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Zur Natur des Menschen:

Wie wir Menschen wurden

Heute weiß jedes Kind, daß es einmal Dinosaurier gegeben hat und daß die Menschen von den Affen abstammen. Vor zwei Jahrhunderten war das noch ganz anders.

Mit diesen Sätzen sollte ursprünglich die Einleitung für diesen Beitrag beginnen. Inzwischen habe ich jedoch erfahren, daß erst vor zwei Jahren eine Umfrage in den USA ergeben hat, daß dort nur die Hälfte aller Menschen an die Evolution glaubt. Die anderen glauben, daß die unterschiedlichen Arten von Pflanzen, Tieren und Menschen allesamt zur gleichen Zeit von Gott geschaffen wurden. Dieser Schöpfungsglaube hat sich im Süden der USA besonders gut erhalten, weil er der Versklavung und Entrechtung der schwarzen Amerikaner eine Art höhere Rechtfertigung gab. Es gibt dort immer noch einige Staaten, in denen die Evolutionstheorie nicht in der Schule gelehrt werden darf.

Vor zwei Jahrhunderten aber war auch in Europa noch der Wortlaut der Bibel maßgeblich, wenn es um den Ursprung des Lebens ging. Danach war die Erde etwa sechstausend Jahre alt. Die Pflanzen und Tiere waren durch einen einmaligen Schöpfüngsakt in ihren verschiedenen Formen geschaffen worden. Auch die Menschen waren von Gott fertig in die Welt gesetzt worden und hatten sich dann bloß noch vermehrt. Allerdings wurden sie gleich zu Anfang wegen Ungehorsam aus dem Paradies vertrieben und zu lebenslanger Arbeit im Schweiße ihres Angesichts verdonnert.

Diese Geschichte galt lange als wissenschaftliche Wahrheit, vor allem, weil sie ziemlich praktisch für diejenigen war, die als Stellvertreter des Schöpfers Anspruch auf den Gehorsam und die Früchte des Schweißes ihrer Untertanen erhoben.

 

 

Die Entdeckung der Evolution

Einige Naturforscher hegten jedoch schon an der Schwelle des 19. Jahrhunderts ernsthafte Zweifel an der Gültigkeit der biblischen Schöpfungsgeschichte. Beim Versuch, die Pflanzen- und Tierarten systematisch zu erfassen, stießen sie auf Merkmale, die nähere und entferntere Verwandtschaften nahelegten. Der französische Zoologe Jean de Lamarck vertrat eine Theorie der Entwicklung. Diese Theorie paßte zwar gut zu seinen Beobachtungen, er konnte bloß nicht recht erklären, wie denn die Veränderung der Lebensformen vor sich gegangen sein sollte.

Diese Erklärung zu liefern, blieb dem britischen Forscher Charles Darwin vorbehalten. Er ahnte, daß seine Evolutionstheorie einen Sturm der Entrüstung auslösen würde, und zögerte deshalb zwanzig Jahre lang, bis er 1859 sein Hauptwerk Über die Entstehung der Arten veröffentlichte. Danach funktioniert die Evolution ganz ähnlich wie die von Menschen betriebene Tier- und Pflanzenzucht.

Der Züchter wählt diejenigen Exemplare, die die größten Früchte tragen, die am meisten Milch geben oder die dicksten Eier legen, für die Fortpflanzung aus. In der Natur wird diese Auswahl ersetzt durch Veränderungen der Lebensbedingungen. Es kommt darauf an, das Fortpflanzungsalter zu erreichen, und dabei sind alle Tricks erlaubt: Die Entwicklung von Tarnfarben, um nicht vorzeitig gefressen zu werden, oder die Erschließung von neuen Nahrungsquellen und Lebensräumen mit Hilfe von Rüsseln, Krallen, Schwimmhäuten, feinen Nasen, scharfen Augen und dergleichen. „Natürliche Auslese“ nannte Darwin diesen Prozeß (auf englisch „Natural Selection“, was gelegentlich auch als „natürliche Zuchtwahl“ übersetzt wird).

