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„Kopftuch gleich Frauenunterdrückung – das stimmt nicht“

Junge Musliminnen demonstrieren für das Recht auf Kopftuch in Köln am 13. März 2005

Die grüne Abgeordnete Ekin Deligöz hat muslimische Frauen aufgefordert, das Kopftuch abzulegen, um „in der Gegenwart anzukommen“. Ist ihre Forderung berechtigt?

Deligöz Gegenüberstellung von Kopftuch und Gegenwart ist problematisch. Die Kopftuchbewegung, zum Beispiel von jungen Akademikerinnen in der Türkei, ist ein modernes Phänomen. Junge gläubige Frauen protestierten damit ab 1993 gegen das vom türkischen Staat verhängte Kopftuchverbot an den Universitäten. Sie wollten offen ihren Glauben zeigen, ohne dafür den Zugang zu Bildung verwehrt zu bekommen. Diese Bewegung gibt es in allen islamischen Ländern und natürlich auch bei muslimischen Migranten in Deutschland. Sie ist Teil einer Hinwendung zur Religiosität, die ihrerseits Reaktion auf eine als immer bedrohlicher empfundene Welt ist. Die Religion soll Halt und Orientierung geben, angesichts der Erfahrungen mit der eigenen sozialen Unsicherheit, zunehmenden kriegerischen Auseinandersetzungen und dem weltweiten Auseinanderdriften von Arm und Reich.
Diese Hinwendung zur Religiosität findet nicht nur unter muslimischen Migranten statt, sondern in anderen Formen auch in der deutschen Mehrheitsgesellschaft. Ich denke da an die Papstbegeisterung junger Katholiken, oder das Interesse an Buddhismus und allen möglichen Formen der Esoterik. Diese Phänomene sind Teil der Moderne und eine Reaktion auf die Welt, wie sie heute ist.

Deligöz sagt, das Kopftuch sei ein „Symbol der entrechteten Frau“ und verweist auf muslimische Mädchen, die von ihren Eltern gezwungen werden, das Kopftuch zu tragen.

Natürlich bin ich dagegen, dass Eltern Jugendlichen vorschreiben, wie sie sich zu kleiden haben. Nun sollte man aber nicht so tun, als gäbe es so etwas wie eine Kleidungsordnung in der deutschen Mehrheitsgesellschaft nicht. Auch hier hält sich bei Eltern die Begeisterung über Punkfrisuren, zerissene Hosen, oder auch bauchfreie Tops und Miniröcke oft in Grenzen. Aber weil es die allgemein akzeptierte Kleidungsordnung der Mehrheitsgesellschaft ist, fällt das nicht auf. Bei Muslimen hingegen schon.
Falsch ist die Annahme, dass Frauen, die Kopftuch tragen, mehrheitlich dazu gezwungen werden. In einer Studie der Konrad﷓Adenauer﷓Stiftung unter jungen Kopftuchträgerinnen sagten drei Viertel der Beteiligten, dass ihr Vater bei der Entscheidung keine Rolle gespielt habe. Ich persönlich habe auch mit gläubigen Muslimen gesprochen, die ihren Töchtern davon abraten, das Kopftuch zu tragen, weil sie ihrem Kind Anfeindungen und Beleidigungen ersparen wollen.
In der Studie gaben neun von zehn Frauen an, dass das Kopftuch ihnen Selbstvertrauen gäbe.
Das deckt sich mit den Ergebnissen anderer Studien und auch mit meiner persönlichen Erfahrung. Die Entscheidung für das Kopftuch kann für junge Muslimas zahlreiche Gründe haben: Einige beugen sich tatsächlich den Wünschen ihrer Eltern, bei vielen steht sie im Zusammenhang mit einer religiösen Wende, für etliche verbindet sie sich mit einer Kritik an der westlichen Vermarktung der Frau, andere wiederum klagen damit gegenüber der Mehrheitsgesellschaft ihr Recht darauf ein, anders zu sein. Und natürlich gibt es auch solche, die sich durch das Anlegen des Kopftuchs zum politischen Islam bekennen. Worauf ich hinaus will: Es stimmt einfach nicht, wenn pauschal behauptet wird, das Anlegen des Kopftuchs sei mit einem reaktionären Weltbild verbunden. Dies ist in manchen Fällen der Fall, aber offenbar nur bei einer Minderheit. 94 Prozent der von der Konrad﷓Adenauer﷓Stiftung befragten Frauen sagen, es sei in einer Ehe und Partnerschaft wichtig, dass sich die Frau ihre beruflichen Wünsche erfüllen kann.
Von daher ist die Reduzierung des Kopftuchs auf ein „Symbol der entrechteten Frau“ falsch. Das Kopftuch kann vieles bedeuten, je nach Kontext. Im algerischen Unabhängigkeitskrieg zum Beispiel war das Kopftuch Symbol des Aufstands gegen die französische Kolonialherrschaft. Deswegen wurde es in Frankreich nicht gerne gesehen.

