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Die andere Geschichte: Arbeiterjugend gegen Hitler:

„So nicht, sagten wir“

Jugend gegen Nazis

Bei der Berlinale lief dieses Jahr neben „Sophie Scholl“ auch „Edelweißpiraten“. Der Film kommt am 10. November in die Kinos.
von Navajos und Edelweißpiraten stellt eine schon beendete Ausstellung über den Widerstand von Jugendlichen gegen die Nazis mit Schwerpunkt Köln vor. Die nicht mehr ganz aktuelle Homepage Edelweißpiraten bietet ebenfalls Informationen über die Kölner Jugendlichen und eine ausführliche Literaturliste über Jugendwiderstand in Nazi-Deutschland. .
Der Dortmunder Edelweißpirat Kurt Piehl hat seine Erlebnisse in dem spannenden autobiografischen Buch „Latscher, Pimpfe und Gestapo“ festgehalten. Erschienen bei Brandes & Apsel, 1983, 11,80 Euro.

„Auch ich war ein Hitler-Junge. Ich bin sogar dankbar, dass ich es war“, schrieb in der Bild deren früherer Chefredakteur Boenisch, als andere Zeitungen berichteten, dass Papst Benedikt XVI. unter den Nazis in der HJ war. Zuvor zitierte das Blatt einen damaligen Hitlerjungen: „Wir hatten keine Wahl.“

Doch obwohl die Nazis Jugendliche zwischen 10 und 18 Jahren in die HJ zwangen, haben sich viele junge Männer und Frauen wie Gertrud Koch aus Köln dagegen gewehrt: „Wir hatten anfangs keine großen Pläne gegen Hitler“, erzählt die heute 80-jährige. „Wir wollten frei sein!“ Frei sein, um zu wandern, wo sie wollten, zu singen, was sie wollten und die Kleidung zu tragen, die ihnen gefiel. All das war in der HJ verboten.

Ab 1926 baute die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei ihre Jugendorganisation auf. Kurz nach der Machtergreifung 1933 wurden alle Jugendlichen dazu verpflichtet.

Gertruds Eltern hatten sie schon früh zu Treffen und Fahrten der „Bündischen Jugend“ mitgenommen. Diese Vereinigung folgte der Tradition von Pfadfinder- und Wandervogelgruppen.

Eines ihrer beliebtesten Lieder hieß „Aus grauer Städte Mauern zieh’n wir durch Wald und Feld“. Die Jugendlichen kamen zur „Bündischen Jugend“ um ihre beengten Wohn- und Familienverhältnisse zu verlassen und ihre Wochenenden ungestört in der Natur zu verbringen.
Die Nazis verboten die „Bündische Jugend“ 1936. Ein Gesetz bestimmte, dass die „gesamte deutsche Jugend“ der HJ beitreten musste. Da die Nazis auch die Schulen kontrollierten, übernahmen sie so die komplette Erziehung außerhalb des Elternhauses.

Viele Jugendliche versuchten jedoch, das Verbot ihrer Gruppen zu umgehen. Beispielsweise schloss sich Gertrud mit anderen den „Naturfreunden“ an. Bald darauf bespitzelte die Geheime Staatspolizei (Gestapo) die Jugendlichen, weil sie nicht zu HJ-Treffen kamen.
Ein Beamter empörte sich 1937 über ein Kölner Strandbad: „Hier trafen sich die Burschen aus dem ganzen Kölner Stadtgebiet mit ihrem weiblichen Anhang. Sie sangen dort die verbotenen Lieder, zelteten und führten Gespräche, die sich um ihre bündischen Bestrebungen handelten. Auch in sittlicher Hinsicht benahmen sich die Burschen mit ihren Mädels in ungebührlichster Weise.“

Die HJ war hingegen nach Geschlechtern getrennt und lesbischer oder schwuler Sex war verboten. Die Abteilung für Frauen hieß Bund Deutscher Mädel, wo sie zu Hausfrauen und Müttern erzogen werden sollten.

Ab 1939 erklärten die Nazis die Teilnahme an den HJ-Veranstaltungen zur Pflicht, gleichrangig mit Arbeitsdienst und Wehrpflicht. Wenn Jugendliche nicht kamen, konnten sie oder ihre Eltern bestraft werden.

Trotzdem unterwarfen sich viele junge Menschen nicht den militärischen Übungen und der Kontrolle der HJ und trafen sich in Parks, Kneipen oder zum Wandern. Seit Anfang der 40er Jahre trugen manche Jugendliche eine Anstecknadel mit dem Bild eines Edelweißes als Zeichen, dass sie die Uniformen der HJ ablehnten.

Die Gestapo nannte die jungen Frauen und Männer „Edelweißpiraten“. Später übernahmen sie den Namen selbst.