Wenn man die Evolution einmal akzeptiert hatte, waren auch andere Behauptungen der Schöpfungstheorie nicht mehr haltbar: Die Erde mußte weitaus älter sein als 6.000 Jahre, um den langwierigen Entwicklungsprozeß der verschiedenen Lebensformen möglich zu machen. Das paßte ganz gut zusammen mit den Ansichten von Geologen, die ebenso langwierige Veränderungen der Erdoberfläche für wahrscheinlich hielten und das Alter der Erde auf 300 Millionen Jahre schätzten (heute rechnen wir mit ein paar Milliarden Jahren).

 

 

Unsere Vorfahren waren Affen

Die abenteuerlichste Konsequenz des Evolutionsgedankens war aber, daß auch die Menschen ihr Dasein nicht einem göttlichen Schöpfungsakt verdankten, sondern sich wie alle anderen Arten langsam entwickelt hatten. Darwin ließ sich wiederum viel Zeit damit, diese Schlußfolgerung offen auszusprechen. In der Entstehung der Arten deutete er sie nur vage an. Erst zwölf Jahre später, 1871, erschien seine Schrift Die Abstammung des Menschen.

Die vornehme Formulierung ist, daß Menschen und Menschenaffen gemeinsame „Vorfahren“ haben. Das ändert aber nichts daran, daß die Menschen von den Affen abstammen: Die gemeinsamen Vorfahren würden, wenn sie heute lebten, als Affen eingestuft.

Heute kann man durch Vergleiche des genetischen Materials feststellen, daß die Verwandtschaft zwischen Menschen und Schimpansen sogar enger ist als zwischen Schimpansen und Gorillas.

Die Entwicklungslinien von Menschen und Schimpansen sollen sich vor etwa fünf bis sieben Millionen Jahren getrennt haben. Wie das genau vor sich ging, ist ziemlich ungewiß. Wahrscheinlich war es so, daß beim Zusammenstoß zweier großer Platten der Erdkruste entlang des ostafrikanischen Grabens eine Gebirgskette entstand, die erhebliche Klimaveränderungen verursachte. Im Osten bildeten sich die Regenwälder zurück und es entstand eine Savannenlandschaft. Die Vorfahren von Menschen und Schimpansen entwickelten sich auf den beiden Seiten des Gebirgszuges in unterschiedliche Richtungen. Auf der östlichen Seite entstand eine neue Art von Menschenaffen, die nur noch die Hinterbeine zur Fortbewegung nutzte. Sie wird von den Wissenschaftlern als Australopithecus bezeichnet.

In Tansania hat man Fußspuren gefunden, die dreieinhalb Millionen Jahre alt sind. Sie stammen ganz eindeutig von Zweibeinern. Das berühmte Skelett aus Äthiopien, das von seinen Entdeckern auf den Namen „Lucy“ getauft wurde, ist vielleicht noch etwas älter. Lucys Becken- und Oberschenkelknochen sind nach Meinung der Forscher sogar besser für den aufrechten Gang geeignet als die der heutigen Menschen. Das menschliche Becken muß nämlich nicht nur die Fortbewegung auf zwei Beinen erlauben. Es muß auch die Geburt von Kindern mit ziemlich großen Köpfen möglich machen. Dieses Problem hatte Lucy nicht. Ihr Gehirn war nicht größer als das von Schimpansen.

Langer Marsch

Langer Marsch: Vor 1,8 Millionen Jahren brach der Homo erectus aus seiner afrikanischen Heimat auf. Der Ausbreitung der afrikanischen Fauna folgend, drang der Frühmensch bis nach Asien vor.

