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Muslime in Deutschland:

„Wir haben Angst“

Reine Schikane: Razzia in einer Moschee in Hamburg. Waffen, Sprengstoff oder Verdächtige wurden nach Polizeiangaben nicht gefunden.

Muslime werden terrorisiert

Die Europäische Beobachtungsstelle von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit hat im Frühjahr 2002 einen Bericht über die Situation von Muslimen in der EU seit den Anschlägen in den USA veröffentlicht. Laut dem Bericht gibt es immer mehr Feindseligkeit gegen Muslime. Frauen, die ein Kopftuch tragen, seien besonders gefährdet: „Das Kopftuch scheint zum wichtigsten sichtbaren Kennzeichen und damit zur Zielscheibe des Hasses geworden zu sein, da muslimische Frauen regelmäßig in den Ländern beschimpft und angegriffen werden, wenn sie dort durch das Kopftuch erkannt werden.“ Die Direktorin der Beobachtungsstelle sagte: „Es wurde eine Atmosphäre geschaffen, in der sich Muslime ständig verteidigen und erklären müssen, dass sie keine Terroristen sind.“
Arabische Studenten stehen unter Generalverdacht.„Fast alle arabischen Kommilitonen wurden zum Verhör beim Kriminalamt vorgeladen“, erzählt Aiman Aikel, palästinensischer Student aus Hamburg: „Am Eingang der Uni stand ein Wagen, in den wir einsteigen und Fragen der Polizei beantworten mussten. Zum Beispiel, ob wir die Attentäter vom 11. September kannten.
Außerdem hat die Uni unsere Daten an Kriminaldienste weitergeleitet. Das wurde uns zwar gesagt, wir hatten aber keine Gelegenheit nachzufragen.“
„Seit dem 11. September taucht die Polizei vor Moscheen auf, als wolle sie eine Terrorzelle stürmen“, sagt Jihad Iraki, palästinensischer Asylbewerber aus Berlin.
Auch die neuen Gesetze, die den Datenschutz für Ausländer aufweichen und die Hetze der Medien macht Muslimen das Leben schwer: „Die Gesetze führen zu stärkerer Ausgrenzung. Man wird ständig beobachtet und fühlt sich nicht wie die anderen Bürger“, so Aishe Bardadi (Name von der Redaktion geändert), palästinensische Arbeiterin aus Hamburg.
„Zu einem Professor von mir hatte ich guten Kontakt. Er ist mein Freund gewesen“, berichtet Aiman: „Nach dem 11. September hat er gesagt, dass er mir nicht mehr vertrauen könne.“ „Ich bin Elternsprecher der Schulklasse meiner Tochter Fatima“, sagt Waidallah Khalaf, Diplom-Ingenieur aus Berlin und gebürtiger Iraker: „Zwei Tage nach den Anschlägen vom 11. September sagte ihre Lehrerin im Unterricht: `Das waren die Araber.`“
Viele Frauen fühlen sich mit Kopftuch nicht mehr wohl auf der Straße. “Eine Nachbarin hat sich einen Hut gekauft, weil sie sich nicht mehr traut, draußen ein Kopftuch zu tragen“, so Waidallah.
Seine Frau fügt hinzu: „Wir werden alle in einen Topf geschmissen. Die Vermieterin unserer Bekannten hat gesagt, dass sie nie wieder ein Zimmer an Araber vermieten wird.“
Araber haben Probleme, nach Deutschland zu kommen: „Ich habe Glück, dass ich vor dem 11. September nach Deutschland gekommen bin“, meint Aiman: „Heute reicht es aus, jemanden zu kennen, dessen Name dem Geheimdienst bekannt ist, um nicht einreisen zu dürfen.“
Asylsuchende werden unter Druck gesetzt: „Ich lebe hier seit 12 Jahren und bin immer noch Asylbewerber“, sagt Jihad: „Meine Mutter bekommt erst eine Aufenthaltsgenehmigung, wenn sie Arbeit hat. Aber es ist schwer für sie, eine zu finden, denn sie trägt Kopftücher.“
Die Suche nach Arbeit ist für Araber noch schwerer als für Deutsche: „Ich habe mich bei fast allen großen Firmen um ein Praktikum beworben, zum Beispiel bei Siemens und Philipps. Überall wurde ich abgelehnt“, erzählt Aiman.
Bereits vor dem 11. September war es nicht leicht, einen Job zu finden: „1991, zur Zeit des ersten US-Kriegs gegen Irak, habe ich bei Siemens gearbeitet“, sagt Waidallah: „Nach Kriegsbeginn wurde mir gesagt, dass ich wegen meiner Staatsangehörigkeit nicht mehr für den Betrieb arbeiten könne.“
Auch die deutschen Behörden diskriminieren Ausländer schon länger. „Vor zwei Jahren beschwerte ich mich beim Leiter der Ausländerbehörde über eine Mitarbeiterin, die mich mehrmals angeschrieen hatte“, so Waidallah. „ Aber er hat mich ignoriert. Später habe ich erfahren, dass er früher Leiter der Abschiebebehörde war. Er wurde in die Ausländerbehörde versetzt, weil er auf dem Flughafen Flüchtlinge verprügelt hat.“
Die arabischen Gemeinden in Deutschland begrüßen das „Nein“ der Bundesregierung zum Krieg gegen Irak. „Nur mit der Unterstützung der Bevölkerung wird die Regierung bei ihrer Ablehnung dieses Krieges bleiben“, meint Waidallah. Doch vielen Arabern fällt es schwer, die Bewegung gegen Bushs Angriffspläne mit aufzubauen.
„Oft habe ich versucht, Leute zu fragen, ob sie sich an Demonstrationen beteiligen“, so Waidallah. „Aber sie haben Angst. Viele sind von Rasterfahndung betroffen und bekommen Briefe von den Behörden. Jetzt machen die Leute sich Sorgen, dass sie beobachtet werden und wollen sich nicht mehr politisch betätigen.“

Linksruck Nr. 140, 22. Oktober 2002

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