1942 gab es laut Gestapo-Akten allein in Köln 3000 Edelweißpiraten. Bei einer Razzia fand die Polizei nach eigenen Angaben an einem Tag 739 Edelweißpiraten in Duisburg, Düsseldorf, Essen und Wuppertal.

Ähnliche Gruppen gründeten Gegner der HJ in ganz Deutschland. Sie konnten sich jedoch nicht zusammenschließen.

In Berlin und Hamburg entzogen sich junge Frauen und Männer der HJ und spielten und hörten stattdessen gemeinsam Swing. Die Nazis hatten ihn verboten, weil er aus den USA stammte.

Die Nazis verfolgten all diese Gruppen mit Gewalt. Prügeltrupps der HJ stürmten Treffen und Tanzabende. Oft wurden die Teilnehmer verhaftet.

Die Polizei versuchte, Jugendliche mit Verhören und Folter in die HJ zu zwingen, was selten gelang. In Dortmund schloss sich stattdessen ein HJ-Führer den Edelweißpiraten an.

Sie hassten die HJ-Führer, weil sie meist überzeugte Nazis waren und mit der Verfolgung der Jugendgruppen Karriere machen wollten. Doch immer wieder liefen einige zu den Edelweißpiraten über, nachdem sie jahrelang unter dem Drill, der Brutalität und der menschenverachtenden Politik der HJ litten.

Die HJ lauerte den „Piraten“ oft an ihren Ausflugszielen auf und versuchte, sie zu verprügeln. Doch meistens konnten die Edelweißpiraten die HJ vertreiben, weil viele ihrer Mitglieder nicht bereit waren, für die Nazis zu kämpfen.
Mit den Jahren griff die HJ immer öfter an und die Gestapo verhaftete und folterte immer mehr Edelweißpiraten. Durch die Verfolgung wurden viele unpolitische Mitglieder zu überzeugten Antifaschisten.

Manche schrieben Parolen an Wände, legten Flugblätter aus, die aufriefen, Hitler zu stürzen oder den Krieg zu beenden. So auch Gertrud Koch: „Es war die Zeit, als wir angefangen haben, richtig zu denken und gesagt haben: So nicht! Versuchen müssen wir es.
Dann haben wir Flugblätter gegen Hitler verteilt und gegen das, was sie gemacht haben. Dagegen dass sie die Männer geschlagen haben, dass sie sie in KZs gesteckt haben, dass kein Mensch mehr mit dem anderen sprechen konnte, ohne Angst zu haben, es kommt einer und verhaftet dich.
Wir hatten einen Freund, einen Schornsteinfeger, der gut klettern konnte. Er sagte: Wisst ihr, was wir tun? Ich klettere auf das Dach des Hauptbahnhofs.
Und er hat sich einen Rucksack mit Flugblättern auf den Rücken gepackt und ist da rauf. Auf einmal ging der Rucksack auf und die ganzen Flugblätter flogen über den Bahnhof.“

1944 planten einige Kölner Edelweißpiraten Aktionen gegen die Nazis und ihren Krieg. Fritz Theilen aus Köln-Ehrenfeld erinnert sich: „Wir besorgten uns ein Paar Hemmschuhe und schlichen uns einer nach dem anderen zum Bahndamm an der Ludolf-Camphausen-Straße. Die Nacht war so sternenklar, dass wir auf 100 Meter und mehr die Posten der Bahnpolizei und die Ladungen der vorbeifahrenden Güterzüge auf der gegenüberliegenden Seite des Bahndammes erkennen konnten.

Dorthin mussten wir, um die Hemmschuhe auf die Schienen auszulegen. Einen klemmten wir genau vor eine Weiche. Bald darauf kam in langsamer Fahrt ein mit Holz und LKWs für die Wehrmacht beladener Güterzug auf uns zu.

Viel mehr bekamen wir nicht mit, denn plötzlich war die Hölle los. Bomben schlugen in unmittelbarer Nähe ein, und es blieb uns nichts anderes übrig, als die Flucht zu ergreifen.

Unsere Aktion gegen die Reichsbahn muss ein toller Erfolg gewesen sein, denn in den darauf folgenden Tagen erfuhren wir von Leuten, die bei der Reichsbahn arbeiteten, dass die Bahnpolizei dahinter gekommen war, dass der Zug nicht durch Feindeinwirkung, sondern durch Sabotage zur Entgleisung gebracht worden war.“

Als 1944 ein Sprengstoffanschlag auf die Kölner Gestapo-Zentrale scheiterte, hängten die Nazis öffentlich 13 Menschen, darunter 6 Edelweißpiraten. Das jüngste Opfer war der 16 Jahre alte Günter Schwarz.

von Jan Maas (E-Mail)

Linksruck Nr. 199, 11. Mai 2005

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