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Frankreich: Schülerstreik stoppt Regierung

„Man sagt uns, dass unsere Politiker die Schüler hören. Tatsächlich werden wir nur gehört, wenn wir Lärm machen“, meint Eden. Er demonstriert mit 100.000 anderen Schülern, Lehrern und Eltern gegen die geplante „Schulreform“ der rechten Raffarin-Regierung.

In ganz Frankreich streiken am 10. Februar Schüler und Lehrer. Über die Hälfte des Unterrichts fällt aus.

Stattdessen versammeln sich zehntausende zu Kundgebungen und Demonstrationen. Auch in Städten, wo Ferien sind, gehen die Schüler auf die Straße. „Wir demonstrieren heute gegen eine Regierung, die uns für Idioten hält“, erklärt Thibault aus Villemomble. „Wir sind hier, um zu zeigen, dass wir uns nicht alles gefallen lassen.“

Am 15. Februar wollte Bildungsminister Fillon dem Parlament ein neues Schulgesetz zur Abstimmung vorlegen. Besonders wütend waren die Schüler, weil die zentralen Abitursklausuren künftig nicht mehr anonym korrigiert werden sollen.

Schon jetzt entscheidet die soziale Herkunft eines Schülers, welche Chancen er später im Beruf hat. Es gibt teure Eliteschulen für Kinder von Reichen und staatliche Gymnasien für alle, die sich keine Privatschule leisten können.

Besonders in ärmeren Vierteln gibt es zuwenig Lehrer, die oft Fächer unterrichten müssen, für die sie nicht ausgebildet sind. Bisher schreiben alle Schüler dieselben Abitursklausuren, die vom Staat anonym korrigiert werden, damit Schüler von Eliteschulen nicht bevorzugt werden können.

Fillon will, dass die Korrektoren in Zukunft wissen, von welcher Schule die Klausuren stammen. Ein Korrektor könnte dann Klausuren von staatlichen Schulen schlechter bewerten.

„Es wird sich herausstellen, dass unser Abi keinen Wert mehr hat. Es wird ein Zwei-Klassen-Abitur geben“, sagt Benjamin, der ein staatliches Gymnasium in Paris besucht.

Doch die Veränderung des Abiturs ist nur ein Teil der „Reform“. Fillon wollte außerdem die Klassen auf 30 Schüler vergrößern, Lehrer entlassen, Fächer wie „seltene Sprachen“ streichen und künstlerische Fächer nicht mehr fürs Abitur zulassen. Dadurch hätten Schüler, die sich keinen Privatunterricht leisten können, weniger Möglichkeiten zu lernen.

„Diese ‚Reform’ geht gegen den Gedanken, dass Bildung ein Teil des öffentlichen Dienstes ist“, meint der Schüler Manuel aus Paris. „Sie wird das Elitedenken verstärken und eine Schule mit zwei Klassen hervorbringen, die den weniger Privilegierten den Zugang zur Kultur verweigert. Die Idee ist, die Schule dem Markt zu unterwerfen und Schüler nach dem Geschmack der Bosse zu machen.“

Auch Thibault macht sich Sorgen, wie es nach dem Abitur weitergeht, wenn Fillon sein Gesetz durchbringt: „Es zählt nur noch, ob du Arbeiter wirst oder Boss“, sagt er. „Das Abitur, das wir in unserem Viertel machen, wird dann keinen Wert mehr haben. Wir besuchen die Schule in unserem Viertel. So wird die Ausbildung dann auch nur für den Arbeitsmarkt in unserem Viertel gut sein.“

Gegen diese gesetzliche Benachteiligung gehen Thibault, Manuel, Eden und zehntausende andere Schüler auf die Straße. Sie tragen Transparente wie: „Alle zusammen gegen Fillons Reformen“ oder „ Die einzige Lösung ist die Demonstration“.

Die Schüler haben den Bildungsminister so unter Druck gesetzt, dass er den Gesetzentwurf zurückziehen musste. Als fünf Tage nach den Protesten im Parlament diskutiert wurde, sprach niemand mehr von der Änderung des Zentralabiturs.

von Sarah Nagel (E-Mail)

Linksruck Nr. 194, 2. März 2005

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