 

 

Die Zweibeiner gehen verschiedene Wege

Vor etwa zweieinhalb Millionen Jahren kam es erneut zu einer deutlichen Klimaveränderung im östlichen Afrika: Es wurde kühler, und das hatte Folgen für die Pflanzen- und Tierwelt der Region. Menschenaffen wie die Schimpansen ernähren sich fast ausschließlich von pflanzlicher Kost. Dabei spielen Früchte die Hauptrolle als Energielieferanten. Bei den Australopithecinen sind wahrscheinlich Wurzeln und Knollen hinzugekommen. Auf jeden Fall erforderte die Abkühlung eine Umstellung der Ernährungsgewohnheiten.

Ein Teil der Nachkommen von Lucy nahm zunehmend härtere Pflanzenteile mit auf den Speiseplan. Das begünstigte die Herausbildung von Arten, die über besonders starke Kiefer und Zähne verfügten. Diese Arten werden als Australopithecus robustus und Australopithecus boisei bezeichnet und lebten bis vor etwa einer Million Jahren im östlichen und südlichen Afrika.

Andererseits konnte man den Energiebedarf auch aus tierischen Quellen decken. Wenn Raubkatzen und Hyänen mit ihrer Beute fertig sind, bleiben Skelett und Kopf übrig. Knochenmark und Hirn können eine ziemlich gute Ergänzung zur pflanzlichen Nahrung sein. Die Erschließung dieser Energiequellen erfordert aber eine Veränderung der Lebensweise. Erstens benötigt man Werkzeug, vorzugsweise Steine, um die Knochen zu öffnen. Zweitens muß man entweder die Steine zu den toten Tiere tragen oder umgekehrt. Drittens findet man pflanzliche Nahrungsquellen, wenn sie einmal entdeckt sind, am nächsten Tag wieder an der gleichen Stelle – nach Aas muß immer wieder neu gesucht werden.

Diejenigen unter den Nachkommen Lucys, die diesen Weg einschlugen, mußten einen Sinn für Planung, Organisation und Zusammenarbeit entwickeln. Dabei war ein größeres Gehirn natürlich von Vorteil. So entstand eine Art, die ihr Überleben nicht in erster Linie der Entwicklung spezialisierter Körperteile verdankte, sondern ihrer Fähigkeit, sich planmäßig Hilfsmittel zu beschaffen, die als Ersatz für eingebaute Werkzeuge (wie z.B. die Klauen und Reißzähne der Raubtiere) dienten.

Das Wachstum des Gehirns brachte auch körperliche Anpassungen mit sich. Der Schädel wurde größer und das erforderte Veränderungen des Geburtskanals und der Form des Beckens. Die frühesten Schädel, die der menschlichen Gattung zugerechnet werden (sie sind zwei bis maximal zweieinhalb Millionen Jahre alt) hatten Platz für ein Gehirn, das gerade um die Hälfte größer ist als das des Schimpansen. Bis heute hat sich die Größe des menschlichen Gehirns noch einmal verdoppelt.

 

 

Der entscheidende Schritt zum Menschen

Das ist in etwa das Bild, das wir heute von der Entstehung der Menschen besitzen. Einige Entwicklungsschritte (und die vermuteten Ursachen) sind stark umstritten. Wenn man nur Knochenfunde zur Verfügung hat, deren Alter vielleicht um ein paar hunderttausend Jahre auseinanderliegt, dann ist es eben schwer zu bestimmen, ob die eine Art sich aus der anderen entwickelte, oder ob die eine oder andere Art zu einem später ausgestorbenen Entwicklungszweig gehörte. Die Verwandtschaften genauer festzulegen, wäre leichter, wenn man den genetischen Code der Fossilien untersuchen könnte. Aber das ist heute leider noch nicht möglich.

Eine andere Streitfrage ist die, bei welchen unserer Vorfahren wir beginnen sollen, von Menschen zu reden. War der aufrechte Gang der entscheidende Schritt, die Herstellung von Steinwerkzeugen, der Übergang zum Fleischverzehr oder das Wachstum des Gehirns?

