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Linksruck argumente Nr. 5

Linksruck argumente Nr. 5

Schröder und die „Zwänge der Globalisierung“:

Hauen die Konzerne ab ?

Künstlich aufgebauscht

In den letzten Jahren ist es nicht zu einer Zunahme an Produktionsverlagerungen gekommen: „Betrachtet man die Kapitalströme, das heißt die Entwicklung der jährlichen [Auslands-]Direktinvestitionen, so zeigt sich, dass diese seit Ende der neunziger Jahre nicht etwa zugenommen haben [was ein Indiz für eine verstärkte Verlagerung von Produktionsstätten ins Ausland wäre], sondern vielmehr rückläufig waren.“3

Abwärtsspirale

„Die Globalisierung hat eins gebracht: Die Arbeitgeber richten sich nach den Gehältern der Amerikaner und die Arbeitnehmer sollen sich an den Gehältern der Chinesen orientieren.“10 Uwe Hück, Betriebsratsvorsitzender bei Porsche

Das in der Öffentlichkeit vorherrschende Bild der Globalisierung ist ein Mythos. Um Sozialabbau und Umverteilung zu rechtfertigen, werden schon länger die „Sachzwänge“ der Globalisierung angeführt, denen Staat und Politik hilflos gegenüber stehen würden. Bereits unter der Kohl-Regierung wurde die Globalisierung der Weltwirtschaft als naturgegebenes Schicksal dargestellt. Sollte die BRD es nicht schaffen, in einer globalisierten Welt wettbewerbsfähig zu bleiben, könne der „Standort Deutschland“ ins Hintertreffen geraten und durch Abwanderung von Unternehmen noch mehr Arbeitslosigkeit und Armut entstehen. Weil dieses Szenario immer und immer wieder beschwört wurde, waren viele Arbeitnehmer bereit, Einschnitte in Kauf zu nehmen.

Globalisierung als Mythos

Aktuell wird die Frage der Abwanderung von Konzernen vor allem im Zusammenhang mit der EU-Osterweiterung diskutiert. Hans-Werner Sinn, der Chef des neoliberalen Münchener ifo-Wirtschaftsinstituts forderte eine Halbierung der Löhne und Sozialhilfe in Ostdeutschland in Vorbereitung auf die Osterweiterung mit der Begründung, die Unternehmen würden sonst ihre Produktion nach Osteuropa verlagern. In allen Beitrittsländern liegen sowohl Unternehmenssteuersätze als auch Löhne weit unter dem BRD-Durchschnitt. Die Konzerne nutzten die Osterweiterung, um weiter in die Offensive zu gehen. Siemens drohte Anfang März 2004, tausende Arbeitsplätze nach Ungarn zu verlagern, wobei die Nicht-Umsetzung dieser Drohung an eine Reihe von Forderungen geknüpft wurde: u.a. die Wiedereinführung der 40-Stunden-Woche ohne Lohnausgleich und der Verzicht auf Weihnachts- und Urlaubsgeld. All dies sei praktisch die Mindestvoraussetzung für den „vorläufigen“ Erhalt der Arbeitsplätze.
Warum führen die Unternehmen überhaupt noch einen Kampf um Löhne und Arbeitsbedingungen in Deutschland, wenn es doch angeblich so einfach ist, die Produktion zu verlagen? Weil der Standort Deutschland im weltweiten Durchschnitt sehr gut dasteht.
Niedrige Löhne und Steuern sind nur ein Faktor in der Kalkulation von Unternehmen. Denn nicht nur die Löhne, auch die Arbeitsproduktivität liegt in der osteuropäischen Industrie deutlich unter dem EU-Durchschnitt. So erreicht das hoch entwickelte Slowenien hier nur 48%, Rumänien sogar nur 27% des EU-Durchschnitts. Einzig Ungarn kann mit 72% zumindest einigermaßen mithalten. Betrachtet man Arbeitskosten (Lohn plus Lohnnebenkosten) und Arbeitsproduktivität (den von der Arbeitskraft in Zusammenhang mit technischen Voraussetzungen, Infrastruktur und Ausbildungsniveau erbrachten Leistungen) zusammen, die Lohnstückkosten, dann stellen die zehn Beitrittskandidaten keine besondere Konkurrenz für deutsche Arbeitsplätze dar.

