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Wie Auschwitz möglich wurde

Buchtipp

Zum Thema erscheint im März die Broschüre

Stoppt die Nazis!
Argumente gegen Rassismus und Faschismus
Von Marcel Bois und Philipp Kufferath
44 Seiten


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Vor 60 Jahren wurde das Konzentrationslager Auschwitz befreit. Über 6 Millionen Menschen haben die Nazis zwischen 1933 und 1945 ermordet. Sie haben die technischen Möglichkeiten eines modernen Industriestaates benutzt, um die europäischen Juden systematisch auszurotten. Wie konnte es zum Holocaust kommen?

Der Aufstieg der Nazis begann mit der Weltwirtschaftskrise 1929, von der Deutschland besonders hart getroffen wurde. Große wie kleine Firmen gingen Bankrott. Die Unternehmen senkten die Löhne der Arbeiter durchschnittlich um ein Drittel. Die Zahl der Arbeitslosen stieg von 1,3 Millionen (1929) auf 6 Millionen (1933). In den Städten hungerten Hunderttausende. Auch ein großer Teil der Mittelschicht stürzte ins Elend.

Die Nazis missbrauchten die Verzweiflung der Menschen, um sich als einzige Alternative für die Armen aufzuspielen. Zwischen 1928 und 1932 stieg der Stimmenanteil von Hitlers Nationalsozialistischer Deutscher Arbeiterpartei (NSDAP) bei Parlamentswahlen von 2,8 auf 37,4 Prozent. Die Nazi-Terrororganisation SA wuchs auf über 400.000 Mitglieder. Vor allem Arbeitslose und die Mittelschicht – kleine Selbstständige, höhere Angestellte, Beamte oder Akademiker – unterstützten die Nazis. Diese gesellschaftlichen Gruppen waren von der Wirtschaftskrise besonders betroffen.

Die Arbeitslosen waren verzweifelt. Nachdem die Regierung alle sozialen Sicherungssysteme praktisch aufgelöst hatte, mussten die meisten Arbeitslosen ums Überleben kämpfen. Hoffnung auf Arbeit gab es kaum.
So konnte besonders die SA viele Verzweifelte anziehen. Hier konnten Arbeitslose Essen, Kameradschaft bekommen. Durch den Rassismus und Antisemitismus der Nazis hielten sie sich für überlegen, weil Ausländer, Juden und Homosexuelle angeblich minderwertige Menschen waren.

Die Mittelschicht litt unter der Krise, weil kleine Unternehmen durch die immer härtere Konkurrenz gegen Konzerne und Banken oft nicht überleben konnten. Gleichzeitig wehrten sich die Gewerkschaften dagegen, die Krise mit Entlassungen und Lohnkürzungen auf die Arbeiter abzuwälzen. So standen Selbstständige von zwei Seiten unter Druck.

Auch Beamte und höhere Angestellte verelendeten durch Lohndruck und Entlassungswellen. Anders als Arbeiter hatten sie aber nicht mal den minimalen Schutz von Gewerkschaften und Tarifverträgen. So empfand die Mittelschicht die Krise noch härter als die Arbeiter.

Viele dieser Menschen glaubten den Nazi-Parolen, die sich sowohl gegen Großkapital als auch gegen Gewerkschaften richteten. Der Antisemitismus bot der Mittelschicht scheinbar eine Erklärung für ihre Armut: Die jüdische Weltverschwörung. Um das „deutsche Volk“ zu vernichten, hätte sich das „jüdische Finanzkapital“ mit der „jüdisch-bolschewistischen Arbeiterbewegung“ verschworen. Dem setzten die Nazis die scheinbar revolutionäre Lösung der „Volksgemeinschaft“ ohne Juden gegenüber.

Obwohl der Nationalsozialismus eine Bewegung der Mittelschicht war, brauchte Hitler zur Machtergreifung die Unterstützung des Kapitals. Anfang der 30er Jahre führte die zusammengebrochene kapitalistische Gesellschaft zu einer politischen Radikalisierung vieler Menschen. Nicht nur die Nazis profitierten davon. Auch die Organisationen der Arbeiterbewegung gewannen viele Mitglieder.

Die Großunternehmer fürchteten, dass die Arbeiterklasse ihnen die Kontrolle der Wirtschaft entreißen könnte. Erst 1918 hatte eine revolutionäre Arbeiter- und Soldatenbewegung Kaiser Wilhelm II. gestürzt und den Ersten Weltkrieg beendet. Diese Bewegung griff aber auch den gesamten Kapitalismus an. Überall wurden Arbeiter- und Soldatenräte gebildet, die nur mit Hilfe rechtsradikaler Freikorps zerschlagen werden konnten.

Die Nazis versprachen den Unternehmern, die Arbeiterbewegung zu vernichten. 1931 beschlossen führende Vertreter des Großkapitals, Hitler große Summen zu spenden – darunter Allianz, Thyssen und Krupp.
Nachdem Hitler 1933 zum Kanzler ernannt wurde, verbot er innerhalb weniger Monate alle Arbeiterparteien und Gewerkschaften. Tausende Sozialdemokraten, Kommunisten und Gewerkschafter wurden verhaftet oder ermordet.