Der aufrechte Gang war zweifellos die Voraussetzung für alle späteren Entwicklungen. Er scheint aber nicht ausreichend gewesen zu sein, denn die verschiedenen Arten der Gattung Australopithecus konnten sich ja über mehrere Jahrmillionen weiterentwickeln, ohne dem Menschen ähnlicher zu werden.

Bleiben die drei Merkmale Werkzeugherstellung, tierische Nahrung und vergrößertes Gehirn, die vermutlich im gleichen Zeitraum, vor ungefähr zweieinhalb Millionen Jahren, auftraten.

Leidenschaftliche Vegetarier werden vermutlich entsetzt sein, daß der Verzehr von Fleisch, womöglich noch von Innereien wie Hirn und Knochenmark ein Schlüssel zur Menschwerdung gewesen sein soll. Man darf sich das auch nicht so vorstellen, daß der Verzehr von tierischem Hirn unmittelbar zum Wachstum des menschlichen Gehirns geführt hätte. Aber die Erschließung tierischer Nahrungsquellen war wahrscheinlich ein Weg, um die Veränderung der Vegetation in einer Kälte- oder Dürreperiode zu überleben. Unsere Vorfahren konnten diesen Weg nur einschlagen, indem sie Steinwerkzeuge herstellten und ein gewisses Maß an vorausschauender Planung bei der Nahrungsbeschaffung einführten. Es ist ziemlich einleuchtend, daß auf diesem Weg diejenigen erfolgreicher waren, die über ein etwas größeres Gehirn verfügten als ihre Artgenossen. Das entspricht genau dem Prinzip der Evolution, wie es Darwin formulierte: „Natürliche Auslese“ – ein größeres Gehirn verbesserte die Chance, das Fortpflanzungsalter zu erreichen.

So gesehen, ist die Erschließung tierischer Nahrungsquellen erst durch die Werkzeugherstellung möglich geworden, und das Wachstum des Gehirns wird eher eine Folge als die Ursache dieser Umstellung gewesen sein.

Vergleich von Schimpanse und Mensch

Vergleich von Schimpanse und Mensch: Das größeres Gehirn der Menschen erleichtert Planung und Organisation ihrer gemeinsamen Arbeit. Häufiger Gebrauch der Stimmbänder beeinflußt die Entwicklung des Kehlkopfes als Voraussetzung für die Sprachentwicklung.

 

 

Die Arbeit als Schlüssel

Beginnt die Menschwerdung also mit der Herstellung von Steinwerkzeugen? Diese Auffassung ist ziemlich weit verbreitet und auch gar nicht besonders neu. Friedrich Engels hat sie in einem Aufsatz aus dem Jahr 1876 vertreten: Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen. Darin wird die Verbindung zwischen den Anfängen der Werkzeugherstellung und der Aufnahme von tierischer Nahrung in den menschlichen Speiseplan gezogen:

Die Arbeit fängt an mit der Verfertigung von Werkzeugen. Und was sind die ältesten Werkzeuge, die wir vorfinden? Die ältesten, nach den vorgefundenen Erbstücken vorgeschichtlicher Menschen und nach der Lebensweise der frühesten geschichtlichen Völker wie der rohesten jetzigen Wilden zu urteilen? Werkzeuge der Jagd und des Fischfangs, erstere zugleich Waffen.

Darum sieht Engels in der Arbeit „die Grundbedingung alles menschlichen Lebens, und zwar in einem solchen Grade, daß wir in gewissem Sinn sagen müssen: Sie hat den Menschen selbst geschaffen.“

Um Mißverständnissen vorzubeugen: Wenn Engels die Arbeit als Schlüssel zur Menschwerdung bezeichnet, dann geht es ihm nicht darum, die Arbeit in den Fabriken und Büros der kapitalistischen Gesellschaft als eigentliche Bestimmung der Menschen darzustellen. Im Gegenteil: Die fremdbestimmte Arbeit führt ja gerade dazu, daß auch der Inhalt und das Ergebnis ihrer Tätigkeit den Menschen fremd bleibt.

