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Wir sind kein Humankapital

Stichwort: Studiengebühren

Studiengebühren schließen Kinder mit ärmeren Eltern von den Unis aus. Das gebührenfreie Studium ist eine wichtige Voraussetzung dafür, dass jeder unabhängig von seiner sozialen Herkunft studieren kann. Schon in den letzten 20 Jahren haben sich die Türen der Hochschulen für weniger Wohlhabende immer weiter geschlossen. Das zeigt die aktuelle Sozialerhebung der Studentenwerke.
Danach stieg der Anteil der Studierenden aus den reichsten Elternhäusern zwischen 1982 und 2000 von 17 auf 33 Prozent. Der Anteil der Studenten aus den ärmsten Familien sank in dieser Zeit von 23 auf 13 Prozent. Studiengebühren führen dazu, dass sich diese Ungerechtigkeit weiter verschlimmert und nur noch Reiche an die Unis gelangen.
In der SPD werden andere Modelle vorgeschlagen: nachträgliche Gebühren oder Studienkonten. Doch die finanzielle Lage vieler Studenten ist auch nach Abschluss ihres Studiums nicht so gut, dass sie Gebühren zahlen können. Viele Akademiker werden Geringverdiener oder arbeitslos. Die Studiengebührenmodelle lenken davon ab, dass das Problem der Hochschulen wie des gesamten Sozialstaats darin besteht, dass die Konzerne nicht mehr genug Steuern zahlen.

