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50 Jahre Hiroshima: Warum wurde die Bombe geworfen?

US-Präsident Truman, der den Befehl zum Einsatz der Bomben gab, verteidigte seine Entscheidung zeitlebens mit der Begründung, daß dadurch – und Japans anschließende Kapitulation – eine halbe Million Soldaten auf beiden Seiten vor dem Tod und eine Million vor „lebenslanger Verstümmelung“ bewahrt worden seien. Und auch heute noch bilden derartige Stimmen in den USA die Mehrheit.

Als anläßlich des 50. Jahrestags von Hiroshima das Smithsonian Institute im Washingtoner Luft- und Raumfahrtmuseum eine aufklärerische Ausstellung über die Auswirkungen des Atombombenabwurfs organisieren wollte, löste dies einen Sturm der Entrüstung aus. Von den US-Veteranenverbänden, dem Führer der konservativen Republikaner, Newt Gingrich, und auch von Präsident Clinton wurde das Institut zu einer „Umorganisierung“ der Ausstellung gedrängt: Nun ist die Enola Gay, die die Bombe nach Hiroshima brachte, umrahmt von Bildern heldenhafter GIs zu bestaunen – ein Symbol für die nationale Größe der USA und für ihren Sieg im 2. Weltkrieg.

Bis heute hat sich kein US-Präsident bei Japan für die Atombombenabwürfe entschuldigt, und auch in den Medien wird überwiegend die Auffassung vertreten, daß die Bombe ein notwendiges Übel gewesen sei. So hieß es in einem Kommentar der International Herald Tribune vom 15.6.95: „Im Pazifik-Krieg gab es viele schreckliche Dinge. Die Atombombe war eins davon. Aber ihr Einsatz verhinderte mit großer Sicherheit weitere Greuel.“

 

Uberflüssig

Die Einsicht, daß der Abwurf der Bomben nicht der Verkürzung des Krieges diente, sondern eiskaltem Machtkalkül der US-Führung entsprang, würde einen tiefen Schatten auf den glorreichen Kriegssieger werfen und auch die edlen Motive für den Kriegseintritt in Frage stellen.

Bei einer genauen Betrachtung der militärischen Lage im Sommer 1945 muß man zu dem Schluß kommen, daß der Abwurf der beiden Atombomben keinerlei Auswirkungen auf den Ausgang des Krieges hatte.

Japan lag bereits wirtschaftlich und militärisch völlig am Boden. Nach der verlorenen Schlacht um Okinawa war das Land vollkommen eingekreist, seine Flotte war zerstört, die Luftabwehr gegen die US- Bomber machtlos. Diese richteten selbst mit konventionellen Bomben unglaubliche Verwüstungen an, wie der Luftangriff auf Tokio im März gezeigt hatte, bei dem über 80.000 Menschen starben. Spätestens Ende 1945, so stellte eine amerikanische Untersuchungskommission 1946 fest, hätte sich Japan auch ohne den Einsatz der Atombombe ergeben müssen. Und bis zu dieser Kapitulation wären keineswegs so viele Soldaten gestorben, wie Truman dies dargestellt hatte; US-Generäle hatten für den entscheidenden Angriff auf die Hauptinsel vielmehr 25.000 bis 46.000 tote GIs einkalkuliert.

Vermutlich hätten aber noch nicht einmal so viele Menschen ihr Leben lassen müssen und Japan hätte ohne weitere größere Kämpfe einer Kapitulation zugestimmt, wenn die USA dies gewollt hätten. Seit Mitte 1944 nämlich gab es innerhalb der japanischen Führung einen stärker werdenden Flügel, der Friedensverhandlungen aufnehmen wollte und an Stalin mit der Bitte um eine Vermittlung herantrat. Die USA waren darüber informiert, jedoch nicht bereit, die japanische Bedingung zu akzeptieren, daß das japanische Nationalwesen mit dem Kaiser an der Spitze bestehen bleiben solle. Statt dessen forderten sie in der Potsdamer Erklärung vom 26. Juli die bedingungslose Kapitulation, worauf Japan nicht reagierte. Als jedoch am 10. August das Tokioter Außenministerium die bedingte Annahme der Potsdamer Erklärung mitteilte, machten die USA plötzlich die entscheidende Konzession und lieferten somit den Friedensbefürwortern um den Kaiser das entscheidende Argument zum Abbruch des Krieges.