Arbeit ist für Engels zunächst einmal die Methode, wie die Menschen im Austausch mit der Natur ihren Lebensunterhalt gewinnen. Und die Arbeit beginnt mit der Werkzeugherstellung.

Vor 120 Jahren, als Engels über die Menschwerdung schrieb, gab es ziemlich wenig Funde aus der Zeit vorgeschichtlicher Menschen. Heute würden wir an seiner Darstellung ein paar Korrekturen vornehmen. Das gilt besonders für die Rolle der Jagd, die auch Darwin am Beginn der menschlichen Entwicklung sah. Vieles spricht dafür, daß die ersten Werkzeuge nicht der Jagd, sondern der Bearbeitung von Überresten toter Tiere dienten. Unsere Vorfahren haben ihren Speiseplan vermutlich zunächst um Aas erweitert, lange bevor sie selbst begannen, größere Tiere zu jagen und ihr Fleisch zu verzehren. Aber diese Erkenntnisse stellen die Rolle der Werkzeugproduktion als Schlüssel der Menschwerdung selbst nicht in Frage.

 

 

Lebenslauf und soziale Beziehungen

Es gibt aber andere Argumente, die gegen diese Auffassung ins Feld geführt werden. So ist zum Beispiel der Gebrauch von Werkzeugen in der Tierwelt nicht unbekannt. Man hat Schimpansen sogar dabei beobachtet, wie sie ihre Kinder regelrecht ausbildeten, um mit Steinen Nußschalen aufzubrechen. Aber das ist im Schimpansenleben eine Randerscheinung. Bei den Menschen sind die Herstellung und der Gebrauch von Werkzeugen in den Mittelpunkt ihrer Lebensweise gerückt.

Ein anderer Einwand besteht darin, daß für die einfachen Steinwerkzeuge, die unsere Vorfahren vor zwei Millionen Jahren herstellten, das Gehirn nicht so enorm hätte wachsen müssen. Deshalb gibt es eine Theorie, nach der nicht die Werkzeugherstellung, sondern Entwicklung vielschichtigerer sozialer Beziehungen zwischen den Mitgliedern einer Gruppe früher Menschen den Anstoß zur Entwicklung des Gehirns gaben.

Richard Leakey, einer der bekanntesten Forscher auf dem Gebiet der menschlichen Entwicklung, sieht diese Theorie durch ein Skelett bestätigt, das er und seine Mitarbeiter vor einigen Jahren am Ufer des Turkana-Sees in Ostafrika gefunden haben. Dieses Skelett ist vermutlich mehr als eineinhalb Millionen Jahre alt. Es läßt darauf schließen, daß der Lebenslauf der frühen Menschen sich bedeutsam veränderte. Menschenkinder kommen im Unterschied zum Nachwuchs der Menschenaffen ziemlich unfertig auf die Welt. Ihr Gehirn wächst noch nach der Geburt weiter – sonst wäre der Geburtsvorgang selbst noch schwieriger. Das bedeutet aber, daß menschliche Babys mehr Schutz und Versorgung benötigen als die von anderen Menschenaffen. Zugleich verlängerte sich die Kindheit der menschlichen Nachkommen, das heißt die Zeit bis zum Beginn der Geschlechtsreife. Das bedeutet, daß eine Gruppe von frühen Menschen erheblich mehr mit der Versorgung und Ausbildung ihres Nachwuchses beschäftigt war als ihre Vorfahren. Diese Zunahme an „sozialer Interaktion“ soll die Vergrößerung des Gehirns notwendig gemacht haben.

