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Wie Kriege zu Revolutionen führen können

"Wenn man in einer westlichen Demokratie die Verbindung zum Volk verliert, dann verliert man die Wahlen. In einer Monarchie verliert man den Kopf." Dies waren die Worte von Prinz Bandar, dem Botschafter Saudi-Arabiens in den USA. Eine Revolution erscheint den meisten Menschen gewöhnlich als etwas weit entferntes. Es ist leicht zu schlussfolgern, dass wir uns nur mit dem Bestehenden abfinden und höchstens auf marginale Reformen drängen können. Alles andere, so wird uns von allen Seiten erzählt, ist "nicht umsetzbar" und "utopisch". Diese Ideen setzen sich in den Teilen der Antikriegsbewegung fort, die die gegenwärtigen Herrscher drängen, durch die UNO oder irgendeinen internationalen Gerichtshof zu einer "gerechten Lösung" der Probleme zu kommen, die Afghanistan und den Nahen Osten heimsuchen.

Es sind jedoch genau diese Herrscher, deren Machenschaften zur Verwüstung in Afghanistan geführt haben und die den ganzen Nahen Osten in ein Pulverfass verwandelt haben. Nichts ist unrealistischer und utopischer, als von ihnen zu erwarten, dass sie plötzlich Vertreter des Friedens werden. Die Geschichte der letzten 100 Jahre zeigt im Gegenteil, dass gerade der Horror des Krieges revolutionäre Umwälzungen entfesseln kann. 1914 nahmen alle europäischen Mächte am Massengemetzel des 1. Weltkrieges teil. Bis Februar 1917 hatte die Revolution den russischen Zar gestürzt und die Arbeiterklasse, geführt von den Bolschewiki, im Oktober an die Macht gebracht. Das Deutsche, das Österreichisch-Ungarische und das Osmanische Reich brachen 1918 zusammen.

Eine ähnliche Geschichte spielte sich im 2. Weltkrieg ab. Der Krieg, der 1939 zwischen den westeuropäischen Mächten ausgebrochen war, hatte sich ausgebreitet und jeden größeren Staat der Welt innerhalb von zwei Jahren hineingezogen. Bis 1943 und 1944 war eine linke Widerstandsbewegung entstanden, die in Italien, Griechenland und Frankreich einer revolutionären Veränderung nahekam. Drei Jahre später nahm eine revolutionäre Armee Peking ein.

1948 schlugen die Armeen Israels die arabischen Armeen in Palästina nieder, einschließlich der Ägyptens. Vier Jahre später führte die Unzufriedenheit innerhalb der ägyptischen Armee zum Sturz der Monarchie und zur Bildung einer nationalistischen antiimperialistischen Regierung unter der Führung von Abdul Nasser. 1956 griffen Großbritannien, Frankreich und Israel diese Regierung an, wobei britische Flugzeuge ägyptische Städte bombardierten. Eine Welle von Unruhen überrollte den Nahen Osten und führte 1958 zum Sturz und zur öffentlichen Hinrichtung des pro-britischen Monarchen im Irak.

In jedem dieser Fälle wirkte der Krieg unbeabsichtigt als Hebamme der Revolution, auch wenn es zu Beginn nie so aussah. Normalerweise war die erste Auswirkung des Krieges eine Welle von Nationalismus bei Menschen, die vorher kaum über Politik nachgedacht hatten und die ihre Ideen aus den Massenmedien erhielten.

Die Gegner des Krieges fühlten sich isoliert durch die scheinbar unaufhaltsame Barbarei, die sie umgab. So war die große deutsch-polnische Revolutionärin Rosa Luxemburg 1914 einmal nahe daran, Selbstmord zu begehen. Dies alles änderte sich, als der Krieg selbst die traditionellen Lebensweisen der Menschen durcheinanderbrachte und sie mit all den harten Realitäten der kapitalistischen Gesellschaft konfrontierte mit dem schrecklichen Blutzoll an der Front, den schnell steigenden Preisen und verlängerten Arbeitsstunden zu Hause und der Profitmacherei derjenigen, die die nationale Einheit predigten.

Aus der Sicht des westlichen Kapitalismus ist die Lage im Nahen Osten heute besonders gefährlich. Die Herrscher der ölreichen Staaten auf der arabischen Halbinsel bedienten sich in der Vergangenheit einer "Teile-und-Herrsche"-Politik. Sie setzten einen kleinen Bruchteil ihrer Öleinkünfte ein, um der einheimischen Bevölkerung Arbeitsplätze zu garantieren und eine Art Sozialstaat zu gewähren und zogen eine riesige Anzahl von Immigranten und Wanderarbeitern aus Ägypten, Palästina, dem indischen Subkontinent und den Philippinen heran, um die Drecksarbeit zu erledigen. Aber ein Jahrzehnt der ökonomischen Krise hat dieses System untergraben. Das nationale Pro-Kopf-Einkommen in Saudi-Arabien, dem wichtigsten Öl-Förderer, ist auf ein Viertel des alten Betrags geschrumpft. Arbeitsplätze sind nicht mehr garantiert, auch nicht für die gebildeten Mittelschichten, und Armut existiert direkt neben den prunkvollen Palästen der Herrscher.

