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Bangladesch: Aufstand für mehr Mindestlohn

Nach einer zweiwöchigen Revolte von Bangladeschs Textilarbeiterinnen mussten sich Bosse und Behörden mit Gewerkschaften an einen Tisch setzen und die Erfüllung von deren Forderungen versprechen

Arbeitgeberorganisationen und Regierung haben nach einer zweiwöchigen Revolte zugesagt, die Mindestlöhne zu erhöhen und Bangladeschs Textilarbeiterinnen und –arbeitern gewerkschaftliche Organisierung zu ermöglichen. Doch die überwiegend weiblichen Belegschaften sind erst gehört worden, nachdem sie landesweit in einem Akt verzweifelter Wut 150 Fabriken verwüstet oder angezündet haben.

Die Proteste hatten Mitte Mai zunächst friedlich begonnen. Doch als Arbeiterinnen und Arbeiter der Pulloverfabrik von FS in der Hauptstadt Dhaka in den Streik traten, eskalierte die Polizei. Sie sperrte die Streikenden auf dem Werksgelände ein. Wasser und Strom wurden trotz 40 Grad Hitze abgestellt. Als den Streikenden der Ausbruch gelang, eröffnete die Polizei das Feuer und ermordete einen Arbeiter. Streiks, Proteste und Aufstände verbreiteten sich daraufhin landesweit.

Der Generalsekretär des internationalen Gewerkschaftsverbandes der Textil-, Bekleidungs- und Lederarbeiter (ITBLAV) Neil Kearney erklärte kurz nach den Aufständen: „Die ITBLAV hat wiederholt gewarnt vor der wachsenden Frustration über die Hungerlöhne die man bezahlt, die überlange Arbeitszeit, den Betrug bei der Akkordarbeit und die Fälschung von Überstundenzuschlägen, die missbräuchliche Behandlung und die entsetzlichen Bedingungen in Bezug auf Sicherheit und Gesundheitsschutz“.

Textilien sind Bangladeschs wichtigster Exportartikel. In der Branche arbeiten zwei Millionen Menschen, überwiegend Frauen. Viele der etwa 4000 Textilfabriken liegen in so genannten „Exportproduktionszonen“. Das sind Gebiete, in denen soziale und arbeitsrechtliche Regelungen teilweise außer Kraft gesetzt sind, um den Bossen besonders profitable Ausbeutungsbedingungen zu sichern. Doch selbst minimale gesetzliche Vorschriften halten die Bosse nicht ein. Allein im Februar starben bei einem Fabrikbrand nach offiziellen Angaben 54 Arbeiterinnen und Arbeiter. Inoffizielle Quellen schätzen, dass es in Wirklichkeit mehrere hundert Tote gab. Die Ausgänge der Fabrik waren zugesperrt – eine häufige Massnahme in den Fabriken, um die Belegschaft am Arbeitsplatz zu halten. Im selben Monat starben 19 Menschen, als ein ganzes Firmengebäude zusammenbrach, weil dort illegale Bauarbeiten durchgeführt worden waren. Am selben Tag wurden 50 Arbeiter verletzt, als in einem anderen Bekleidungsunternehmen ein Transformator Feuer fing. Wie die „Kampagne für Saubere Kleidung“ berichtet, die über Machenschaften der Bosse international informiert, hat es in den vergangenen Monaten eine Serie ähnlicher „Unfälle“ gegeben.

Die Arbeiterinnen kämpfen zudem gegen sexuelle Belästigung und Vergewaltigung durch Vorgesetzte.

Gewerkschaftssekretär Neil Kearney nennt ein Beispiel für die miserable Entlohnung, das stellvertretend für die Branche steht: In der Fabrik eines führenden Mitgliedes des Arbeitgeberverbandes BGMEA verdienen Arbeiterinnen „400 Taka (5,28 Euro) im Monat, das heißt weniger als die Hälfte des gesetzlich festgelegten Mindestlohnes.“ Dafür müssen sie 29 Tage im Monat arbeiten – zwölf Stunden am Tag. Der derzeitige Mindestlohn wurde 1994 eingeführt und liegt bei 940 Taka (12,40 Euro) im Monat. Seitdem ist er nicht mehr erhöht worden, obwohl Mieten und Preise für wichtige Produkte um ein Vielfaches gestiegen sind. Deshalb fordern die Arbeiterinnen einen Mindestlohn von 3000 Taka.

Auch deutsche Unternehmen lassen im Land fertigen und machen Kasse mit der Ausbeutung. Dazu gehören Tschibo, Karstadt-Quelle und Steilmann.

Aufgrund der Proteste und Streiks mussten die Behörden und die Arbeitgeberverbände versprechen, den Arbeiterinnen und Arbeitern die Organisation in Gewerkschaften zu ermöglichen. Die Bosse mussten außerdem zusagen, über höhere Löhne zu verhandeln. Und die Behörden sahen sich gezwungen, „harte Maßnahmen“ gegen Unternehmen anzukündigen, die gegen gesetzliche Bestimmungen verstoßen. Während der Revolte verhaftete Arbeiter sind nach Aussagen der Behörden freigelassen worden.

Regierung und Bosse mussten sich auch mit Gewerkschaften an einen Tisch setzen und eine Lohn-Kommission einsetzen, die innerhalb von drei Monaten einen höheren Mindestlohn umsetzen soll.
Weitere Forderungen der Arbeiterinnen wie regelmäßige Bezahlung, geregelter Urlaub, Mutterschaftsurlaub und korrekte Entlohnung von Überstunden sollen innerhalb eines Monats erfüllt werden.

Bei der Firma A-One Limited in der Dhaka „Exportproduktionszone“ gingen die Streiks auch nach diesen Vereinbarungen weiter. Der Strickerei-Arbeiter Alamgir berichtet in der Bangladescher Zeitung The Daily Star: „Wir verweigern die Arbeit, weil wir bisher keine Mitteilung erhalten haben, ob die Geschäftsleitung unsere Forderungen erfüllt.“

Die Arbeiter bei Redpoint Jackets nahmen die Arbeit erst wieder auf, als die Behörden drei Managern – darunter dem Generaldirektor der Firma – das Betreten des Werkgeländes untersagten. Nun soll eine Kommission die Vorwürfe der Arbeiter gegen die Manager klären. Diese hatten Schläger angeheuert, die drohten, jeden „aufzumischen“, der streikt.

von Frank Eßers (E-Mail)

Linksruck Nr. 220, 21. Juni 2006

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