Diese Theorie ist zwar ziemlich modern, sie hat aber einen Haken. Das Wachstum des Gehirnvolumens ist die Ursache dafür, das beim Menschen die Frühgeburt zur Regel wurde. Die verlängerte Kindheit und die damit verbundenen Veränderungen des Lebens in der Gruppe sind die Folgen davon. Sie können als Erklärung für die weitere Zunahme der Gehirnkapazität dienen, aber nicht für die ursprüngliche Vergrößerung, mit der die ersten Menschen sich von ihren Vorfahren absetzten.

Dennoch ist der Hinweis auf die Veränderung des Beziehungsgeflechts in der Gruppe nicht abwegig. Eine solche Umstellung kam sicherlich auch schon in Verbindung mit der Werkzeugherstellung und der Beschaffung tierischer Nahrung auf. Die Nahrungsbeschaffung zerfiel damit in verschiedene Schritte – Herstellung von Steinwerkzeugen, Suche nach Aas, Transport und Verzehr. Das Gehirn wurde dabei bestimmt nicht nur durch die Technik der Werkzeugproduktion beansprucht, sondern auch durch die Organisation des Zusammenwirkens der verschiedenen Mitglieder der Gruppe. Vielleicht entwickelte sich so etwas wie eine kurzzeitige oder auch dauerhafte Arbeitsteilung.

Jedenfalls ist es sehr wahrscheinlich, daß die Zunahme „sozialer Interaktion“ schon hier begann und nicht erst mit den durch die Vergrößerung des Gehirns erweiterten Anforderungen an die Betreuung des Nachwuchses.

Womit wir wieder bei der Arbeit als Schlüssel zur Menschwerdung wären, allerdings mit der Ergänzung, daß „Arbeit“ mehr war als die bloße Herstellung von Werkzeugen. Der Gebrauch der Werkzeuge gehörte ebenso dazu wie die Planung und Organisation der Zusammenarbeit einer Gruppe bei ihrer Erschaffung und Anwendung.

 

 

Menschen und Natur

„Arbeit“ in diesem Sinne bedeutete einen Wandel im Verhältnis zur umgebenden Natur. Die Menschen traten einen ersten Schritt aus der Abhängigkeit von der Natur heraus, indem sie aktiv in die Gestaltung ihrer Lebensumstände eingriffen – genau das macht den Unterschied zu den Affen und allen anderen Tieren aus.

Friedrich Engels hat das noch etwas drastischer ausgedrückt:

Das Tier benutzt die äußere Natur bloß und bringt Änderungen in ihr einfach durch seine Anwesenheit zustande; der Mensch macht sie durch seine Änderungen seinen Zwecken dienstbar, beherrscht sie.

Das Wort von der „Beherrschung“ der Natur durch die Menschen geht uns heute nicht mehr so leicht über die Lippen, weil wir in einer Zeit leben, in der die natürlichen Lebensbedingungen der Menschen durch ihre eigene Tätigkeit ernsthaft bedroht sind.

Schmeicheln wir uns indes nicht zu sehr mit unsern menschlichen Siegen über die Natur – schrieb Engels weiter. – Für jeden solchen Sieg rächt sie sich an uns. Jeder hat in erster Linie zwar die Folgen, auf die wir gerechnet, aber in zweiter und dritter Linie hat er ganz andre, unvorhergesehene Wirkungen, die nur zu oft jene ersten Folgen wieder aufheben. Die Leute, die in Mesopotamien, Griechenland, Kleinasien und anderswo die Wälder ausrotteten, um urbares Land zu gewinnen, träumten nicht, daß sie damit den Grund zur jetzigen Verödung jener Kinder legten, indem sie ihnen mit den Wäldern die Ansammlungszentren und Behälter der Feuchtigkeit entzogen.

Engels war aber überzeugt, daß die Menschen lernen werden, auch die langfristigen Folgen ihrer Eingriffe in die Natur zu erkennen und zu beherrschen.