Die radikale Veränderung der Gesellschaft blieb hingegen aus. Anstatt wie versprochen gegen die „Bonzen“ vorzugehen, gewährte die Hitler-Diktatur den Großunternehmern alle möglichen Erleichterungen. Führende Nazis, wie Reichsmarschall Göring gehörten zur „besseren Gesellschaft“, gegen die die Nazis immer gewettert hatten.

Dadurch wurde der Antisemitismus für sie besonders wichtig, um ihren Mitgliedern und treuen Anhängern eine ideologische Grundlage zu erhalten. Die Nazis behaupteten, eine „jüdisch-bolschewistische Weltverschwörung“ hätte die Revolution von 1918 geführt. Viele Nazis hatten damals in Freikorps die Revolution bekämpft. Um eine Wiederholung zu verhindern, bedurfte es angeblich der „Entfernung des Juden aus dem arischen Volkskörper“, wie Hitler schon 1924 in „Mein Kampf“ schrieb.
Bis 1938 versuchten die Nazis vor allem durch Boykott jüdischer Geschäfte und zahlreiche Erniedrigungen Juden zur Auswanderung zu zwingen. Am 9. November 1938 wurden Juden dann offen mit Terror verfolgt. Die Nazis steckten 190 Synagogen in Brand. Die Reichspogromnacht zeigte allen, wie ernst die Nazis ihr Ziel verfolgten, keine Juden in Deutschland zu dulden. Gleichzeitig sollten alle Deutschen für die mörderische antisemitische Politik gewonnen werden. Letzteres scheiterte. Die meisten Menschen – auch Parteimitglieder – waren empört über den Nazi-Terror.

Deshalb sollte die „Reinigung des arischen Volkskörpers“ nicht mehr auf der Straße, sondern durch Staat und Partei erfolgen. Staatsapparat und moderne Industrie sollten dafür genutzt werden, massenhaft Juden zu internieren und zu ermorden. Seit der Eroberung Polens lebten Millionen Juden unter deutscher Herrschaft. In den polnischen Großstädten wurden die Juden in Ghettos zusammengepfercht. Der nächste Schritt zum Holocaust war, die Menschen dort verhungern zu lassen oder sie zu erschießen.

Mit dem Überfall auf die Sowjetunion 1941 erreichte die Vernichtung der Juden eine noch größere Dimension. Der Krieg in Osteuropa wurde im Interesse des Großkapitals geführt, das sich Rohstoffe und Industrieanlagen erhoffte.
Für die Nazis vertrat die Sowjetunion die „jüdisch-bolschewistische Weltverschwörung“. Deshalb wurde der Angriff als Vernichtungskrieg geführt. Den deutschen Truppen folgten mobile Mordeinheiten von SS und „Sondereinsatzgruppen“. In den eroberten Städten wurden jüdische Viertel abgeriegelt, um die Bewohner mit Massenerschießungen zu töten. 500.000 Juden wurden bei der ersten Welle der Tötungsaktionen ermordet. 2 Millionen russische Juden überlebten in von Deutschland besetzten Gebieten.

Diese Menschen wurden in KZs gebracht, wo die Nazis den Schritt zur industriellen Massenvernichtung taten. Konzentrationslager zur Internierung großer Zahlen von Gefangenen waren schon 1933 errichtet wurden. Erst später wurden diese Lager genutzt, um so viele Menschen wie möglich zu ermorden Dies geschah, weil die Mitglieder der Sondereinsatzgruppen zunehmend von ihrer grauenhaften Aufgabe traumatisiert wurden.

Gaskammern ermöglichten, täglich tausende Menschen zu töten, ohne dass ein Soldat es direkt mit ansehen musste. Die KZs funktionierten so schnell, effektiv und rationell wie eine Fabrik.

Das Kapital war nicht die treibende Kraft hinter dem Holocaust. Auch wenn einige Konzerne von Enteignungen und Zwangsarbeit von Juden profitierten, überstiegen die Kosten den wirtschaftlichen Nutzen. Auch militärisch erfüllte der Holocaust keine Zweck. Vielmehr vernichtete er knappe Facharbeiter und nutzte Eisenbahnkapazitäten, die eigentlich für Rüstungs- und Nahrungsmittelnachschub gebraucht worden wären.

Dennoch trägt das Kapital eine Mitschuld am Holocaust. Die Unternehmer brauchten ihn nicht, aber sie nutzten die Nazis, um ihre Macht zu sichern. Die Nazis brauchten jedoch den Holocaust.

Kapitalismus ist ein krisenhaftes System, das menschenverachtenden Ideen wie dem Nationalsozialismus immer wieder die Möglichkeit gibt, verzweifelte Menschen zu gewinnen. Die Bedingungen, die den Holocaust ermöglichten, können wieder entstehen, solange der Kapitalismus die Welt beherrscht. „Nie wieder Faschismus“, schworen ehemalige KZ-Häftlinge schon 1945. Diesen Schwur können wir wahr werden lassen, wenn wir eine Welt erkämpfen, die nicht von Kapitalisten, sondern von den Menschen selbst demokratisch kontrolliert wird.

von Marcel Bois

Linksruck Nr. 191, 19. Januar 2005

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