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Starke Abwehrkräfte

Die Angestellten der Uniklinik Freiburg fordern auf der Streikkundgebung die 38,5 Stunden-Woche für alle und einen fairen Tarifvertrag

Die Bosse der Unikliniken in Freiburg, Tübingen, Heidelberg und Ulm wollten die Angestellten zwingen, für weniger Geld mehr zu arbeiten. Die vier Kliniken kündigten den Tarifvertrag mit dem Land Baden-Württemberg, um die Löhne der Angestellten drücken zu können.

Die 25.000 Krankenschwestern und Pfleger, das Küchenpersonal, das Reinigungspersonal, die Verwaltungsangestellten und Azubis sollten 1,5 Stunden pro Woche mehr arbeiten, kein Urlaubsgeld und weniger Weihnachtsgeld bekommen. Für die meisten von ihnen wäre das einer Lohnsenkung von 7 Prozent gleich gekommen. Neu eingestellte Arbeiter sollten 41-Stunden die Woche arbeiten und unter Tarif bezahlt werden.

„Die Einführung der 41-Stunden-Woche bedeutet an der Uniklinik Freiburg konkret den Verlust von 500 Vollzeitstellen“, erklärt ver.di-Vetrauensfrau Uta Spöri. Angeblich gibt es nicht genug Geld für die Kliniken. „Die Konsequenz kann nicht sein, dass beim Personal gespart wird“, meint Erwin Czarzynski, der an der Freiburger Uniklinik in der Verwaltung arbeitet und mitgestreikt hat. „Das führt zu Lohnsenkungen bei den Mitarbeitern, schlechteren Arbeitsbedingungen und zu einer schlechteren Gesundheitsversorgung der Patienten.“

Die Gewerkschaft ver.di hat deshalb ihre Mitglieder in den Kliniken Ende September zur Urabstimmung über einen unbefristeten Streik aufgerufen, um sich gegen die Angriffe zu wehren. 92,5 Prozent stimmten für den Streik.

Erster Streiktag war der 5. Oktober. Die Stimmung unter den Kollegen in Freiburg war gut und kämpferisch, sie trafen sich schon morgens zum Frühstück im Streiklokal, um zu planen und zu diskutieren.

„Zum Höhepunkt des Konfliktes war die Streikbereitschaft voll da“, erzählt Ingo Busch, der Personalratsvorsitzende der Uniklinik Freiburg. „Zaghafte Beschäftigte wurden von dem Elan mitgezogen.“ In Freiburg haben mehr als tausend Angestellte gestreikt, demonstriert und Protestaktionen organisiert. „Wir haben in Freiburg den Streik als Wechselspiel angelegt. An einzelnen Tagen waren alle Beschäftigten zum Streik aufgerufen. Da gab es dann große Kundgebungen und Märsche“, berichtet Ingo.

„Über mehrere Tage haben wir dann gezielt zu Schwerpunktstreiks aufgerufen. Vorne mit dabei waren hier OP und Anästhesie, Zentralsterilisation, die Psychiatrie, die Hautklinik und der technische Betrieb. Dann traf man sich im Streiklokal. Angestellte zogen in die Stadt, um die Bevölkerung zu informieren. Wir haben aus ganz Deutschland und Europa Solidaritätsadressen erhalten“, erzählt Ingo.

Obwohl sich tausende Arbeiter an dem Streik beteiligten, wurden die Patienten weiter gepflegt. „Die Streikleitung hat mit der Klinikumsleitung für jede Woche eine schriftliche Vereinbarung zu Notdiensten abgeschlossen. In einigen Bereichen haben Nicht-Organisierte den Notdienst gemacht. In anderen Bereichen mussten Streikwillige von der Streikleitung mühsam überzeugt werden“, erzählt Ingo.

Weil besonders in den OPs die Streikbereitschaft sehr hoch war, wurde nur die Hälfte der Operationen durchgeführt. „Im weiteren Verlauf hätten wir das weiter eingeschränkt“, meint Ingo.

Nach zwei Wochen Arbeitskampf mussten die Leitungen der vier Krankenhäuser aufgeben. Jetzt gibt es einen neuen Tarifvertrag ohne Arbeitszeitverlängerung, und die Angestellten bekommen Einmalzahlungen anstelle des Urlaubs- und Weihnachtsgeldes. „Das Ergebnis ist ein Kompromiss, der sich sehen lassen kann“, meint Ingo.

„Ohne zwei Wochen Streik mit vielen tausend Beschäftigten wäre das nicht möglich gewesen. Eine wichtige Forderung war auch, dass es einen gemeinsamen Tarifvertrag für die vier Unikliniken gibt“, erzählt er. „Das ist gelungen. Die vier Arbeitgeber können die Tarifverträge nur gemeinsam kündigen. Damit bleibt unsere starke Viererkette mit rund 25.000 Beschäftigten erhalten.“

Der Streik hat gezeigt, dass Solidarität und Organisation wichtig sind und zum Erfolg führen können.

Die Angestellten konnten so selbstbewusst gegen die Bosse aufstehen, weil sie in vier Städten gleichzeitig gekämpft und auch in den einzelnen Kliniken zusammen gehalten haben.

Besonders in den Bereichen, in denen der gewerkschaftliche Organisationsgrad schon hoch war, konnten noch mehr Mitglieder gewonnen werden, weil sie überzeugt wurden, dass sie sich gemeinsam wehren können.

von Sarah Nagel (E-Mail)

Linksruck Nr. 209, 26. Oktober 2005

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