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Neuer Todesstreifen

- Film "Lichter" -

Die Dolmetscherin des Bundesgrenzschutzes Sonja (Maria Simon) will die Menschen nicht weiter daran hindern, ihr Glück zu finden. Erst gibt sie dem Flüchtling Kolja (Ivan Shvedoff) Tipps, wie er in Deutschland Asyl bekommen kann. Als er trotzdem abgeschoben wird, fährt sie von Frankfurt an der Oder in Deutschland in die Schwesterstadt Slubice in Polen, um ihn nach Berlin zu schmuggeln.
Nachdem sie ihren Passagier abgesetzt und sich von ihm verabschiedet hat, stellt sie fest, dass der Kerl ihr die Kamera geklaut hat. Er eilt damit über den Potsdamer Platz und knipst jene Hochhäuser, die sein Bruder bauen half, aber nie fertig sehen konnte, weil er abgeschoben wurde.
In sechs Episoden verwebt Regisseur Hans-Christian-Schmid die Geschichten von Flüchtlingen, Schmugglern und anderen Menschen am Rande oder jenseits der Legalität. Sie alle kommen an einem neuen Eisernen Vorhang zwischen Polen und Deutschland zusammen. Wie zu DDR-Zeiten kann es den Tod bedeuten, wenn man die Grenze überschreiten will.
Da ist der polnische Taxifahrer Antoni (Zbigniew Zamachowski), der dringend Geld braucht, um seiner Tochter ein Kommunionskleid zu kaufen. Also hilft er Dimitri und seiner Familie durch den Grenzfluss Oder. In einem unbeobachteten Moment zieht er Dimitri heimlich ein Geldbündel aus der Tasche und fängt im selben Moment vor Scham an zu weinen.
Antonis Frau ist gerade vom rast- und glücklosen Matratzenhändler Ingo gefeuert worden, den es nach Frankfurt verschlagen hat, wie in einen längst aufgegebenen Außenposten, deutschen Unternehmertums. Devid Striesow verkörpert unglaublich amüsant und gleichzeitig ergreifend einen Konjunkturritter von der traurigsten Gestalt, der so verzweifelt ist, dass er den guten Schlaf, den er verkaufen will, selber nicht mehr finden kann. Ingo stellt Simone (Claudia Geisler) ein, die es nie schafft, einen Job länger als zwei Tage zu behalten und sich gerne mit Ingo anfreunden würde, aber Ingo hat längst vergessen, was eine Beziehung ist, die nicht durch Geld bestimmt wird.
Gleichzeitig versteht der junge Architekt Philip (August Diehl), dass er an den millionenschweren Investor nicht nur alle künstlerischen Ideen, sondern auch seine Freundin Beata verkaufen muss. "Willkommen in der Wirklichkeit", wird Philip von seinem Chef (Herbert Knaup) angeschrien, der Beata für den Sex bezahlt, damit das Projekt zustande kommt.
Moral ist fast vollständig außer Kraft gesetzt, weil alle ständig mit dem Überleben beschäftigt sind. Es gibt kein Vertrauen, sondern nur noch Angst, Verzweiflung und Scheitern. Wie beim jungen Zigarettenschmuggler (Martin Kiefer), der seine Freundin (Alice Dwyer) auszieht, weil er glaubt, dass sie ihm Geld gestohlen hat. Als sie halbnackt ist, nutzt er die Situation aber lieber, um mit ihr zu schlafen.
Nach dem Thriller "23" und dem Teenagerdrama "Crazy" gelingt Schmid sein schwermütigster, politisch interessantester und bisher bester Film.

von Hans Krause

Linksruck Nr. 160, 12. August 2003

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