentenbewegung in Frankreich hat gezeigt, daß es eine Macht gibt, die eine noch so selbstbewußte und arrogante Regierung wie die von Chirac und Juppé in die Knie zwingen kann. Noch haben die Massen sich ,,nur zur Verteidigung ihres Lebensstandards erhoben. Aber es gibt keine chinesische Mauer zwischen den ökonomischen und den politischen Fragen. Im Gegenteil: Arbeitslosigkeit, Sozialabbau und Umweltzerstörung haben ihre gemeinsame Wurzel im kapitalistischen Profitsystem. Die Umweltschutzbewegung kann nur zu einer wirklichen Macht in der Gesellschaft werden, wenn sie mit der Arbeiterbewegung verschmilzt. Das ist nicht leicht, aber realistischer als eine politische Strategie, die von der Quadratur des Zirkels ausgeht oder – was dasselbe ist – die Verwirklichung des Umweltschutzes auf dem Boden des Kapitalismus für möglich hält.

 

Fußnote

1. Aus: William Willoya, Vison Brown, Warriors of the Rainbow. Strange und Prophetic Dreams of the Indian Peoples, zitiert in: Christain Altmann, Marc Fritzler, Greenpeace – Ist die Welt noch zu retten?, 1995, S.19

von Werner Halbauer

Sozialismus von unten (1. Serie) Nr. 5, Winter 1995/1996

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