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Wir haben die NPD verjagt

Volkhard Mosler war 1968 im Vorstand des Frankfurter Sozialistischen Studentenbundes (SDS) und 1979 im Vorstand der Sozialistischen Arbeitergruppe. Heute ist er in der WASG Frankfurt aktiv.

Die 60er und 70er Jahre verbinden die Westdeutschen heute mit Ché Guevara, Rudi Dutschke und der APO. Es gab Studentenproteste, Demonstrationen gegen den US-Krieg in Vietnam, die Frauen- und die Lehrlingsbewegung. War die NPD ein Problem?

Ja. Zwei Jahre nach ihrer Gründung 1964 war die NPD bei Landtagswahlen erfolgreich. 1968 war sie in 7 von 11 Landtagen vertreten.
Das war auf dem Höhepunkt der APO. Zehntausende, nicht nur Studenten, gingen gegen den Mordanschlag auf Rudi Dutschke und den US-Krieg in Vietnam auf die Straße. Die USA waren der große Verbündete Westdeutschlands. Doch die Menschen glaubten durch ihren brutalen Krieg gegen die Vietnamesen nicht mehr, dass die Vereinigten Staaten das Musterland der Freiheit und Demokratie seien.
Die Konservativen und die Medien warfen den linken Protesten, wie schon in den 20er Jahren, vor: Links schaukelt Rechts hoch. Das war 1968 genauso falsch wie in der Weimarer Republik.

Wieso wählten plötzlich so viele Menschen die NPD?

1966 stockte erstmals das scheinbar endlose „Wirtschaftswunder“. Die Arbeitslosigkeit stieg von fast null auf 500.000, und die Große Koalition aus CDU und SPD vereinbarte mit Gewerkschaften und Unternehmern, die Lohnerhöhungen zu begrenzen. Die NPD war die einzige sichtbare Partei, die Protest gegen die Regierung versprach.
Außerdem haben Medien und Parteien die NPD verharmlost. Die CDU regierte bis 1961 in mehreren Ländern mit der „Deutschen Partei“, deren Bremer Vorsitzender Thielen 1964 erster NPD-Vorsitzender wurde. Später bildete die CDU bei Wahlen in Baden-Württemberg und Niedersachsen gemeinsame Listen mit der NPD. Der CDU-Verteidigungsminister Hassel erklärte, NPD-Mitglieder seien ehrenwerte Leute, die Ordnung schaffen wollten.
Die Zeit schrieb über die NPD: „Wer Auschwitz verschleiert, ist noch kein Spätfaschist.“ SPD und Gewerkschaften versuchten vergeblich, die NPD „totzuschweigen“.
Dadurch konnte die Partei verschleiern, dass sie die Nachfolgepartei der NSDAP ist. Die NPD versteckte ihre faschistische Politik hinter einer national-demokratischen Maske.

Warum bekam die NPD bei den Bundestagswahlen 1969 „nur“ 4,3 Prozent?

Die NPD verlor ab 1968 Stimmen, weil die APO, also Studenten, Schüler und Gewerkschafter, seit dem Kommunalwahlkampf in Niedersachsen im September, sich der Partei entschlossen entgegenstellten und sie als Nazis bloßstellten. Viele Nazigegner hatten bei den Protesten für die Demokratisierung der Hochschulen, gegen die Notstandsgesetze und den US-Krieg in Vietnam Selbstbewusstsein gewonnen.
Wir im SDS haben uns zu dem Zeitpunkt nicht gerade mit Ruhm bekleckert. Zwar vertraten wir mehrheitlich, dass die NPD eine Nazi-Partei ist. Aber wir glaubten nicht, dass sie bewaffnete Schlägerbanden organisieren würde, die einen Bürgerkrieg auf der Straße führen könnten, wie es für eine Nazi-Partei typisch ist.
Die meisten SDS-Mitglieder wollten vor allem die Regierung bekämpfen, weil sie die Notstandsgesetze erlassen hatte, mit denen der Staat demokratische Rechte aushebelte. Wir wussten zwar, dass auch die NPD gegen die Demokratie kämpfte, aber wir hielten die Nazis für noch nicht stark genug und befürchteten, uns zu verzetteln, wenn wir neben der Großen Koalition auch die NPD zum Hauptgegner erklärten.

Wie hat die APO sich der NPD „entschlossen entgegengestellt“?