Nicht nur der langjährige Berater von Präsident Roosevelt, Admiral William Leahy, betrachtete angesichts dieses Szenarios die Atombombenabwürfe als überflüssig.

 

Einflußsphären

Wenngleich der Abwurf der Atombomben keinen Einfluß auf den militärischen Ausgang des Krieges hatte, so war sein Einfluß auf den politischen Ausgang beträchtlich. Er wies die USA als den eigentlichen Sieger aus und zeigte ihrem Hauptkonkurrenten, der UdSSR, die neuen Muskeln. Nicht zufällig fand der erste Atomtest einen Tag vor Beginn der Potsdamer Konferenz statt, auf der sich die Siegermächte über die Aufteilung der Kriegsbeute einigten, und nicht zufällig fielen die Atombomben gerade zu jenem Zeitpunkt, als Stalin sich anschickte, ebenfalls seine Fühler nach Japan auszustrecken. Die Botschaft von Hiroshima und Nagasaki lautete: Wir, die USA, sind die einzige Supermacht, und wir sind in der Lage, unsere Machtsphären zu verteidigen.

Von Beginn an ging es den USA bei ihrem Kriegseintritt nicht um Demokratie und Kampf gegen den Faschismus, sondern um Macht und neue Weltmarktanteile. Truman beschrieb die amerikanischen Kriegsziele 1941 so: „Wenn wir sehen, daß Deutschland gewinnt, sollten wir Rußland helfen, und wenn Rußland gewinnt, sollten wir Deutschland helfen und sie auf diese Weise gegenseitig so viele wie möglich töten lassen ...“

Über Jahre hinweg sahen die USA tatenlos zu, wie Hitler die deutsche Arbeiterbewegung zerschlug, eine Horrordiktatur errichtete und andere Länder überfiel. Ihre Haltung änderte sich erst, nachdem der deutsche Faschismus durch die Eroberung des halben Kontinents zur unmittelbaren Bedrohung der eigenen imperialistischen Ziele geworden war. Denn Hitlers Ziel hieß Weltherrschaft, und das konnten die anderen Großmächte nicht zulassen. So wurde die alliierte Kriegskoalition nicht von einem gemeinsamen Antifaschismus zusammengehalten, sondern vom Kampf gegen die Achsenmächte als imperialistische Konkurrenten. Der Wettlauf um die Entwicklung der Atombombe war somit ein Wettlauf zwischen den fortgeschrittensten imperialistischen Staaten um zukünftige Macht und Profite. Deshalb pumpten die USA innerhalb von drei Jahren die für damalige Verhältnisse gigantische Summe von zwei Mrd. Dollar in ihr Atomprojekt, und deshalb mußten sie die Bombe auch zünden, um zu beweisen, welche Zerstörungskraft sie besitzt.

Im Anfangsstadium des Kalten Krieges hatten sie dadurch einen entscheidenden Abschreckungsvorteil gegenüber Stalin. Wie der damalige US-Verteidungsminister Forestal 1947 sagte: „Die Jahre, die vergehen, ehe eine mögliche Großmacht die Fähigkeit erreicht, uns wirksam mit Massenvernichtungsmitteln anzugreifen, sind die Jahre unserer Chance.“

Der Politik der Zurückdrängung des sowjetischen Einflusses, des roll-back, vor allem in Europa, sollte mit dem nuklearen Potential Nachdruck verliehen werden. Churchill erklärte 1948: „Wir wollen die Dinge zu einer Entscheidung bringen ... Die Westmächte dürften viel eher ein dauerhaftes Abkommen ohne Blutvergießen erreichen, wenn sie ihre gerechten Forderungen erheben, solange sie über die Atomenergie verfügen und bevor die russischen Kommunisten ebenfalls darüber verfügen.“

