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Tarifrunde im Öffentlichen Dienst:

Interview: Länger arbeiten kostet Jobs

Bund, Länder und Kommunen wollen die Arbeitszeiten im öffentlichen Dienst verlängern. Was bedeutet das für die Menschen, die im öffentlichen Dienst arbeiten?
Sie werden für dasselbe Geld 41 oder 42 Stunden arbeiten müssen. Das ist eine massive Lohnkürzung. Außerdem wird ihnen die Arbeitszeitverlängerung viel Motivation nehmen. Der Druck zur Arbeitszeitverlängerung geht aber noch weiter. Man sollte nicht glauben, dass Ruhe einkehrt, wenn man jetzt die Verlängerung schluckt.
Das Kapital verlangt eine weitere Senkung der Steuersätze und die Abschaffung der Gewerbesteuer. Das wird die Krise der Staatsfinanzen weiter verschärfen. Zweck der Arbeitszeitverlängerung ist es, Kosten zu sparen, indem Stellen gestrichen werden.

Allein in NRW kostet die Arbeitszeitverlängerung 11.300 Arbeitsplätze. Was bedeutet das für die Menschen, die auf den öffentlichen Dienst angewiesen sind?
Die Mitarbeiter müssen immer mehr Arbeit erledigen, weil Stellen nicht neu besetzt werden. Durch die Verlängerung der individuellen Arbeitszeit steigt die Belastung im öffentlichen Dienst. Je weniger Zeit die Mitarbeiter für die Kunden haben, desto schlechter ist das für sie.

Auch bei Siemens, Daimler und anderen Konzernen wird die Arbeitzeit verlängert. Das Hauptargument ist, dass man damit die Wirtschaft wieder in Schwung bringen und Arbeitsplätze schaffen kann. Stimmt das?
Die Konzerne rechnen ganz anders. Erstens wollen sie, dass die Lohnstückkosten fallen. Wenn die fallen, dann können die Unternehmen ihre Produkte auf dem Weltmarkt billiger anbieten. Damit wollen sie Konkurrenten aus dem Feld schlagen. Das soll dann dazu führen, dass bei ihnen die Nachfrage steigt. Wenn das klappt, bedeutet die Arbeitszeitverlängerung in einem Konzern, dass in einem anderen Arbeitsplätze verloren gehen.
Es gibt noch eine zweite Rechnung: Je mehr Kapital investiert wurde, desto länger müssen die Maschinen laufen, damit sich die Investition für den Konzern lohnt. So wird die erhöhte Produktivität, die wir für eine Verkürzung der Arbeitszeit nutzen könnten, zum Motor für die Verlängerung der Arbeitszeit. Darum arbeiten die Menschen in der Industrie heute länger als 1991.

Gibt es keine Alternative zu längeren Arbeitszeiten?
Ich denke, wir sollten eine Verkürzung der Arbeitszeit fordern. Wenn wir von den Interessen der Arbeiter und Angestellten ausgehen, ist das absolut notwendig.
Im öffentlichen Dienst ist das nur möglich, wenn wir gleichzeitig für die Rücknahme der Gewinnsteuersenkungen durch die Steuerreform eintreten.
In anderen Bereichen gilt: Wenn die Menschen produktiver arbeiten, aber ihr Lohn gleich bleibt, dann steigt der Anteil der Arbeitszeit, den sie über ihren Lohn hinaus für die Konzerne arbeiten. Darum sollten wir uns eher hin zu einer 30-Stunden-Woche bewegen als zu einer 42-Stunden-Woche.

Und wie kann man das durchsetzen?
Wir müssen uns darüber einig werden, dass das möglich und nötig ist. Die IG Metall war vor 20 Jahren die Vorreiterin der Arbeiterzeitverkürzung, heute ist sie die Vorreiterin der Arbeitszeitverlängerung. Die Mehrheit an der Spitze der Gewerkschaft will die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen retten, auch wenn das nur auf Kosten der Beschäftigten möglich ist. Wer das will, kann nicht für die Verkürzung der Arbeitszeit sein. Wenn das anders werden soll, müssen Gewerkschafter in Opposition zu ihrer Führung die Argumente verbreiten, die zeigen, dass eine Verlängerung der Arbeitszeit ihnen nichts bringt.

Linksruck Nr. 189, 24. November 2004

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