Die mangelnde Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands als Beleg für zu hohe Lohn- bzw. Lohnnebenkosten ins Spiel zu bringen, entbehrt jeder Grundlage. In einer Studie des WSI-Institutes wird analysiert: „Ein internationaler empirischer Vergleich zeigt, dass es in Deutschland seit 1996 im Gegensatz zu den Haupthandelspartnern – mit Ausnahme von Japan – im Jahresdurchschnitt zu keinem Anstieg der […] Lohnstückkosten gekommen ist.“1
Obwohl der Standort Deutschland angeblich so gefährdet ist, hat die deutsche Wirtschaft ihre Exporte seit 1994 trotz „hoher Löhne“ um ca. 80% gesteigert. Hohe Exporte zeigen eine hohe Wettbewerbsfähigkeit an. Deutschland ist heute sogar Exportweltmeister: Im August 2003 lagen die Ausfuhren mit umgerechnet 62 Milliarden US-Dollar um über sieben Prozent über denen der USA, obwohl dort dreieinhalb Mal so viele Erwerbstätige arbeiten.
Dennoch haben die Konzerne natürlich ein Interesse daran, Lohn- und Sozialkosten in Deutschland zu senken, da diese die einzigen „beeinflussbaren“ Kosten unter den Gesamtproduktionskosten sind. In der Realität spielen die Lohn- und Sozialkosten aber nicht die einzige Rolle bei Investitionsentscheidungen – das Kapital ist eben auch angewiesen auf einen Absatzmarkt, eine gute Infrastruktur (das sind allgemeine, vom Staat hergestellte Produktionsvoraussetzungen, wie eine funktionierende Energiezufuhr oder Verkehrswege), einen hohen Technologiestandard, auf hohe Produktivität, auf gut ausgebildete Arbeiter und auf politische Stabilität.
Deswegen fällt der Löwenanteil der deutschen Auslandsinvestitionen nicht auf sogenannte Billiglohnländer, sondern auf hochentwickelte Industrieländer mit ähnlich hohen Arbeitskosten wie in der BRD: „In den Branchen der Metallindustrie schwankt der Anteil, der auf die Industrieländer fällt, zwischen zwei Dritteln in der Automobilindustrie und über 80% im Maschinenbau.“2

Bei tatsächlich durchgeführten Arbeitsplatzverlagerungen hat es dabei oft ernüchternde Erfahrungen gegeben. Die dpa sprach zu Beginn des Jahres 2004 von der „Korrektur eines Trends“ und nannte als Beispiele einige große Namen der deutschen Industrie, die „Outsourcing-Maßnahmen“ rückgängig machten: „VW entwickelt seine Software für die Autoelektronik künftig wieder selbst, GlaxoSmithKline organisiert die Lagerung und Verteilung von Impfseren im Haus, und Opel holt mit seiner Telefonzentrale sogar einen „klassischen“ Outsourcing-Bereich zurück.“4 Unternehmer, die sich höhere Profite von Arbeitsplatzverlagerungen versprochen haben, kommen wieder zurück, weil sich eben dies nicht bewahrheitet. Im Gegenteil sahen sie sich bei der Verlagerung von Produktionsstätten ins Ausland mit Kosten konfrontiert (z.B. Infrastrukturkosten, Kosten für Personalabbau und Sozialpläne im Inland), die die Produktionskosten letztendlich nicht nennenswert verringerten.
Konzerne hauen nicht in Massen ab. Hochgradig internationalisierte Konzerne wie Siemens sind die Ausnahme, nicht die Regel. Die Unternehmen, die Produktionsverlagerungen vornehmen, machen diesen Schritt nicht weil in Deutschland die Löhne zu hoch sind – sie investieren vor allem in anderen Ländern, um dort die Märkte zu erobern. Mit der Drohung der Verlagerung wollen Unternehmen in erster Linie ihre Verwertungsbedingungen vor Ort verbessern, auf Kosten ihrer Arbeitnehmer. Diese werden durch das Erzeugen von Existenzängsten gegeneinander ausgespielt und dadurch zu immer schlechteren Arbeitsbedingungen gezwungen. Die Drohung der Arbeitgeber den „Standort“ zu verlassen, ist in Wahrheit Teil ihres Kampfes gerade um den „Standort“.
Ihr Bild von Globalisierung ist ein ideologisches Kampfmittel. Es dient dazu, uns die gesellschaftliche Entwicklung als unveränderliches Schicksal erscheinen zu lassen und ihre Politik der sozialen Kälte als die einzig mögliche.

