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Flutkatastrophe in New Orleans:

Die Katastrophe heißt Kapitalismus

Flucht vor der Flut. Weil die Regierung die Armen nicht retten wollte, bleibt hunderttausenden nichts als die Kleidung am Leib

Für New Orleans wird nicht vergeben werden. Heute hassen dutzende Millionen Amerikaner US-Präsident Bush. Ich bin einer von ihnen.

Wir erleben einen Wendepunkt der Geschichte. Drei Dinge sind wichtig, um das zu verstehen.

Erstens sind die meisten Amerikaner gegen den Krieg in Irak. Dieser Umschwung der Stimmung wird es der Regierung wahrscheinlich unmöglich machen, den Krieg zu verlängern.

Zweitens zeigen die Folgen von Hurrikan Katrina, wie verdorben die ganze US-Gesellschaft ist, nicht nur Bush und die Reichen.

Drittens und am Wichtigsten: der Klimawandel. Das Schicksal der Menschen aus New Orleans ist unser aller Schicksal, wenn wir nicht dagegen kämpfen.

Zuerst zu Irak. Cindy Sheehans Mahnwache für ihren als US-Soldat in Irak getöteten Sohn vor Bushs Ferienhaus enthüllte die politische Schwäche des Präsidenten. Er hat weder gewagt sie zu vertreiben noch sie zu treffen.

Die meisten US-Amerikaner unterstützen sie. In mehr als 800 Städten haben Menschen demonstriert, um das zu zeigen.

Als der Hurrikan kam, sprachen die Menschen in den ganzen USA vom Irak. 3000 Soldaten aus Louisiana und 5000 aus Mississippi waren in Irak. Dort waren auch fast alle Fahrzeuge und Maschinen der Armee, mit denen man den Opfern des Hurrikans hätte helfen können. Wir können dort einfallen, sagten die Leute. Aber wir können unseren eigenen Landsleuten nicht helfen.

Das sagten Arme, Arbeiter und Schwarze. Frank Rich, der wichtigste Kommentator der New York Times, sagte es auch.

Er nannte Bush einen herzlosen, gierigen Feigling. Er sagte, jetzt sei das Scheitern von Bagdad und Falludscha heimgekommen.

Die Regierung zeigt jetzt auch außerhalb Iraks, wie unmenschlich sie ist. Viele glauben, die Regierung hätte keinen Plan gehabt, um den Opfern des Hurrikans zu helfen. In Wirklichkeit war ihr Plan, nicht zu helfen. Die Regierung will keine öffentlichen Aufgaben erfüllen.

Als die US-Armee Irak besetzt hat, dachte auch jeder, es gäbe einen Plan für die Zukunft des Landes. Der einzige Plan der US-Regierung war, sich das Öl zu sichern.

Für New Orleans hatte sie den gleichen Plan: Allen sagen, dass sie gehen sollen. Nichts für die tun, die es nicht konnten. Die Bohrinseln und Raffinerien sichern.

Seit 20 Jahren nimmt die Regierung den Menschen den öffentlichen Dienst weg, aber sie rüstet die Polizei mit schwer bewaffneten Spezialeinsatztruppen auf.

Ein Mann aus dem Auffanglager im Stadion Superdome erzählte einem Reporter, dass er im Gefängnis war und dass es dort besser gewesen sei als im Lager. Im Gefängnis gäbe es eine Toilette und Trinkwasser.

Ein anderer zeigte auf die Toten, die auf dem Boden liegen gelassen wurden. „Sie behandeln uns schlechter als Hunde“, sagte er. „Meinen Hund habe ich beerdigt.“
Das alles ist weder ein Unfall noch Unfähigkeit. Die Behörden haben die Katastrophe vorhergesehen und sie waren darauf vorbereitet. Es gab genug Schulbusse und Fahrer in New Orleans, um alle Kinder aus der Stadt zu bringen. Sie wurden nicht benutzt. Auch die Alten wurden in den Heimen zurückgelassen.

Viele Menschen sind nicht geflohen, weil sie sich kein Hotel leisten können. Sie wussten, Bush wusste, alle wussten, dass keine Regierung oder Behörde ihnen eine Bleibe bezahlen würde. Denn dies sind die USA 2005.