In Niedersachsen bewarfen NPD-Gegner deren Vorsitzenden von Thadden mit Eiern und Tomaten und störten fast alle Veranstaltungen. Als die NPD ihre Anhänger in die Bonner Beethovenhalle lud, waren die Antifaschisten lauter als von Thaddens Lautsprecher.
Nach der Niederlage bei den Wahlen in Niedersachsen hat von Thadden den Bundestagswahlkampf 1969 zum „schärfsten Wahlkampf seit 1932“ ausgerufen. Die NPD setzte immer häufiger Ordnertrupps bei ihren Veranstaltungen ein.
Es war gespenstisch: Die Nazis vom Saalschutz der NPD trugen Helme und weiße Hemden mit Krawatten und knüppelten rund um ihre Veranstaltungen auf alle ein, die sie verdächtigten, Antifaschisten zu sein.
Kurz vor der Bundestagswahl schoss ein Leibwächter von Thaddens auf Antifaschisten. Die Bilder gingen weltweit durch die Medien.
Durch die Proteste musste die NPD die konservative Maske ablegen und ihre wahre Nazi-Fratze zeigen. Sonst hätten ihre überzeugten Nazi-Mitglieder die Partei für schwach gehalten.
Deswegen verlor die NPD ihre meisten Wähler und Mitglieder, die keine Nazis sein wollten: Im Sommer 1968 hatte die NPD 40.000 Mitglieder, 1971 nur noch 14.000.
Von Thadden erklärte in seinem Buch „Die verfemte Rechte“, warum die Partei seine Wahlkampfveranstaltungen trotz der Proteste fortsetzte. Zwar „stand zu befürchten, dass sich derartige Vorgänge allabendlich beziehungsweise mehrmals am Tage wiederholen würden.“ Doch „jede andere Entscheidung sei Feigheit vor dem Feinde.“
Der NPD-Vorsitzende gab auch zu, dass die APO, der die konservativen Presse zuvor die Schuld für den Aufstieg der Nazis in die Schuhe geschoben hatte, in Wirklichkeit für ihre Niederlage sorgte: „Der nunmehr einsetzende Wirbel allein war es, der die NPD unter die 5-Prozent-Grenze fallen ließ und die SPD/FDP-Koalition überhaupt erst ermöglichte.“

Dennoch war die NPD nicht erledigt?

Zunächst schon. Erst später versuchte sie, die Wirtschaftskrisen 1974 und 76 auszunutzen. Eine Million Menschen waren arbeitslos.
Die Bunte half der NPD mit ihrer Serie: „Hitler, wie er wirklich war.“ Darin verharmloste die Zeitschrift Hitler als Tierliebhaber und Kunstfreund und erwähnte den Holocaust gar nicht.
1977 mobilisierte die NPD am 17. Juni zum so genannten „Deutschlandtreffen“ in die Frankfurter Innenstadt. Wir haben versucht, eine Bewegung dagegen aufzubauen, konnten aber nicht mal die anderen linken Gruppen gewinnen.
Dennoch sind wir mit 300 bis 400 Leuten den 4000 Nazis entgegengegangen. Die Polizei hat uns mit Wasserwerfern aufgehalten, während die Nazis ungehindert Antifaschisten und Ausländer zusammengeschlagen haben.
Im nächsten Jahr aber haben uns Daniel Cohn-Bendit und die Spontis von der Allgemeinen Studierendenvertretung (Asta) der Uni Frankfurt unterstützt. Ich bin damals tagelang im Asta-Büro gesessen, um möglichst viele Nazigegner aus ganz Deutschland nach Frankfurt zu mobilisieren.
Diesmal kamen über 6000 Antifaschisten und besetzten trotz Demonstrationsverbots den Römerberg, wo das „Deutschlandtreffen“ der Nazis stattfinden sollte. Davor warteten bereits Jusos, Sozialdemokraten und Gewerkschafter. Gemeinsam waren wir 10.000 Nazigegner und drängten gegen die Absperrgitter der Polizei. Sie gab überrascht auf und ließ uns zunächst durch.
Wenig später aber prügelte die Polizei den Römerberg für die Nazis frei. Ich war nicht der einzige, dem sie mit Knüppeln einen Finger brachen und eine Schädelverletzung zufügten.
Dennoch ließen wir uns nicht einschüchtern, sondern errichteten Barrikaden. Schließlich rief der Polizeichef den Notstand aus, die NPD durfte nicht in die Innenstadt und konnte nicht auf den Römerberg. Wir hatten gewonnen!

Blieb Frankfurt danach von den Nazis verschont?

Nicht ganz. 1979 nahm die NPD einen neuen Anlauf für einen „Deutschlandtag“. Doch nach dem 17. Juni 1978 wurde die NPD überall, wo sie auftauchte, mit Sprechchören behindert. Immer mehr Menschen beteiligten sich an den Gegendemonstrationen.
Der Höhepunkt der Proteste war die Initiative Rock gegen Rechts am 17. Juni 1979. Das war ein Bündnis von Intellektuellen, Rudi Dutschke, bekannten Schriftstellern, Rechtsanwälten, Pfarrern, bis hin zu Spontis, Jusos, Asten, Frauengruppen, Schülerräten und anderen linken Gruppen aus der APO. Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) und Sozialdemokraten schlossen sich an.
Dennoch verbot Oberbürgermeister Wallmann alle Aktionen. Nur das Abschlusskonzert „Rock gegen Rechts“ war erlaubt.
Die Gewerkschaften wollten sich zwar an das Verbot halten und hatten sich deshalb im DGB-Haus versammelt. Dennoch kamen mehrere 1000 Menschen auf den Campus der Uni.
Wir wussten, dass wir insgesamt etwa 50.000 aktive Nazigegner waren. Unter dem Motto „50.000 lassen sich nicht verbieten“ sind wir vom Campus in die Innenstadt gezogen.
Am Römerberg stand wieder die Polizei mit Wasserwerfern und riesigen Schutzgittern. Deshalb haben wir davor eine Kundgebung gemacht.
Inzwischen waren auch die Gewerkschafter in die Innenstadt gekommen. Die Führung konnte den Kollegen nicht mehr erklären, warum sie im DGB-Haus bleiben sollten.
Gemeinsam demonstrierten wir unsere Entschlossenheit, uns der NPD in den Weg zu stellen. Deshalb hat die Polizei in letzter Minute ihren Aufmarsch doch noch verboten.

von Volkhard Mosler

Das Gespräch führte Irmgard Wurdack

Linksruck Nr. 198, 27. April 2005

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