Die Realität der Globalisierung

Dennoch steckt hinter Ideologie oft auch ein Körnchen Wahrheit. Tatsächlich nimmt der weltweite Konkurrenzdruck zu. Regierung und Arbeitgeber befinden sich in einem Wettlauf mit anderen kapitalistischen Mächten um die Weltspitze, insbesondere den USA. Dieser Wettlauf der „Standorte“, der mit der Suche nach rentablen Produktionsstandorten außerhalb des eigenen Staates einhergeht, kennt auf der Seite der Beschäftigten nur Verlierer.
Der Kapitalismus hat seit seinem Bestehen eine Tendenz sich über die Grenzen hinaus auszudehnen – daher haben auch schon früher, etwa im Zuge der wirtschaftlichen Stagnation nach 1873, Globalisierungsschübe stattgefunden. Weil das Kapital nur einen Zweck hat, die Vermehrung von Werten in noch mehr Werte, ist es ständig auf der Suche nach Orten, in denen die Profitproduktion zu bestmöglichen Bedingungen garantiert wird. Die Verlagerung von Arbeitsplätzen ist kein neues Phänomen. Schon Ende des 19. Jahrhunderts konnte so Druck auf die Löhne ausgeübt werden. Daher entstand mit der Internationalisierung auch eine weltweite Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt. Es gab und gibt einen Wettlauf nach unten. Dieser Wettlauf wird heute durch den massiven weltweiten Mangel an Jobs noch verschärft.5
Die Internationalisierung des Kapitals ist mit einer weiteren Grundtendenz des Kapitalismus aufs Engste verknüpft – den immer wiederkehrenden und sich tendenziell verschärfenden Wirtschaftskrisen. Seit Mitte der 1970er befindet sich die Weltwirtschaft in einer Stagnationskrise. Immer wieder kam es seitdem zu Rezessionen und keiner der darauf folgenden Aufschwünge war stärker als der vorherige – mit Ausnahme des Booms der USA in den 1990ern.

Die Krise der 70er Jahre hatte zur Folge, dass Investitionen in die Produktion nicht mehr so sicher wie noch 15 Jahre zuvor eine hohe Profitrate versprachen. Eine Überakkumulation von Kapital war die Folge, d.h. zu viel Kapital stand zu wenig lohnenden Investitionen in der Realwirtschaft gegenüber. In dieser Situation schwärmte das Kapital aus, ähnlich wie bei den Bienen, wenn es nicht mehr genug Honig im Bienenstock gibt, um eine expandierende Population zu nähren: Ein Teil erhebt sich und fliegt weg auf der Suche nach einer neuen Behausung. Die Internationalisierung des Kapitals war ein Versuch, einen Ausweg aus der Profitkrise zu schaffen.6
Um diesen Weg zu gehen, war und ist das Kapital auf den jeweiligen Nationalstaat angewiesen. Um in der internationalen Konkurrenz bestehen zu können, braucht das Kapital einen starken Nationalstaat. Der Staat verliert durch die Globalisierung nicht an Bedeutung, wie oft gesagt wird, sondern ist immens wichtig zur Wahrung der Interessen des inländischen Kapitals, sei es durch politische Beziehungen, Protektionismus oder im Notfall auch militärisch. Daher hat sich seit den 1970ern nicht nur der Wettbewerb zwischen Konzernen, sondern auch der Wettbewerb zwischen Staaten verschärft. Ein Konzern kann letztendlich seine Interessen nur so vehement vertreten, wie er einen starken Staat hinter sich hat, der seine Interessen weltweit wahrt.
Die Verstärkung der internationalen Wirtschaftsverflechtungen (Globalisierung) ist nicht die Ursache, sondern die Folge der Krisentendenz des Kapitalismus seit Mitte der 70er Jahre. Es ist nicht so, wie es dargestellt wird, dass die Probleme von außen kommen und den Frieden und Wohlstand im Innern bedrohen, sondern genau genommen umgekehrt. Die „Globalisierung“ ist Produkt und Ausdruck der Krise im Inneren. Wenn das Kapital im Heimatland seine Profite nicht mehr erhöhen kann oder diese gar fallen, versucht es neue Profitquellen zu erschließen. Das geschieht innerhalb des Heimatlandes, z.B. durch Privatisierungen, und nach außen in Form der Erschließung von neuen Absatzmärkten.
Mit dem Bild der Globalisierung hat es sich die Politik leicht gemacht. Nicht sie trägt die Verantwortung – schuld sind die Zwänge der Globalisierung. Dagegen war es in der Wirklichkeit gerade die Politik, die mit ihren Maßnahmen den Internationalisierungsschub erst richtig in Gang setzte. Der Aufbau der Europäischen Union zu einem großen Binnenmarkt mit einer einheitlichen Währung und heute die Osterweiterung waren Meilensteine auf diesem Weg – mit all ihren sozialen Konsequenzen. Auch internationale Wirtschaftsinstitutionen wie die WTO, die grenzenlosen Wettbewerb vorantreiben, sind keine Bündnisse von „heimatlosen“ Konzernen, sondern von Staaten und deren Regierungen. Hier sitzen Staatsvertreter und schlürfen Champagner, nicht Unternehmer. Die Schröder-Regierung steht der „Globalisierung“ nicht hilflos gegenüber, sie treibt die Entwicklungen selbst mit voran.