Gegen Ekin Deligöz wurden nach ihren Äußerungen Morddrohungen ausgesprochen. Der CDU﷓Generalsekretär Pofalla sagte daraufhin, radikale Islamisten schürten in Deutschland ein Klima des Hasses. Wie sieht du das?

Zweifellos gibt es in Deutschland Gruppen revolutionärer Muslime, die in einer islamistischen Weltrevolution die Erlösung von einer ungerechten Weltordnung sehen. Diese Strömung hat auch einen gewalttätigen Flügel, der sich oft aus studentischen Kreisen rekrutiert.
Das Problem ist, dass diese Leute in der öffentlichen Debatte mit den konservativen islamischen Gruppen, oder gar dem Islam als solches, in einen Topf geworfen werden.
Alle maßgeblichen Organisationen des konservativen Islam lehnen Gewalt ab und haben die Morddrohungen gegen Frau Deligöz verurteilt.
Das sind nicht nur Lippenbekenntnisse. Diese Gruppen arbeiten daran, dass Muslime einen Platz in der deutschen Gesellschaft bekommen und fürchten nichts mehr als Gewaltakte, die sie weiter isolieren könnten. Nun greift aber gerade die CDU diese Organisationen am heftigsten an, und verlangt von ihnen, einer Gewalt abzuschwören, die sie nie gut geheißen haben.
Das ist bezeichnend für die gesamte Debatte um Muslime. Es wird tatsächlich ein Klima des Hasses geschürt, allerdings nicht von, sondern gegen Muslime. Seit dem Jahr 2001 hat sich eine große Koalition von rechts nach links gebildet, die in Muslimen ein Problem sieht. Natürlich sind die Motive unterschiedlich. Die Konservativen möchten ein wie auch immer geartetes christliches Abendland gegen „die Anderen“ verteidigen, die Linken sehen emanzipatorische Errungenschaften, wie Frauenrechte oder die Rechte von Schwulen und Lesben, durch Muslime bedroht. Im Endeffekt kommt aber dasselbe dabei raus: Alle schießen sich auf Muslime ein. Eine Folge davon ist dann die Radikalisierung von jungen Muslimen und der Zulauf zu radikalen islamistischen Gruppen.

Sind die Sorgen der Linken denn unbegründet?

Natürlich ist es richtig, die Rechte von Frauen und Homosexuellen zu verteidigen. Falsch ist hingegen die Annahme, diese Errungenschaften würden speziell durch „den Islam“ bedroht. „Den Islam“ gibt es nicht, ebenso wenig wie „den Westen“. Der Islam ist eine Religion und keine Kultur. Was Muslime untereinander verbindet ist die Bezugnahme auf den gleichen religiösen Text, mehr nicht.
Der Koran selbst ist, wie die Bibel auch, eine Baustelle aus der alles mögliche heraus gelesen werden kann, auch Unterdrückung von Frauen. Christliche Fundamentalisten, die Ärzte angreifen, die Abtreibungen vornehmen, berufen sich auf die Bibel. Die überwältigende Mehrzahl der Christen findet so etwas abscheulich. Die Taliban berufen sich auf den Koran. Die überwältigende Mehrzahl von Muslimen fand die unter den Taliban praktizierte Frauenentrechtung aber schlimm.
Beispiel Homophobie: Leider sind sich islamische und katholische Würdenträger, sowie orthodoxe Juden einig in der Ablehnung gleichgeschlechtlicher Liebe. Die Diskriminierung von Schwulen und Lesben jetzt „dem Islam“ zuzuschreiben ist einfach einseitig.
Dazu kommt, dass auch von der Linken Phänomene in den großen Topf „Islam“ geworfen werden, die dort gar nichts zu suchen haben. Beispiel Ehrenmorde: Das sind fürchterliche Taten, aber sie haben ursächlich nichts mit Religion zu tun. Es gibt in zahlreichen Gesellschaften im Mittelmeerraum Ehrenmorde, in muslimischen, christlichen und orthodoxen.
Mit der Vereinfachung vom „Kampf der Kulturen“ zwischen „dem Westen“ gegen „den Islam“ wird gezielt eine neue Feindbildideologie aufgebaut. Diese Ideologie begleitet eine aggressive Politik der westlichen Regierungen im Nahen und Mittleren Osten und dient, in Zeiten sozialer Unsicherheit, der Selbstvergewisserung nach innen. Das sollte die Linke nicht mitmachen.

Linksruck Nr. 224, 15. November 2006

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