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Opel-Streik:

Am längeren Hebel

Seit Donnerstag dem 14. Oktober stehen in den Bochumer Opel-Werken alle Räder still. Ein Arbeiter ruft: „Entweder streiken wir – oder Hartz IV! Wir lassen uns nicht kampflos schlachten“. General Motors, der Besitzer von Opel, hatte angekündigt, in Europa 12.000 Stellen zu streichen. Allein in Bochum sollten 4.000 der 9.600 Arbeitsplätze gekürzt werden.

Ein Arbeiter erklärt: „Erst war es Siemens, dann folgten andere Unternehmen. Bis 2009 wollen sie ganz dicht machen. Wo sollen die Leute dann arbeiten? Die Osterweiterung wird genutzt, um hier das Lohnniveau radikal zu senken. Wir können nicht mit Löhnen von 3 bis 4 Euro konkurrieren, wir müssen unsere Mieten und Nebenkosten bezahlen. Und die betragen nicht nur 100 Euro im Monat. Für die Lebensverhältnisse interessieren sich die da oben nicht. Die haben ihre Millionen im Sack.“
Jetzt wehren sich die Kollegen. „Wir sind am Drücker, wir sitzen am längeren Hebel“, ruft ein Arbeiter bei einer Kundgebung auf dem Werksgelände ins Mikrofon. Seine Kollegen blockieren mit Gabelstaplern die Werkstore, um Lastwagen an der Auslieferung von Material zu hindern. Kein beladener LKW wird mehr herausgelassen, fertige Autos schon gar nicht. Jeder Streiktag kostet General Motors 1200 Autos, umgerechnet 30 Millionen Euro.

„In Bochum werden die Achsen für den Astra produziert, der in den General-Motors-Werken im belgischen Antwerpen, im englischen Ellesmere Port sowie im polnischen Gleiwitz gebaut wird“, erklärt Betriebsrat Marquardt. Bei der Just-in-time-Produktion gebe es einen Vorlauf von drei Tagen. In Antwerpen geht deshalb ab Samstag nichts mehr. Ab Mittwoch steht auch das Werk in Ellesmere Port still. Opel-Kaiserslautern wäre ab Donnerstag dran gewesen. In der nächsten Woche hätte General Motors in ganz Europa schließen müssen.
Die Streikenden bekommen jeden Tag Besuch. Delegierte aus anderen Betrieben, Studierende, Schüler, Aktivisten vom globalisierungskritischen Netzwerk Attac, von der Bewegung gegen Hartz IV und viele andere zeigen Solidarität, bringen Getränke und Lebensmittel.

Ständig flattern per Fax Solidaritätserklärungen aus allen Ecken Deutschlands und der ganzen Welt herein. Bei einem Spiel der Bochumer Fußballer grüßen Zuschauer und Spieler die Streikenden mit Transparenten und Schildern. An der Bochumer Montagsdemo nehmen mehrere 1000 Menschen teil. Diesmal geht sie zum Werkstor von Opel.
Am Dienstag dem 19. Oktober legen in ganz Europa 100.000 General-Motors-Arbeiter die Arbeit nieder, davon 50.000 in Deutschland. In Demonstrationszügen tragen die Menschen ihre Wut auf die Straße. Der Europäische Metallgewerkschaftsbund hat in allen General-Motors-Werken in Europa einen Protesttag gegen den Konzern organisiert.

Nur die Vorsitzenden der IG Metall Peters und Huber und der Chef des Gesamtbetriebsrats von Opel Franz sprechen auf der Bühne der Abschlusskundgebung nicht davon, den Streik auszuweiten, um den Druck auf den Konzern zu erhöhen. Den Bochumer Kollegen haben sie nicht einen Cent aus der Streikkasse der Gewerkschaft gegeben.
Die Streikenden hoffen auf den nächsten Tag. Der Betriebsrat hat eine Versammlung der Belegschaft angesetzt, um über die Fortsetzung des Streiks abzustimmen.

Mittwoch, 20. Oktober: 4647 der 6404 anwesenden Arbeiter stimmen für den Abbruch des Streiks. Auf dem Abstimmungszettel vom Betriebsrat stand: „Soll der Betriebsrat die Verhandlungen mit der Geschäftsleitung weiterführen und die Arbeit wieder aufgenommen werden?“ Die möglichen Antworten waren „Ja“ und „Nein“.
Andreas Felder, stellvertretender Vertrauenskörperleiter der IG Metall, fordert den Rücktritt des Betriebsrats: „Ein ,Nein‘ würde unter diesen Umständen bedeuten, dass die Belegschaft keine Verhandlungen will. Wir haben klar gesagt, dass wir Verhandlungen aufnehmen und nur darüber entscheiden wollen, ob wir die Arbeit wieder aufnehmen. Einigen Kollegen war erst im Nachhinein klar, welchen wirklichen Inhalt die Frage hatte.“ Vorher hatten die Betriebsratsvorsitzenden mit Hilfe des Werkschutzes die Unterstützer des Streiks daran gehindert, am Mikrofon zu sprechen.

„Wir fühlen uns wie auf der Schlachtbank“, beschreibt ein 53-jähriger Arbeiter die Stimmung unter den Kollegen nach einem schweigsamen Arbeitstag. Aber er hat noch nicht aufgegeben. Die Jüngeren in seiner Abteilung seien bereit, weiter zu kämpfen. Rainer ist sicher: „Wenn es keine anständige Einigung gibt, gehen wir wieder auf die Straße.“

von Irmgard Wurdack (E-Mail)

Linksruck Nr. 187, 27. Oktober 2004

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