Wettbewerb mit den USA

Bis heute hat sich die wechselseitige Verflechtung der nationalen Kapitalien weiter entwickelt als jemals zuvor. Der Weltinvestitionsbericht aus dem Jahr 2000 stellt fest, dass die Auslandsdirektinvestitionen (FDI) „im Jahr 2000 einen Rekordstand von 1,3 Billionen Dollar erreichten ... 60.000 transnationale Konzerne mit über 800.000 Tochtergesellschaften im Ausland betrieben die globale Expansion.“7 Der überwiegende Teil der weltweiten Auslandsinvestitionen drängt weiterhin in reiche Länder und nicht etwa in arme Drittweltländer. Nur dort versprechen die Produktionsbedingungen, die wie schon beschrieben von mehr abhängig sind als dem Lohn, ein ertragreiches Geschäft.
Im Rückblick betrachtet haben die Internationalisierung des Kapitals und die neoliberale Umstrukturierung des Kapitalismus nicht den erhofften nachhaltigen Aufschwung erbracht. Im Gegenteil ist heute die Stagnation fortgeschritten, die Konkurrenz hat eine härtere Gangart angenommen – fressen oder gefressen werden lautet das Motto des Kapitals.
Da die Krisen durch die globalen Verflechtungen verstärkt gleichzeitig stattfinden, wird die internationale Konkurrenz schärfer, je tiefer die Krise hereinbricht. Im Jahr 2000 erfasste eine Wirtschaftskrise zunächst die USA, Europa und schließlich fast alle Industriestaaten. Das bekannte US-Wirtschaftsblatt Fortune schrieb: „Das Jahr 2001 war ein Rekordjahr – für Verluste. Unter den 500 größten Konzernen der Welt befanden sich 297 mit fallenden Profiten. […] Das war bei weiten der größte Einbruch bei den Profiten seit Fortune erstmals die Statistik Global 500 veröffentlichte.“8 Der Niedergang der Profite hatte seine Ursache keineswegs in zu hohen Lohnkosten oder zu kurzen Arbeitszeiten, wie behauptet wird. Die realen Lohnerhöhungen waren in den Jahren der Stagnation seit den 1970ern wesentlich niedriger als in denen hoher Wachstumsraten in den ersten Jahrzehnten nach 1945. In der BRD stiegen die realen Stundenlöhne in den 60er Jahren um 5,4% jährlich, gegenüber 0,95% in den 90er Jahren. Die fallenden Profite und die Krisenhaftigkeit sind vielmehr im kapitalistischen System verankert und wurzeln in der Anarchie des Marktes.9
Die Krise ab 2000 hat dem deutschen Kapital ernsthafte Sorgen bereitet. Die Angst ging um, auf dem Weltmarkt an Bedeutung zu verlieren. Es gab nur eine „Lösung“: Deutschland muss mithilfe Frankreichs im Rahmen der EU einen „Aufholprozess“ zu den USA in Gang setzen, mit dem Ziel, bis 2010 wirtschaftlich wieder zu den USA aufzuschließen. Die rot-grüne Regierung ist voll auf Linie des Kapitals. „Deutschland muss bis 2010 wieder Spitze werden“ war eine zentrale Aussage der Agenda 2010-Rede Schröders im März 2003. Die Logik dahinter: Deutschland muss die Wettbewerbsvorteile der USA aufholen. Die USA haben es vorgemacht, die wirtschaftliche und militärische Stärke der USA wurde finanziert auf dem Rücken der amerikanischen Arbeiter durch massive Umverteilung von unten nach oben. Daher muss sich auch in Mitteleuropa der Kapitalismus, um es in den Worten des Attac-Aktivisten Sven Giegolds zu sagen, „vom rheinischen zum schweinischen Kapitalismus“ verwandeln.
Der tatsächliche Hintergrund, vor dem wir die heutigen Angriffe auf den Sozialstaat und die Drohung der Standortverlagerung erleben, wird vom Globalisierungsbegriff vernebelt. Die sich verschärfende Krise übt den Druck aus, nicht die „Globalisierung“. In Wahrheit ist nicht die „Globalisierung“ das Problem, sondern das Ungerechts- und Krisensystem Kapitalismus als ganzes.

