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Allein erziehend, allein gelassen

- Berlins Regierung kürzt bei Kitas und Schulen -

Ich habe drei Söhne im Alter von fünf, sechs und neun Jahren. Bei ihrer Erziehung hilft mir niemand. Ich habe keinen Ehemann und auch keine Verwandten hier in Berlin. Ich bin ganz auf mich allein gestellt.
Weil ich halbtags arbeite, um uns vier durchzubringen, bin ich auf Kindergarten und Hort angewiesen. Wenn ich die nicht hätte, müsste ich meinen Arbeitsplatz aufgeben und Sozialhilfe beantragen.
Ich bin Kinderkrankenschwester und arbeite halbtags von 7 bis 12 Uhr. Das geht aber nur, weil mein Arbeitgeber und meine Kollegen großzügig sind. Denn eigentlich müsste ich schon um 6 Uhr anfangen. Außerdem ist in meinem Beruf Schichtdienst üblich. Ich habe also noch Glück. Anderen allein Erziehenden geht es sicherlich schlechter.
Aber auch bei meiner Arbeit gibt es Probleme. Ich muss öfters länger arbeiten, weil nicht nur bei der Kinderbetreuung, sondern auch am Gesundheitssystem gespart wird. Es werden Betten und Personal abgebaut, so dass die gleiche Arbeit mit weniger Kollegen gemacht werden muss. Wenn dann noch jemand krank wird, müssen die anderen eben Überstunden machen.
Die Kinderklinik bei uns ist sogar ganz geschlossen worden. Wenn in den Kliniken gespart wird, dann zuerst bei den Kindern. Von den ganzen Kürzungen bin ich doppelt betroffen: Als Mutter und als Krankenschwester.
Es macht mich wütend, dass gerade bei den Kindern gespart wird. Letzten Sommer hat der Senat schon die Betreuung in den Kindergärten verschlechtert. Früher war eine Erzieherin für 15 Kinder zuständig. Jetzt muss sie schon 22 betreuen. Das ist kaum zu schaffen.
Im Kindergarten meines jüngsten Sohnes in Steglitz müssen wir Eltern regelmäßig einspringen, um das Betreuungsangebot aufrecht zu erhalten. Zum Beispiel den Töpferkurs. Der könnte sonst nicht mehr angeboten werden. Und wir werden sogar um Spenden für Stifte und anderes Material gebeten. Es darf doch nicht sein, dass in einem staatlichen Kindergarten die Eltern selber organisieren müssen und dann noch draufzahlen. Vielleicht sieht es in den privaten Kindergärten besser aus. Die sind allerdings teurer und das kann ich mir nicht leisten.
In ein paar Monaten sollen auch noch die Gebühren erhöht werden. Von meinem geringen Verdienst zahle ich bereits 92 Euro im Monat. Wenn das noch mehr wird, dann muss ich meinen mittleren Sohn aus dem Hort nehmen. Der Älteste geht schon nicht mehr in den Hort. Das war zwar seine eigene Entscheidung. Aber ich bin, ehrlich gesagt, fast froh darüber, weil ich so Geld spare. Und die Schulbücher sollen wir Eltern ab nächstes Jahr auch alle selber zahlen. Ich muss schon genug auf mein Geld achten. Wenn die Kosten weiter steigen, dann müssen meine drei Kleinen und ich uns noch stärker einschränken.
Man muss sich das alles allerdings nicht gefallen lassen. Im Kindergarten meines Sohnes sollten drei Erzieherstellen gekürzt werden, obwohl sie schon unterbesetzt waren. Wir haben dann Proteste organisiert. Die Elternvertretung hat sich getroffen und diskutiert, wie wir das verhindern können. Wir sind zum Beispiel ins Rathaus gegangen und haben den Verantwortlichen unsere Meinung gesagt. Außerdem haben wir die Presse informiert und Flugblätter an der Schlossstrasse in Steglitz verteilt. Das ist eine sehr belebte Einkaufsstraße. Daraufhin sind relativ schnell alle Stellen besetzt worden. Wehren lohnt sich.

Linksruck Nr. 148, 25. Februar 2003

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