In Ägypten, dem mächtigsten arabischen Staat, der kein Erdöl fördert, ist die Lage noch schlimmer. Die von der Regierung betriebene neoliberale Politik hat es einer winzigen Minderheit ermöglicht, in Luxus zu schwelgen. Aber es herrscht unbarmherzige Armut unter den Bauern und wachsende Arbeitslosigkeit in den Arbeitervierteln. Selbst die Mittelschichten, die von Arbeitsplätzen im Staatsdienst abhängig sind, leiden unter Verarmung. Bis jetzt hat brutale Unterdrückung erfolgreich jeden offenen Ausdruck von Unzufriedenheit unter Kontrolle halten können. Aber diese ist immer weniger wirkungsvoll. Wenn ein höchst repressives System dann außer Kontrolle gerät, geschieht dies gewöhnlich in explosiver Form.

Genau das passierte in der letzten großen Revolution im Nahen Osten, in der iranischen Revolution von 1978/79. Was als Protest von intellektuellen Gruppen, Studierenden und religiösen Personen angefangen hatte, wuchs innerhalb von wenigen Monaten zur Aktion von Millionen von armen Menschen und, am wichtigsten, zur teilweisen Machtübernahme der Arbeiter in der Ölindustrie. Der Herrscher des Landes, der Schah, war gezwungen zu fliehen, als Teile seiner Armee die Seiten wechselten.

In solchen revolutionären Erhebungen geben die Menschen nicht nur ihrer Unzufriedenheit Ausdruck, sie fangen auch an, neue Wege zur Gestaltung der Gesellschaft auszuprobieren. Herrschende Klassen versuchen dann den Einfluss von alten Ideen auszunutzen, um das Volk daran zu hindern, dass es seine Ziele erreicht. So war zum Beispiel die Kapitalistenklasse in Deutschland nach 1918 bestrebt, die Arbeiterräte aufzulösen und ihre Herrschaft wiederherzustellen und ermordete dabei tausende von linken AktivistInnen. Im Iran konnte ein Teil der Kapitalistenklasse nach 1979 das selbe Ziel erreichen, indem sie diesmal mit einem Teil des islamischen Establishments zusammenarbeiteten, um ihrer Konterrevolution einen religiösen Anstrich zu geben.

Der Islam ist an sich nicht reaktionärer als andere Religionen. Menschen wenden sich oft der Religion zu, weil sie ihnen eine Botschaft der Hoffnung gegen die Unterdrückung bietet. Aber weil die Botschaft in eine undurchsichtige, religiöse Sprache gehüllt ist, lässt sie sich leicht von denjenigen missbrauchen, die den Kampf gegen die Unterdrückung abschwächen und ablenken wollen.

Das ist heute sehr wichtig in Saudi-Arabien, wo der einzige offene Ausdruck des Widerstandes durch religiöse Kanäle kommt. Die Ablehnung des Systems kann sehr leicht in Bewunderung für Bin Laden wechseln, da er eine religiöse Sprache benutzt, um den Sturz der korrupten Monarchie, den Widerstand gegen die Stationierung von US-amerikanischen Truppen und die Unterstützung der Palästinenser zu predigen.

Ähnliche Ideen führten in Ägypten in den 80er Jahren und Anfang der 90er dazu, dass Gruppen, die sich dem bewaffneten Kampf widmeten, eine große Gefolgschaft unter Studenten gewannen. Sie wollten Veränderung durch einen Putsch an der Spitze der Gesellschaft, der darauf abzielt, die Gesellschaft von "korrupten" Einflüssen zu säubern, und nicht durch den Kampf der Massen von unten. Für den Staat war es einfach, bewaffnete Gruppen zu isolieren, ihre Führer hinzurichten und tausende Anhänger in Konzentrationslager in der Wüste zu sperren. Heute sind diese Organisationen zerstört, aber ihre Ideen haben immer noch einen beträchtlichen Einfluss.

Sie lassen sich nur durch diejenigen in Frage stellen, die eine klare revolutionäre Alternative ohne jegliche Unterstützung für den bestehenden Staat und seine Unterdrückung anbieten: das heißt, eine Linke, die die Lage als einen Kampf aller ausgebeuteten Klassen der Welt ob religiös oder nicht gegen den Kapitalismus und den Imperialismus begreift. Eine antikapitalistische Konferenz Anfang November in Beirut ist ein Zeichen für die Wiederentstehung dieser Linken im Nahen Osten. Solche Ideen können eine Massenbasis gewinnen, wenn eines der arabischen Regimes auseinanderzufallen beginnt. Industriearbeiter sind eine Minderheit unter der Bevölkerung der Region. Aber sie sind in strategisch wichtigen Punkten konzentriert. Sobald sie für die eigenen Interessen kämpfen, können sie für alle Unterdrückten zum Vorbild werden.

Der Aufbau der revolutionären antikapitalistischen Linken im Rest der Welt bringt diesen Prozess voran. Selbst wenn die Medien in Großbritannien, den USA oder Deutschland unsere Demonstrationen gegen den Krieg ignorieren, werden sie oft in Fernsehsendungen im gesamten Nahen Osten erscheinen. Je mehr Leute sehen, dass es eine internationale, antikapitalistische und antiimperialistische Bewegung gibt, desto mehr werden sie von ihrer Botschaft angesprochen werden. Der Horror des Krieges ist wieder einmal eine Brutstätte der Revolution, vor allem im Nahen Osten.

von Chris Harman

Linksruck Nr. 118, 14. November 2001

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