Internationale Solidarität statt Standortkonkurrenz

Auch wenn im Allgemeinen die Möglichkeit der Produktionsverlagerung übertrieben wird – was können Arbeitnehmer tun, wenn es tatsächlich passiert? Immerhin werden durch Produktionsverlagerung jährlich etwa 50.000 Arbeitsplätze in der BRD vernichtet – das sind 0,1% aller deutschen Arbeitsplätze.10 Arbeitnehmer, die sich gegen die Unternehmerlogik durchsetzen wollen, müssen massiven Druck von unten aufbauen und sich grenzüberschreitend vernetzen.
Um beim Beispiel EU-Osterweiterung zu bleiben: Der Gang nach Osteuropa ist keine Leichtigkeit, dennoch strecken die mächtigen Industrien des deutschen Kapitals ihre Hände in diese Richtung aus. Die entwickelsten der osteuropäischen Länder wie Slowenien sind Orte moderner Industrieanlagen mit relativ billigen, bereits ausgebildeten Arbeitskräften. Die Staaten Osteuropas sind keine völlig verarmten „Drittweltländer“, in denen, wenn überhaupt, lohn- aber nicht kapitalintensive Tätigkeiten ausgeführt werden können (z.B. in der Textilindustrie, die schon vor Jahrzehnten auslagerte: hier braucht es viele Arbeiter, aber wenig technisches Know-how). In den Augen des Kapitals sind es Länder, die eng an ihren Absatzmärkten und bestehenden Anlagen liegen und deren Arbeiterschaft in der Lage ist, auch kapitalintensive und hoch qualifizierte Tätigkeiten durchzuführen. Bei Produktionsverlagerungen werden daher in Zukunft auch deutsche Facharbeiter, z.B. Ingenieure, unter Druck geraten.
Eine Gegenstrategie darf sich nicht auf die Logik des Standortwettbewerbs einlassen. Die Kürzungen der Agenda 2010 sind, so hart es klingt, nur ein erster Schritt in Richtung eines Arbeits- und Sozialniveaus auf weitaus niedrigerem Niveau. Das neue Arbeitslosengeld II ist für deutsche Verhältnisse eine drastische Verschlechterung – in den USA gibt es aber für Langzeitarbeitslose gar nichts! Auch die Höhe des neuen Arbeitslosengeldes wäre immer noch ein Wettbewerbsnachteil, denn in den USA wird nur 30% des Nettolohns bezahlt. Und: In den USA arbeitet ein Arbeitnehmer durchschnittlich 4 Wochen mehr als noch vor 25 Jahren. Ähnliches und zum Teil noch härteres gilt für die Sozial- und Arbeitsstandards im östlichen Europa.
„Wettbewerbsfähigkeit“ und „Standortsicherung“ bedeutet, dass die Beschäftigten sich gegenseitig unterbieten sollen – innerhalb der BRD und im internationalen Rahmen. Und das Ganze wird dann noch heuchlerisch die „Verwirklichung eines sozialen Europas“ genannt.
Die deutschen Gewerkschaften haben hierauf noch nicht angemessen reagiert. Im Gegenteil haben die Gewerkschaftsspitzen bislang lieber „ihre“ rot-grüne Regierung gestützt und daher die EU-Osterweiterung mitgetragen.
Die offizielle Gewerkschaftsargumentation gegenüber Standortverlagerungen ist ebenso schwach. Der Verweis der Gewerkschaftsführungen auf die Exportstärke Deutschlands hilft nicht wirklich weiter. Dieser enorme Wettbewerbsvorteil Deutschlands bringt den Unternehmern hohe Profite. Bringt er uns höhere Löhne? Mit anderen Worten: Dieser „Vorteil“ ist ein Vorteil, der den deutschen Arbeitnehmern durch harte Arbeit abgepresst wurde. „Unseren“ Handelsbilanzüberschüssen entsprechen Handelsbilanzdefizite beispielsweise in osteuropäischen Ländern. Jeder unterbietet jeden, produziert billiger und verdrängt den anderen, im In- wie im Ausland. Bis man selbst dran ist.
Interessen von Arbeitnehmern widersprechen in jedem Land den Interessen der Arbeitgeber und der Regierung – „Die Arbeiter haben kein Vaterland“, konnte Marx schon 1848 schlussfolgern. Die letzten Jahrzehnte beweisen es – die Arbeitgeber und ihre Parteien schaffen es vor dem Hintergrund der allgemeinen Stagnationskrise nicht, auch nur einen Hauch an Verbesserung durchzusetzen, geschweige denn die Krisen und die Arbeitslosigkeit zu beseitigen. Deshalb können wir nichts von ihnen erwarten. Sie sind das Problem. Wir dagegen können, wenn wir uns international vernetzen, Teil der Lösung sein.
Wenn die Konzerne die nationalstaatliche Ebene verlassen und sich international organisieren und vernetzen, müssen es die Beschäftigten ebenfalls tun. Unsere Aufgabe ist es, Widerstand zu organisieren und so der Abwärtsspirale, in der wir uns befinden, entgegenzuwirken. Das können wir nur international tun, indem wir uns nicht von unseren herrschenden Klassen gegeneinander ausspielen lassen. Mittelfristig müssen aus diesen Abwehrkämpfen schließlich offensivere, systemüberwindende Kämpfe und Streiks werden.
Das zu erreichen ist schwierig, aber nicht unmöglich. Denn: Die ausgefeilte Arbeitsteilung in großen Konzernen macht diese verwundbarer als jemals zuvor. 1996 konnten 3000 Arbeiter einer kleinen Bremsteilefabrik von General Motors in Dayton, Ohio, durch ihren Streik die Fertigung von General Motors in den ganzen USA, Kanada und Mexiko stilllegen. Dazu bedarf es der aktiven, internationalen Vernetzung von unten: In jüngster Zeit haben die Hafenarbeiter Europas durch ihren internationalen Protest für Furore gesorgt. Sie kämpften erfolgreich gegen eine von der EU geplante Hafenrichtlinie, die zum Unterbietungswettlauf und damit der Minderung von Arbeitssicherheit geführt hätte. Aktionen in ganz Europa verhinderten dies. Im September und November 2003 legten Hafenarbeiter in Frankreich, Portugal, Griechenland und Zypern die Arbeit nieder. In Kanada streikten die Hafenarbeiter von St. John in Solidarität.
Die Beschäftigten haben einen Vorteil, den die herrschenden Klassen nicht haben: Die Herrschenden werden sich niemals in ihrer Gesamtheit zusammenschließen können, weil sie in scharfer Konkurrenz zueinander stehen. Aber es gibt keinen wirklichen Grund, dass die Beschäftigten sich nicht weltweit zusammenschließen und gemeinsam kämpfen können.