Es gibt Essen und Wasser, jetzt, endlich, im Stadion Astrodome in Houston. Sonst gibt es keine Unterstützung. Wal-Mart und McDonald’s zahlen den Angestellten der geschlossenen Filialen keine Löhne mehr.

Auch den Rassismus in den USA konnte die ganze Welt sehen. Die Behörden haben versucht, die schwarzen Armen zu kriminalisieren und sind gescheitert.

Die Verrottung von Staat und Politik geht weit über Bush hinaus. In den ersten Tagen hätten dutzende Verantwortliche zumindest mit Worten helfen können.

Der Bürgermeister, die Gouverneurin, der Polizeichef, die New Yorker Senatorin Hillary Clinton und viele andere hätten im Fernsehen sagen können: Bush ist gescheitert. Ich fordere Busse, Lastwagen, Mahlzeiten, um zu helfen.

Sie hätten allen sagen können: Kommt nach New Orleans. Das hätte geklappt. Jeder hätte zum Stadion gehen können, wie die Reporter. Der gesamte Staat ist gescheitert.

Bush wird jetzt weit weniger mächtig sein, weil sich die Menschen mit Ekel abwenden. So schwindet seine Macht, den Krieg im Irak durchzuhalten.

Es könnte Monate dauern oder Jahre, aber er wird gezwungen sein, abzuziehen. Viele, die nach dem 11. September glaubten, Bush würde die US-Amerikaner verteidigen, sehen jetzt in New Orleans, dass er sie verhungern lässt. Die Menschen halten Bush nicht mehr für eine moralische Autorität.

Es gibt etwas, das langfristig noch wichtiger ist als der Krieg oder der Bankrott der USA: die Erderwärmung. Stürme und Hurrikans haben in den letzten zehn Jahren zugenommen. Die Karibik ist heute heißer als je zuvor.

Ich hatte gelesen, dass weltweit die vier am meisten von Überschwemmung bedrohten Gebiete Bangladesch, das Nildelta, die Niederlande und New Orleans sind. Ich wusste auch, dass die US-Regierung sich weigerte, den Hochwasserschutz für New Orleans auszubauen.

Viele andere wussten es auch. Aber in der Woche bevor der Hurrikan kam, drängte John Bolton, Bushs Botschafter bei der UNO, Generalsekretär Kofi Annan dazu, aus einer Liste der UN-Grundsätze „Respekt vor der Natur“ zu streichen.

Bush hat den Widerstand der Mächtigen gegen Klimaschutz angeführt. Jetzt hat die Natur geantwortet.

New Orleans zeigt, welcher Horror uns bevorsteht. Aber es sind nicht Überschwemmungen, Hurrikans, Winterstürme oder Dürren, die wir fürchten müssen. Es ist die Gesellschaft, in der wir leben, der Kapitalismus, den wir fürchten müssen.

Dieses System verwandelt Naturkatastrophen in Massenmorde. Die Katastrophe von New Orleans ist nicht entweder durch den Krieg, die Regierung, den Kapitalismus, den Rassismus oder den Klimawandel entstanden. All diese Dinge sind verbunden und gemeinsam die Ursache für die vielen Toten, Verletzten und Obdachlosen.

In Zukunft wird ähnliches passieren. Die Erderwärmung wird Menschen zur Flucht zwingen. Regierungen werden sie auf geschlossene Grenzen stoßen lassen.
Rassismus wird geschürt werden, um die Schließung der Grenzen zu rechtfertigen. Soldaten mit Maschinengewehren werden sie bewachen. Die Flüchtlingslager werden sich über Kilometer und Jahre hinziehen.

Zu den 1 Million Klimaflüchtlingen in den USA kommen 20 Millionen weitere, die aus der Sahelzone und vom Horn von Afrika fliehen mussten. Dürre bedeutet im Kapitalismus Hunger. Vor allem wird die Erderwärmung Krieg bedeuten.

Darum werden am 3. Dezember Menschen in London, Edinburgh und vielen amerikanischen Städten gegen die Erderwärmung demonstrieren. Das ist ein Anfang. Wir erleben jetzt einen Wendepunkt. Wir müssen die Toten mit unserem Widerstand ehren, damit nicht bald die ganze Welt so aussieht wie heute New Orleans.

von Jonathan Neale

Linksruck Nr. 207, 14. September 2005

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