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Rosa Luxemburg: Sozialismus oder Barbarei

Otto Dix: „Lens wird mit Bomben belegt“, 1924. Der Maler wurde als Soldat im Ersten Weltkrieg zum radikalen Kriegsgegner und später von den Nazis verfolgt

„Eine Kette unaufhörlicher, unerhörter Rüstungen zu Lande und zu Wasser in allen kapitalistischen Staaten um die Wette, eine Kette blutiger Kriege, die von Afrika auf Europa übergegriffen haben und jeden Augenblick den zündenden Funken zu einem Weltbrand abgeben können, dazu seit Jahren das nicht mehr zu bannende Gespenst der Teuerung, des Massenhungers in der ganzen kapitalistischen Welt…“

So warnte die Revolutionärin Rosa Luxemburg am 1. Mai 1913, ein Jahr bevor die Großmächte den Ersten Weltkrieg begannen. Ihre Sätze beschreiben die Welt heute noch treffender als vor über 90 Jahren: Die Industriestaaten treiben ihre Rüstungsausgaben in Schwindel erregende Höhen, Besatzungstruppen unterdrücken brutal Iraker und Afghanen und die kenianische Regierung exportiert Lebensmittel, während im Land 3,5 Millionen Menschen von einer Hungersnot bedroht sind.

Nachdem es 1989 noch so aussah, als hätten die Revolutionen in Osteuropa die Welt friedlicher und sicherer gemacht, nehmen Kriege und Armut in den letzten Jahren wieder zu. Besonders seit die US-Regierung 2001 den so genannten „Krieg gegen den Terror“ begonnen hat, können sich immer mehr Menschen ihres Lebens nicht mehr sicher sein.

Schuld daran sind Politiker wie US-Präsident Bush oder der britische Premierminister Blair. Auch Luxemburg hätte die beiden sicher beschuldigt, als Kriegstreiber hunderttausende Menschen ermordet zu haben. Doch sie bestritt, dass Konzerne und Regierungen sich friedlich verhalten würden, wenn andere Menschen sie führten.

Luxemburg erklärte, warum der Kapitalismus zwangsläufig immer brutalere Auswirkungen hat. Sie kämpfte für den Sturz dieses Gesellschaftssystems, weil sie überzeugt war, dass es die Ursache von Rüstung, Kriegen, Armut und Ausbeutung ist.

Um das zu belegen, entwickelten Luxemburg und ihre russischen Mitstreiter Wladimir Lenin und Nikolai Bucharin die Ideen von Karl Marx weiter. Als er Mitte des 19. Jahrhunderts untersuchte, wie der Kapitalismus funktioniert, war dessen Entwicklung noch nicht vollständig erkennbar.

Marx schrieb zwar schon 1848 im Kommunistischen Manifest, dass das Kapital um den ganzen Erdball jagt, Grenzen einreißt und einen Weltmarkt schafft. Aber erst im 20. Jahrhundert verschmolzen Unternehmen zu immer größeren Konzernen und die Industriestaaten kämpften auf der ganzen Welt um Kolonien. Diese Entwicklung nannten Luxemburg, Lenin und Bucharin Imperialismus.

In ihrem Buch „Die Akkumulation des Kapitals“ zeigte Luxemburg, dass der Imperialismus eine Folge des Kapitalismus ist, weil dieser sich ständig in neue Bereiche ausdehnen muss. Die Ursache ist, dass die Produktivkräfte, das sind die natürlichen, technischen und wissenschaftlichen Voraussetzungen der Produktion, im Kapitalismus schnell wachsen. Es kann also immer mehr hergestellt werden. Die Konsummöglichkeiten, das sind die Nachfrage der ausgebeuteten Arbeiter und der Unternehmen, wachsen meist langsamer oder gar nicht.

Der Kapitalismus dehnt sich einerseits in immer mehr Länder und Regionen aus. Andererseits dringt das System in immer mehr Bereiche des Lebens vor und macht heute zum Beispiel Altersvorsorge, Gesundheit oder Bildung zu Waren, mit denen Profit erzielt wird.

