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Die Neue Linke im Nahen Osten: Libanon

Raida Hatoum arbeitet in einem palästinensischen Flüchtlingslager in Beirut.
Raida, im ganzen Nahen Osten gab es große Demos gegen den Krieg im Irak. Wie haben die Menschen in Beirut reagiert?
Verschieden. Manche haben US-amerikanische Produkte boykottiert. Die Studenten haben gestreikt. Andere haben Demos organisiert.
Am meisten Leute haben in der libanesischen Hauptstadt Beirut am 15. Februar demonstriert, insgesamt über 12.000 Menschen.

Was hat die Regierung getan?
Die Demonstranten vor der US-amerikanischen und der britischen Botschaft waren wirklich wütend. Die Polizei hat mit Gewalt geantwortet. Selbst die friedlichsten Demos wurden von den Medien angegriffen. Besonders wir, weil wir unsere Kampagne "Kein Krieg, keine Diktatur" genannt haben.

Meint ihr damit "Keine Diktatur im Libanon"?
Nirgendwo! Bevor wir die Diktatur des US-Imperialismus schlagen können, müssen wir die lokalen Diktaturen bekämpfen. Wir brauchen etwas Neues.
Wir wollen keinen Neoliberalismus, aber wir wollen auch keinen Stalinismus, keinen Nasserismus wie in Ägypten. Die arabische Straße ist lebendig und sie ist radikal, jetzt müssen wir die Diktaturen und ihre Parteien loswerden.

In Deutschland erfahren wir wenig von der Lebendigkeit der arabischen Straße. Wie sieht die Bewegung aus?
Seit zwei Jahren arbeiten alle möglichen Kräfte zusammen. Die Menschen vertrauen den Parteien nicht mehr, nachdem sie uns 40, 50 oder 60 Jahre lang ausgebeutet haben.
Da sind die Grünen, verschiedene Organisationen, die Schwulen- und Lesbenbewegung, Palästinenser, Kurden und die Europäer und Amerikaner, die in Beirut leben.

Viele islamische Gruppen sind auch gegen den Krieg. Arbeitet ihr mit ihnen zusammen?
Natürlich. Ich habe die Hisbollah immer unterstützt. Ich unterstütze jeden, der die Besatzung bekämpft.
Aber als Israel sich aus dem Südlibanon zurückgezogen hatte, bin ich zur Hisbollah gegangen und habe gesagt: Wir wollen jetzt zu sozialen Fragen arbeiten.
Aber das haben sie abgelehnt. Sie wollen sich nicht um die Not der palästinensischen Flüchtlinge oder die Unterdrückung der Frauen kümmern.
Wenn die Besatzung vorüber ist, bleibt die soziale Frage. Das macht alle Menschen gleich, unabhängig von Geschlecht, Farbe, sexueller Orientierung oder Religion.

In vielen Ländern ist die Antikriegsbewegung im Moment nicht auf der Straße. Wie sieht es im Nahen Osten aus?
Wir kämpfen für ein Ende der US-Besatzung im Irak. Wir wollen Demokratie. Wir wollen einen Regimewechsel im Libanon. Wir wollen Regimewechsel in der ganzen arabischen Welt. Wir werden weiterhin Druck in unserem Teil der Welt aufbauen – und auf die Besatzungstruppen.
Die meisten von uns sind außerdem aktiv in einer Boykottkampagne gegen alle Konzerne, die Israel unterstützen, wie Starbucks, Nestlé oder Coca-Cola.

Wie unterstützt zum Beispiel Starbucks den Staat Israel?
Der Manager von Starbucks Shultz warb während der zweiten Invasion der palästinensischen Gebiete damit, dass ein Teil von Starbucks’ Gewinn an die israelische Armee geht. Shultz sagte, Israel sei nur Israelis versprochen und nicht den Arabern.
So sind wir mit der antikapitalistischen Bewegung verbunden. Wir haben uns eine schwul-lesbische Gruppe in Berkeley in den USA zum Vorbild genommen. Die Gruppe hat ein Starbucks-Café besetzt. Sie haben gesagt, wenn Shultz meint, dass Israel Palästina besetzen darf, dann dürfen wir auch seinem Laden in Berkeley besetzen.

Hat das Schwulen und Lesben in der libanesischen Antikriegsbewegung genutzt?
Ja. Endlich ist die Zeit gekommen, in der alle aktiven Menschen ihre Identität bekannt geben. Wir haben Schwule und Lesben ermutigt, auf den Demos die Regenbogenfahne, das Symbol der Homosexuellenbewegung, zu tragen.

Was haben die Demonstranten dazu gesagt?
Die alten Linken waren furchtbar. Sie behaupteten, die Schwulen und Lesben könnten auf die Demo kommen, aber nicht ihre Fahnen tragen.
Seitdem gibt es eine Diskussion darüber, was es bedeutet, jemanden zu unterstützen. Unterstützung heißt nicht, dass man redet. Es heißt, dass man Seite an Seite geht. Jede Unterdrückung ist eine Unterdrückung von uns allen.

Wie groß ist die Boykottkampagne?
Der Boykott ist im Libanon sehr gut gelaufen. Der Umsatz des US-amerikanischen Tabakkonzerns Philip Morris ist hier um 40 Prozent zurückgegangen. Der Boykott ist so stark, weil jeder sich daran beteiligen kann.
Das Regime hat darauf sehr merkwürdig reagiert. Der libanesische Präsident erklärte im Fernsehen, McDonald’s sei ein libanesischer Konzern. Jetzt bewachen Soldaten alle McDonald’s-, Starbucks- und Burger King-Filialen. Auf den Demos rufen wir immer: "Was ist das für eine Armee, die Hamburger und Kaffee beschützt?"

Linksruck Nr. 160, 12. August 2003

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