Deshalb muss unser Slogan sein: Internationale Solidarität statt Standortkonkurrenz!

von Janine Wissler

1 Heinz-J. Bontrup: Zu hohe Löhne und Lohnnebenkosten – Eine ökonomische Mär, in: WSI-Mitteilungen 6/2004, S. 314
2 Ebenda, S. 7
3 IG Metall: Industriepolitik: Industriestandort und internationale Wettbewerbsfähigkeit, März 2004, S. 6
4 IG Metall: Offshore – Total global?, Frankfurt 2004, S. 24
5 Nach Angaben der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) sind heute etwa 188 Millionen Menschen arbeitslos. Dazu kommen 550 Millionen „working poor“, die am Tag nicht mehr als einen Euro verdienen und unzählige weitere Millionen, die aus der ländlichen Produktion verdrängt werden und auf dem kapitalistischen Arbeitsmarkt ihr Glück versuchen.
6 Die Anlage von Kapital an den internationalen Finanzmärkten war eine andere.
7 Zitiert in: Chris Harman: Imperialismus. Vom Kolonialismus bis zu den Kriegen des 21. Jahrhunderts, Frankfurt 2003, S. 85 f. In den zwei folgenden Rezessionsjahren sind die FDI wieder stark zurückgegangen
8 Zitiert in: Winfried Wolf: Sturzflug in die Krise. Die Weltwirtschaft, das Öl, der Krieg, Hamburg 2003, S. 176
9 gl. ebenda , S. 176 ff
10 Michael Schlecht: Standortschwäche?, in: Sozialismus 9/2004, S. 41
11 IG Metall: Offshore – Total global?, Frankfurt 2004, S. 17

Argumente Nr. 5, Oktober 2004

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