Standpunkt: Wirtschaft braucht keine Bildung

Auf vielen Demonstrationen gegen Bildungsabbau sind Plakate Aufschriften wie: "Keine Bildungskürzungen: Ihr sägt am Ast auf dem ihr sitzt." Hinter diesen Parolen steht die Annahme, die Bosse hätten selber ein Interesse am Erhalt unseres Bildungssystems, und man müsse es ihnen nur oft genug erklären.
Doch die Herrscher aus den Vorstandsetagen kümmern sich kein bisschen um Bereiche wie Judaistik, Romanistik oder die Ausbildung kritischer Politikwissenschaftler. Deswegen wird in solchen Bereichen auch als erstes gekürzt.
Aber auch die Studierenden der technischen und anderer Studiengänge werden vom neoliberalen Umbau der Hochschulen nicht profitieren. Denn die Unternehmen brauchen nur eine kleine Minderheit der Studierenden mit umfassender Ausbildung. Die meisten würden hingegen nur sehr eingeschränkte Möglichkeiten haben, zu lernen.
Schon heute gibt es an den Unis so genannte Bachelor-Abschlüsse. Diese Schmalspurstudiengänge liefern die Studierenden noch mehr den Schwankungen des Arbeitsmarktes aus. Denn ohne umfassende Ausbildung werden die Möglichkeiten einen Arbeitsplatz zu finden immer schlechter.
Die Angriffe auf den Bildungsbereich sind Teil eines Generalangriffes auf den Sozialstaat. Im Kern geht es um die Frage: Wer zahlt für die wirtschaftliche Krise – die Bosse oder die Bevölkerungsmehrheit?
Noch Ende der 60er Jahre wurden die Hochschulen und das Bildungssystem unter dem Druck der Studentenbewegung massiv ausgebaut. Diese Sozialreformen waren ein großer Fortschritt. Sie ermöglichten zunehmend auch Kindern aus Arbeiterfamilien und den unteren sozialen Schichten die Aufnahme eines Studiums.
Die Bewegung setzte durch, dass Bildung zum Bürgerrecht und die Hochschulen allen geöffnet wurden. Der Staat ließ neue Gebäude bauen, stellte mehr Professoren ein, schaffte Studiengebühren ab und führte das Bafög ein.
Der Ausbau des Bildungswesens entsprach dabei den Anforderungen der Wirtschaft und deren steigender Nachfrage nach akademischen Fachkräften. Aber die Reformen fielen aufgrund des Druckes der Studentenbewegung von 1968 viel weitreichender aus, als die Industrie es wollte.
Der Angriff auf die Errungenschaften der 68er begann schon 1974, als die lange Wachstumsphase des Kapitalismus nach dem Krieg zu Ende ging. Gegenwärtig erleben wir die vierte schwere Wirtschaftskrise seitdem.
Die Krise wurde nicht durch ein Überborden des Sozialstaats verursacht. In den USA ist die sozialstaatliche Absicherung fast vollständig zerstört – trotzdem ging das Land im Jahr 2000 noch vor Europa in eine tiefe Rezession.
Solche Krisen sind Ergebnis der kapitalistischen Dynamik. Jeder Kapitalist muss, um in der Konkurrenz zu überleben, seine Produktionsstätten ständig modernisieren und Arbeitsplätze wegrationalisieren, um billiger produzieren zu können.
Ständig wird investiert, um mit weniger Arbeitern mehr produzieren zu können. Da die Nachfrage aber nicht steigt, entsteht regelmäßig eine Überproduktion. Unternehmen können ihre Waren nicht mehr absetzen, ihre Profitraten sinken. Einige gehen bankrott; die Arbeitslosenzahlen steigen, und die gesamte Wirtschaft rutscht in Krisen, die mit jedem Mal tiefer werden.
In der Krise versuchen die Bosse, ihre Profite durch Lohnsenkungen, Massenentlassungen und Sozialabbau zu erhalten. Das erleben wir zurzeit wieder – auch an den Universitäten und Schulen. Erkämpfte Fortschritte im Bildungsbereich sollen zurückgedreht werden.
Die Krisen schlagen seit 1974 auf den Bildungsbereich durch. Schon der so genannte Doppelbeschluss von 1977 programmierte die kommende chronische Unterfinanzierung der Hochschulen vor. Denn er garantierte sowohl, die Hochschulen weiterhin allen Studierwilligen offen zu halten, andererseits aber den Hochschuletat einzufrieren. So sank der Anteil der Hochschulausgaben am Bruttosozialprodukt von 1,3 Prozent Mitte der 70er Jahre auf 0,9 Prozent Anfang der 90er Jahre.
Jahrzehntelang wurden so die Hochschulen und das Bildungssystem insgesamt finanziell ausgetrocknet. Während die Ausgaben von 2,15 Milliarden Euro 1970 auf 1,95 Milliarden Euro 1994 sanken, verdoppelte sich in diesem Zeitraum die Zahl der Studierenden. Zur Finanzierung der ostdeutschen Hochschulen wurde der Gesamtetat um keinen Cent erhöht.
Die miserable Situation des Bildungssystems und insbesondere die Zustände in den Hochschulen bieten den Modernisierern eine willkommene Angriffsfläche für ihr Projekt – "die Uni für die Bosse".
Dabei geht es darum, die Hochschulen noch mehr als bisher zu einem reinen "Zulieferbetrieb" für die Wirtschaft zu machen.
Über wirtschaftsnahe Institutionen, so genannte Think Tanks, werden die Konzepte der Industrie in die Entscheidungsgremien für Bildungspolitik geschleust. Zu den wichtigsten dieser Think Tanks gehören die European Roundtable of Industrials (ERT) und das Centrum für Hochschulentwicklung (CHE).
Im Zwischenbericht des ERT zur Neugestaltung der europäischen Erziehung und Bildung gilt es beispielsweise als selbstverständlich, dass "Kinder ab dem ersten Schuljahr mit dem Konkurrenzkampf konfrontiert und dadurch geschult werden, um den Wettbewerb um soziale Privilegien kennenzulernen. [...] Eine erfolgreiche Schule im Jahr 2000 muss von erfolgreichen Gewinnern geführt werden."
Die Industrie erhöht den Druck auf Regierung und Hochschulgremien, um im globalen Wettkampf mitzuhalten. Worum es den Bossen konkret geht, formuliert Stefan Baron, Chefredakteur der Wirtschaftswoche: "Der Weg zum idealen Menschen führt über den brauchbaren Menschen."
Nach dem Willen der Wirtschaft soll zukünftig einer hoch qualifizierten Elite, der "technischen Intelligenz", eine weitgehend "entqualifizierte" Masse billiger Arbeitskräfte gegenüberstehen, die nicht mehr Bildung erhalten als für ihre spätere Tätigkeit unbedingt notwendig. Die Lehrinhalte sollen noch stärker von der Industrie bestimmt und die Infrastruktur der Bildung schrittweise von privaten Investoren übernommen werden.
Nach dem Vorbild USA ist das Ziel, die Universitäten durch Wettbewerb um staatliche Förderung, Drittmittel aus der Industrie und zahlungskräftige Studenten in profitorientierte Unternehmen zu verwandeln. Deren Kunden aber sind in erster Linie Unternehmen, die billig Forschungsergebnisse und verwertbares "Humankapital" von den Unis erwerben. Gleichzeitig soll wie in den USA der Anteil der Studenten an der Gesamtbevölkerung gesenkt werden.
Verlierer bei diesem Wettbewerb sind Angestellte im Lehrbetrieb, deren Gehälter sinken werden, und die Studenten. Sie sollen Bildung aus eigener Tasche finanzieren. Studentische Interessenvertretung hat in privaten Bildungsunternehmen keinen Platz. Und auf das Angebot können Bildungskunden nur noch so viel Einfluss nehmen wie die Käufer verschiedener Waschmittel auf deren Zusammensetzung.
Bildung, die den Menschen in den Mittelpunkt stellt, und ein System, welches auf Profit und Konkurrenz aufgebaut ist, stehen sich unvereinbar gegenüber.

Linksruck Nr. 166, 26. November 2003

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