Zum Entsetzen der USA brach jedoch bereits 1949 der erste sowjetische Atomtest ihr Monopol, und in der Folge setzte ein beispielloses Wettrüsten ein. Wasserstoffbombe, Mittelstreckenraketen, taktische Atomwaffen, Atom-U-Boote, Cruise Missiles und SS-20 – astronomische Summen wurden von den Supermächten aufgewendet, um dem Konkurrenten überlegen zu sein und die eigenen Machtsphären verteidigen und ausweiten zu können. Auf dem Höhepunkt des Wettrüstens besaßen die USA 32.500 nukleare Gefechtsköpfe; die weltweit vorhandenen, einsatzbereiten Waffensystem reichten aus, um die Erdbevölkerung 38mal auszurotten. In zahlreichen Krisensituationen benutzten die Atommächte ihr nukleares Potential, um den Gegner einzuschüchtern, so während der Suez-Krise 1956, der Berlin-Krise 1961 sowie der Kuba-Krise 1962.

Auch andere Staaten erkannten, daß nur ein eigenes nukleares Potential es ermöglichte, im Konzert der Großen mitzuspielen: Frankreich, England und China entwickelten nukleare Waffensysteme, und auch die BRD wollte unter ihrem Verteidigungsminister Franz-Josef Strauß Ende der 50er Jahre nuklearen Teilhaberstatus erreichen.

 

Machtfaktor Bombe

Weit davon entfernt, angesichts ihrer furchtbaren Wirkung weltweit geächtet zu sein, machte die Atombombe eine rasante Entwicklung durch. 2.022 Kernexplosionen sind seit 1945 unternommen worden, um die Zerstörungstechnik zu verfeinern. Die modernen Nachfolger der Hiroshima-Bombe sind bei weitem kleiner und zielsicherer und haben eine ums Hundertfache größere Sprengwirkung.

Auch nach dem Ende des Kalten Krieges werden die Horrorwaffen weiterentwickelt, und neue nukleare Systeme entstehen. Da die Konkurrenz zwischen den Großmächten erhalten bleibt – wenngleich mit anderen Konstellationen – kann es sich keine leisten, auf ihr Atompotential zu verzichten. Die jüngste Entscheidung Frankreichs, seine Atomtests wiederaufzunehmen, ist daher eine klare Machtdemonstration, ein deutliches Zeichen, daß das Land weiterhin den Status einer unabhängigen Großmacht hat. Prompt wurden auch in den USA Stimmen laut, die forderten, die Atomtests wiederaufzunehmen.

Diese Realitäten zeigen, daß es naiv wäre, sich für die Beseitigung der atomaren Bedrohung auf die Initiative der Atommächte zu verlassen. Die Tatsache, daß sie im Frühjahr auf eine Verlängerung des Vertrages über die Nichtverbreitung von Atomwaffen gedrängt haben, beweist nicht ihren Friedenswillen, sondern nur, daß sie ein exklusiver Club bleiben wollen. Ebensowenig sind die Abrüstungsverträge zwischen den USA und Rußland dazu geeignet, der Menschheit die Angst vor dem atomaren Inferno zu nehmen. Selbst wenn beide Seiten die im START II-Vertrag vorgesehenen Reduzierungen durchführen, bleiben jedem noch immer über 3000 nukleare Sprengköpfe für interkontinentale Systeme.

Der 6. August 1945 hat gezeigt, daß die imperialistischen Staaten dazu bereit sind, Atomwaffen einzusetzen, um ihre Macht zu konsolidieren. Und solange es imperialistische Konkurrenz gibt, besteht die Gefahr, daß sie es wieder tun.

von Christoph Sternal

Sozialismus von unten (1. Serie) Nr. 4, Sommer 1995

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