Die Regierungen ordnen sich dem Drang des Kapitalismus nach Wachstum im In- und Ausland unter. Dadurch entsteht das Risiko, dass diese Regierungen Kriege führen, um den Kapitalisten ihres Landes die Ausdehnung zu ermöglichen.

Gleichzeitig führt die weltweite Ausdehnung des Kapitalismus zu einer weltweiten Arbeiterklasse. Die Arbeiter leiden als Soldaten im Krieg, Arbeiter in Fabriken und Büros oder Arbeitslose am Rand der Gesellschaft unter dem kapitalistischen Zwang zur Ausdehnung. Darum waren Luxemburg, Marx und andere Revolutionäre der Meinung, dass die Arbeiter weltweit ein objektives Interesse daran haben, den Kapitalismus zu stürzen.

Ein Jahr nach Beginn des Ersten Weltkrieges bestätigte Luxemburg Marx’ Mitstreiter Friedrich Engels. Er meinte, der Kapitalismus lasse den Menschen nur zwei Möglichkeiten: „Sozialismus oder Barbarei“.

Luxemburg schrieb in ihrem Buch „Die Krise der Sozialdemokratie“: „Wir stehen heute, genau wie Friedrich Engels vor vierzig Jahren voraussagte, vor der Wahl: entweder Triumph des Imperialismus und Untergang jeglicher Kultur, wie im alten Rom, Entvölkerung, Verödung, Degeneration, ein großer Friedhof; oder Sieg des Sozialismus, d. h. der bewussten Kampfaktion des internationalen Proletariats gegen den Imperialismus und seine Methode: den Krieg. Dies ist ein Dilemma der Weltgeschichte, ein Entweder - Oder, dessen Waagschalen zitternd schwanken vor dem Entschluss des klassenbewussten Proletariats.“

Seit es immer mehr Kriege und Armut gibt, knüpfen Wissenschaftler wieder an Luxemburgs Theorien an und entwickeln sie weiter, wie sie es mit den Ideen von Marx getan hat. Der Geografieprofessor und Marxist David Harvey zum Beispiel beschreibt den heutigen Kapitalismus als neuen Imperialismus. Er knüpft an Luxemburgs Beobachtung an, dass der Kapitalismus sich durch räumliches Wachstum und das Schaffen neuer Märkte immer weiter ausdehnen muss.

Diese Ausdehnung wird zum Beispiel durch Privatisierungen erreicht. Auf der ganzen Welt machen Regierungen seit den 70er Jahren große Bereiche des Sozialstaates zu neuen Märkten für privates Kapital.

Da der Sozialstaat, zum Beispiel das Renten- oder das Gesundheitswesen, zum großen Teil das Ergebnis von Arbeiterkämpfen ist, erobern sich Konzerne mit Hilfe der Regierungen neue Märkte auf Kosten der Arbeiterklasse.

Zu diesem neuen Imperialismus gehören neben der Privatisierung viele andere Formen der Enteignung von Menschen, zum Beispiel die Patentierung von ehemals frei verfügbarem Saatgut. Harvey nennt auch Kriege um die Kontrolle von Energiereserven vor allem im Nahen Osten als Merkmal des neuen Imperialismus.

Millionen Iraker, Afghanen und Palästinenser leiden unter der Barbarei dieser Kriege. Da der Ausdehnungsdrang des Kapitalismus Kriege, Krisen und Armut weltweit verstärkt, gibt es auch heute nicht nur dort, sondern auf der ganzen Welt nur zwei Möglichkeiten: Sozialismus oder Barbarei.

Rosa Luxemburg versuchte fast ihr ganzes Leben, die Menschen zu ermutigen, sich gegen den mörderischen Kapitalismus aufzulehnen. Auch diese Idee griff David Harvey letzten Monat bei einer Konferenz in London auf: „Wenn es aussieht wie Klassenkampf und sich anfühlt wie Klassenkampf, sollten wir es auch Klassenkampf nennen. Und wir sollten den Klassenkampf aufnehmen.“

von Jan Maas (E-Mail)

Linksruck Nr. 215, 22. Februar 2006

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