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Zur Rechtschreibreform:

Ausnahmsweise eine echte Reform

Springerpresse und Spiegel riefen im August den „Aufstand“ gegen die Rechtschreibreform aus. „Literaturpapst“ Reich-Ranicki stimmte in den Chor mit ein. Sie führten Beispiele neuer Schreibungen ins Feld, die fast alle falsch waren, oder zu denen die neuen Regeln Alternativen zulassen.

Seit Einführung der Reform gab es organisierten Protest vor allem von rechts, von Vereinen zur „Rettung der deutschen Sprache“ bis zu Nazis.

Ein Jahr nach der Umstellung in der Presse kehrte die Frankfurter Allgemeine Zeitung mit großem Tamtam zu den alten Regeln zurück. Damals handelte es sich um ein Zugeständnis an die wertkonservative Klientel der FAZ. Nun soll die ganze Rechtschreibreform gekippt werden.
Sprachforscher des gesamten deutschsprachigen Raums haben jahrelang an dieser Reform gearbeitet, um die Schriftsprache zu vereinfachen. Das ist ihnen nur teilweise gelungen, weil sie dem Druck von Kritikern nachgaben. Es macht zum Beispiel keinen Sinn, „Fantasie“ zuzulassen, nicht jedoch „Fantom“ oder „Filosofie“.

Die durch die Reform gehäuften Großschreibungen folgen zwar einer gewissen Logik. Im Grunde hätte das Ziel aber eine gemäßigte Kleinschreibung sein müssen, in der nur noch Satzanfänge und Eigennamen mit großen Anfangsbuchstaben geschrieben werden – was in den meisten Ländern der Welt üblich ist. Damit wäre eine wirkliche Erleichterung geschaffen worden.

Entsprechende Versuche gab es in den 60er und 70er Jahren, als gesellschaftliche Konventionen durch soziale Bewegungen allgemein in Frage gestellt wurden. So erschien die Zeitschrift der in der IG Druck und Papier organisierten Journalisten, die feder, über Jahre in gemäßigter Kleinschreibung.

Die heutigen Kritiker fordern dagegen den Rückschritt. Reich-Ranicki behauptet, die „Kluft zwischen der Sprache der Literatur und der des Volkes“ vertiefe sich jetzt noch mehr. Damit vermengt er Sprechen und Schreiben – eine Ohrfeige für Schreibunkundige, Menschen mit Schreibschwächen oder Immigranten, die sich durch die deutsche Schriftsprache mühen müssen. Außerdem haben gerade Schriftsteller immer wieder Sprache und Schreiben verändert, indem sie Wörter schufen, die in keinem Duden zu finden waren.

Wer die Bildungskluft schließen will, sollte nicht die Rückkehr zur alten Orthografie fordern, sondern dass alle Menschen einen freien Zugang zu Bildung erhalten.

Das jedoch tun die Kritiker der Rechtschreibreform nicht. So hieß es im Spiegel- wo sonst bei jeder Gelegenheit Sozialabbau gefordert wird -, die Reform „veränderte das, was viele Deutsche noch gemeinsam haben: die Sprache“. Dies ist einer der wenigen Sätze, die andeuten, worum es wirklich geht. Die Debatte um die Rechtschreibreform soll von den Protesten gegen die Agenda 2010 und Hartz IV ablenken. Dem Klassenkampf soll ein deutschtümelnder Kulturkampf entgegengesetzt werden.

Allein das ist ein Grund, die Rechtschreibreform, die ausnahmsweise eine wirkliche Reform ist, zu verteidigen – auch wenn sie viel radikaler hätte ausfallen können.

Linksruck Nr. 186, 13. Oktober 2004

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