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Filmriss:

Untergänge

Produzent und Drehbuchautor Eichinger will mit seinem Film „Der Untergang“ Hitler als „Menschen“ zeigen. Nun gibt es tatsächlich genug Filme, in denen Nazis aus reiner Bosheit jeden töten, der ihnen über den Weg läuft.

Genauso wenig nützt es jedoch, Hitler in seinen letzten Tagen als gebrechlichen Alten zu zeigen, der gerne Handküsse verteilt und ständig von unfähigen Generälen verraten wird. Fast möchte der Zuschauer Hitler nachsehen, dass er ab und zu die Nerven verliert und darüber phantasiert, wen er alles erschießen lässt.

Zwar ist Bruno Ganz’ Darstellung von Hitler beeindruckend. Doch wird die Leistung des Schauspielers verschenkt, weil Eichinger das Ende der Nazi-Diktatur aus jedem historischen und politischen Zusammenhang reißt. Selbst Hitlers Schäferhund spielt eine größere Rolle als die sechs Millionen Opfer des Holocaust. Und die melodramatische Inszenierung von Regisseur Oliver Hirschbiegel tut ein Übriges. So bekommt man manchmal den Eindruck, tragischen Helden bei ihrem letzten Kampf zuzusehen.

Ex-Bundeskanzler Kohl und Lord George Weidenfeld waren allerdings recht angetan von Eichingers Werk. In einem Interview, das die beiden Herren kürzlich der Bild gaben, erkannte Weidenfeld „durchaus Parallelen“ zwischen dem Nationalsozialismus und „dem islamischen Fundamentalismus“. Und Kohl wollte „das Argument bezüglich des Fanatismus noch einmal unterstreichen“. Das sei „eine der wichtigsten Botschaften dieses Filmes.“

Nun gibt es auch fanatische Briefmarkensammler, und trotzdem hat noch niemand Blutbäder angerichtet, um die ‚Blaue Mauritius’ zu erobern. Abgesehen davon standen die Nazis an der Spitze einer mächtigen Industrienation; sie verfügten über eine riesige Armee und konnten deshalb die Welt mit Krieg überziehen. Ein Vergleich mit „dem islamischen Fundamentalismus“ drängt sich also geradezu auf, zumal ja allgemein bekannt ist, dass „die Islamisten“ damit drohen, demnächst die Regierung der USA, Großbritanniens und der EU-Staaten zu übernehmen. Solche Kleinigkeiten sind freilich unter der Würde eines Helmut Kohl.

Auch Arno Widmann, leitender Redakteur der Berliner Zeitung, ist über Feinheiten erhaben. Anlässlich von „Der Untergang“ machte sich Widmann tief schürfende Gedanken und kam zu folgendem Schluss: „Der Nationalsozialismus ist vergleichbar und er ist auch nicht einzigartig, jedenfalls nicht einzigartiger als all die anderen Massaker auch.“

Und wieder sind wir etwas klüger geworden. Wir wissen jetzt: Hitler hatte auch seine angenehmen Seiten, die wahre Gefahr geht von „den Islamisten“ aus, und der Holocaust war halt einer dieser Völkermorde, wie sie im Kapitalismus nun mal vorkommen.

Ein Glück, dann müssen wir uns um die NPD ja keine Sorgen machen.

von Daniel Illger (E-Mail)

Linksruck Nr. 185, 29. September 2004

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