Je mehr aber dies geschieht, desto mehr werden sich die Menschen wieder als eins mit der Natur nicht nur fühlen, sondern auch wissen, und je unmöglicher wird jene widersinnige und widernatürliche Vorstellung von einem Gegensatz zwischen Geist und Materie, Mensch und Natur, Seele und Leib, wie sie seit dem Verfall des klassischen Altertums in Europa aufgekommen und im Christentum ihre höchste Ausbildung erhalten hat.

Das größte Hindernis auf diesem Weg besteht nicht in der Unwissenheit der Menschen, sondern in den gesellschaftlichen Strukturen, die die Menschen sich und ihrer Arbeit im Verlauf der Geschichte gegeben haben.

Alle höheren Formen der Produktion – schreibt Engels weiter – sind zur Trennung der Bevölkerung in verschiedne Klassen und damit zum Gegensatz von herrschenden und unterdrückten Klassen vorangegangen; damit aber wurde das Interesse der herrschenden Klasse das treibende Element der Produktion, soweit diese sich nicht auf den notwendigsten Lebensunterhalt der Unterdrückten beschränkte. Am vollständigsten ist dies in der jetzt in Westeuropa herrschenden kapitalistischen Produktionsweise durchgeführt. Die einzelnen, Produktion und Austausch beherrschenden Kapitalisten können sich nur um den unmittelbarsten Nutzeffekt ihrer Handlungen kümmern. Ja selbst dieser Nutzeffekt – soweit es sich um den Nutzen des erzeugten oder ausgetauschten Artikels handelt – tritt vollständig in den Hintergrund; der beim Verkauf zu erzielende Profit wird die einzige Triebfeder.

 

 

Eine Chance zur Selbstbestimmung

Daß die Geschichte der Evolution, die Abstammung der Menschen von den Affen heute immer noch in Zweifel gezogen wird, ist nicht ganz unverständlich. Es fällt nicht leicht, einzusehen, daß das menschliche Gehirn, das Werkzeug, mit dem wir die Welt verstehen, Ideen und Phantasien entwickeln können, entstanden sein soll, weil eine affenähnliche Horde sich in ihrer Not über die Reste hermachte, die Löwen und Hyänen von ihrer Beute übriggelassen hatten. Schon die Reihenfolge muß uns verkehrt erscheinen, weil wir uns daran gewöhnt haben, daß der Gedanke vor der Tat kommt, und daß, wie Engels es ausdrückt,

der die Arbeit planende Kopf schon auf einer sehr frühen Entwicklungsstufe der Gesellschaft die geplante Arbeit durch andre Hände ausführen lassen konnte als die seinigen

Daher kommt der hartnäckige Glaube an die Schöpfungsgeschichte, die Vorstellung, daß den Menschen ihre Fähigkeit zu denken von einer höheren Macht geschenkt wurde.

Das andere Extrem ist die Idee, daß die Menschen einfach Tiere sind wie alle anderen auch, und daß ihr Verhalten durch ihre Biologie und ihre Evolutionsgeschichte ein für allemal festgelegt sei. Diese Vorstellung führt dazu, daß ernsthafte Wissenschaftler sich aufmachen, Gene zu finden, die vorherbestimmen, ob ein Mensch Künstler oder Kaufhausdieb oder beides wird.

Beide Theorien führen zu der gleichen Schlußfolgerung, daß nämlich die Menschen ihr Leben und ihre Zukunft nicht selbst gestalten können.

Die wirkliche Lehre aus unserer Entwicklungsgeschichte ist aber, daß wir Menschen uns das Instrument, mit dem wir unsere Taten planen, selbst geschaffen haben, buchstäblich durch die Arbeit unserer eigenen Hände. Das bedeutet, daß wir auch unser Schicksal in unsere eigenen Hände nehmen können, so wir es unsere Vorfahren getan haben, als sie Menschen wurden. Alle Hindernisse, auf die wir dabei treffen, sind von Menschen errichtet worden und können ebenso von Menschen beseitigt werden.

von Andreas Berlin

Sozialismus von unten (1. Serie) Nr. 5, Winter 1995/1996

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