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Das Märchen vom Jobwunder

Das Wirtschaftsmagazin Capital spricht von einem neuen Jobwunder. Arbeitsminister Müntefering (SPD) nennt die gesunkene Zahl von Arbeitslosen einen „guten Start zum Jahresbeginn 2007“. Nach Jahren wirtschaftlichen Stillstands ist die deutsche Wirtschaft im letzten Jahr um 2,5 Prozent gewachsen. Entstanden sind rund 400.000 neue Arbeitsplätze. Doch gibt es für die Masse der Arbeitnehmer und Arbeitlosen keinen Grund zu feiern. Denn der scheinbare Aufschwung am Arbeitsmarkt geht an den Langzeitarbeitslosen vorbei und schafft Jobs, die kaum zum Überleben reichen.

„Die von der SPD-geführten Bundesregierung begonnenen und von der Großen Koalition fortgeführten Reformen beginnen zu wirken“, meint SPD-Chef Beck. Die sinkende Arbeitslosigkeit hat jedoch nichts mit den so genannten Reformen zu tun, sondern mit einer leicht anspringenden Konjunktur.

Selbst die Financial Times Deutschland räumt ein, dass die jüngste Wende wenig „mit Reformen ŕ la Hartz IV zu tun hat, die darauf aus waren, neue Stellen mit Druck schneller zu besetzen“. Im November 2006 waren 700.000 Stellen unbesetzt – zweieinhalb so viel wie vor Hartz IV.

Bisher ging der Aufschwung an den Langzeitarbeitslosen völlig vorbei. Hunderttausende werden in 1-Euro-Jobs versteckt, 2006 im Schnitt 300.000. 1-Euro-Jobs verdrängen reguläre Arbeitsplätze, bieten jedoch kaum Chancen auf Arbeit.

Laut Bundesagentur für Arbeit wechseln lediglich 14,7 Prozent aller 1-Euro-Jobber in ein ordentliches Arbeitsverhältnis. Fast alle bleiben arbeitslos oder parken in der nächsten Umschulung.

So ist die Zahl der Langzeitarbeitslosen 2006 um 53.000 gestiegen. Damit ist fast jeder zweite der 4 Millionen Arbeitslosen länger als ein Jahr ohne Job. 2005 war es noch gut jeder Dritte.
Entgegen den Regierungsmeldungen gibt es keinen allgemeinen Jobzuwachs. Im Versicherungswesen, dem verarbeitenden Gewerbe und dem öffentlichen Dienst haben Unternehmer wie politisch Verantwortliche im letzten Jahr Arbeitsplätze vernichtet. Für 2007 haben zahlreiche Branchen wie die Automobilindustrie, das Handwerk oder der Bergbau weiteren Arbeitsplatzabbau angekündigt.

Der größte Teil der neuen Jobs ist im Bereich der unternehmensnahen Dienstleistungen entstanden. Doch bringt der derzeitige Aufschwung im Unterschied zu früher kaum Vollzeit-Arbeitsplätze hervor.
Stattdessen boomen Billigjobs: Jobs mit Arbeitszeiten und -einkommen, die kaum zum Überleben reichen. Über 90 Prozent der 2006 im Jahresdurchschnitt neu entstandenen sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplätze sind Teilzeitjobs.

Auch die geringfügigen Arbeitsverhältnisse boomen. 2 Millionen sozialversicherungspflichtig Beschäftigte müssen zusätzlich einen geringfügig entlohnten Nebenjob ausüben. Jüngst gingen die Ausbeuterlöhne beim Luxushotel „Dorint Sofitel“ in Hamburg durch die Presse. Zimmermädchen reinigen die Suiten der Reichen für einen Nettostundenlohn von 1,92 Euro.

Die Spitze eines Eisbergs: In Deutschland leben 3,8 Millionen Menschen trotz Vollzeitarbeit in Armut. Sie müssen mit weniger als der Hälfte des durchschnittlichen monatlichen Bruttolohns (1.470 Euro) über die Runden kommen. Mit der Agenda-2010-Politik der alten und neuen Bundesregierung sind in Deutschland US-amerikanische Verhältnisse eingezogen.

Weitere neue Jobs sind bei Leiharbeitsfirmen entstanden. Statt die Stammbelegschaft aufzustocken, leihen sich Unternehmen befristet Arbeitskräfte aus. Beim Flugzeughersteller Airbus sind 7.000 der 14.000 Beschäftigten Leiharbeiter.

4.400 Beschäftigte montieren in Leipzig neue BMW-Modelle. Rund 1.000 hat sich der bayrische Autokonzern von Zeitarbeitsfirmen „geliehen“. Der Vorteil für die Unternehmen: Sie sind billiger und flexibler.

Leiharbeiter bekommen im Schnitt 20 Prozent geringere Stundenlöhne. Sie haben kaum Mitbestimmungsrechte im Betrieb. Viele hoffen auf eine feste Anstellung und schlucken dafür alles.
Leiharbeiter haben im Krankheitsfall kaum Sicherheiten. Für das Unternehmen ersetzt die Leiharbeitsfirma Kranke sofort durch neue Leiharbeiter.

So drückt Leiharbeit Löhne und Arbeitsbedingungen nach unten. Dauerhafte Arbeitsplätze entstehen dadurch nicht. Beim nächsten Abschwung sind die ehemals Arbeitslosen sofort wieder arbeitslos.
Daher greift mehr als jeder dritte Großbetrieb inzwischen auf Leiharbeiter zurück. Zwei von drei neuen Vollzeitstellen wurden im letzen Jahr von Zeitarbeitern besetzt. In diesem Jahr soll die Zeitarbeit auf 1,2 Millionen Jobs wachsen.

Begünstigt hat diese Entwicklung die Politik. 2002 weitete Rot-Grün die Verleihdauer für Leiharbeiter von 12 auf 24 Monate aus. Während Hartz IV für ein Leben in Armut sorgt, schreibt Hartz I den flächendeckenden Aufbau von Zeitarbeitsfirmen vor.

Trotz aller Aufschwungsmeldungen kamen im letzten Jahr 12 Arbeitslose auf eine offene Stelle. Was boomt sind Billigjobs und Leiharbeit. Das angebliche Jobwunder verschärft die soziale Ungleichheit in Deutschland.

von Olaf Klenke

Linksruck Nr. 226, 31. Januar 2007

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