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Es geht ab wie die Post

Rainer Roth ist arbeitsloser Schlosser und Mitinitiator der Montagsdemonstrationen im brandenburgischen Senftenberg.
In Senftenberg leben 20.000 Menschen. Zur ersten Montagsdemo gegen Hartz IV kamen 1.500, am Montag danach 3.000. Wie habt Ihr das geschafft?
Am Anfang waren wir nur vier Attac-Aktive und –Sympathisanten. Wir haben uns zusammen getan, um gegen die Agenda 2010 zu mobilisieren.
Mit einer Veranstaltung im Bürgerhaus wollten wir vorstellen, wer wir sind und was wir von der Agenda und Hartz IV halten. Dazu haben wir Luigi Wolf von der Projektgruppe Agenda 2010 aus Berlin eingeladen.
150 Leute kamen. Wir haben sehr schnell gemerkt, dass es ein ungeheures Potential für Widerstand gibt – es ging ab wie die Post. Die Leute waren nicht gekommen, um einfach nur zuzuhören. Viele sind aufgesprungen, um ihrer Wut Luft zu machen. Sie meinten: „Wir wollen nicht nur rumschwafeln, sondern was tun. Ihr schwafelt ja auch nur.“
Einige wollten sogar gleich vom Bürgerhaus aus losdemonstrieren. Schließlich haben wir Montagsdemos vorgeschlagen. Alle waren sofort einverstanden.

Woher kommt die Wut?
Hier in der Gegend sind seit Jahren 25 Prozent der Bevölkerung arbeitslos. Die Frustration gegenüber der Politik ist ungeheuer groß. Die Gnadenlosigkeit der Regierung, die sich in Hartz IV ausdrückt, schlägt da ganz besonders durch.
Deshalb geht der Protest quer durch die Bevölkerung. An den Montagsdemos beteiligen sich Arbeitslose, Sozialhilfeempfänger, aber auch Rentner und Arbeiter, die gar nicht direkt von Hartz IV betroffen sind. Es musste einfach was passieren.

Dennoch ist es erstaunlich, dass ihr nach der Veranstaltung innerhalb von vier Tagen 1.500 zur Demo mobilisieren konntet.
Bei der Veranstaltung hatten wir Listen. Da haben sich 20 Leute eingetragen, die mithelfen wollten. Wir sind gleich los wie die Wiesel, um alles zu organisieren – die Anmeldung bei der Polizei, die Flugblätter, und so weiter. Auch bei Demo hatten wir solche Listen dabei. In die haben sich noch mal 150 Leute eingetragen. Inzwischen sind wir bei 200, die helfen wollen und einen festen Kern von 22 Leuten, die sich jetzt regelmäßig treffen und die weitere Vernetzung planen.

Schröder hat angekündigt, Hartz IV zu entschärfen. Ihr fordert „Hartz IV muss weg“…
Und wir bleiben dabei. Schröder versucht nur zu beschwichtigen. Dieses scheinbar auf die Menschen Zugehen kommt hier nicht an. Das kauft ihm niemand ab und an unserer Front bröckelt deshalb auch gar nichts.
Zu uns braucht kein Politiker mehr kommen, um mit irgendwelchen Vorschlägen die Wut abzuschwächen.

Was für eine Rolle spielt die WASG bei euch?
Die WASG war am Anfang noch nicht so das Thema. Das ändert sich aber. Gestern hatten wir eine Veranstaltung, wo Luigi Wolf von der WASG gesprochen hat. Bei den Leuten ist das gut angekommen, weil sie nach einer wirklichen Alternative suchen.
Viele wählen zwar die PDS aus Protest gegen Rot-Grün. Aber die PDS ist nicht in der Lage, etwas Entscheidendes zu verändern. Wo sie – wie in Berlin – selbst in der Regierung ist, kürzt sie mit. Deshalb suchen die Leute nach einer Partei, die für eine wirklich andere Politik steht.
Ich bin selbst beigetreten und ich werde mithelfen, die WASG hier aufzubauen.

Zu einigen Montagsdemos sind auch organisierte Nazis gekommen. Wie ist es bei euch?
Das wird insgesamt übertrieben, um den Charakter der Demos runterzuspielen. Bei uns gab es überhaupt keine Nazis. Rechte Propaganda hat hier wenig Chancen. Die Menschen in Senftenberg orientieren sich in erster Linie nach links.

Linksruck Nr. 182, 18. August 2004

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