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Kommentar: Globalisierter Albtraum

Schröder ist extrem kurzsichtig, wenn er die Auswirkungen des zeitgleichen Abrutschens der beiden stärksten Wirtschaftsmächte auf Deutschland klein redet. In der amerikanischen Regierung hat jedenfalls eine ähnliche, klammheimliche Schadenfreude über die japanischen Probleme längst großer Besorgnis Platz gemacht. Die industrielle Produktion Japans sank im Januar um 3,9 %. Der Bankensektor wird durch Kredite erdrückt, die "faul" sind und abgeschrieben werden müssen. Diese Verluste entsprechen 5 – 10 % des Bruttosozialprodukts. Nun bezeichnet Außenminister Powell die japanische Finanzkrise als eine "Bedrohung für die Sicherheit" der USA.

Hierin drückt sich die enge Verzahnung der zwei Nationalökonomien aus. Der zehnjährige US-Boom und die Spekulationsblase an der Wall Street wurden durch eine massive Verschuldung von Firmen und privaten Haushalten angeheizt. Das geborgte Geld musste irgendwo herkommen. Es kam aus Japan. Die traditionell hohen Spareinlagen – rund 30 % der erzielten Einkommen – wurden vielfach in den USA in Aktien und Wertpapiere angelegt. Japan war dazu in der Lage, da es einen hohen Handelsbilanzüberschuss mit den USA aufwies. Mehr japanische Güter wurden in den USA verkauft als umgekehrt. Die so verdienten Dollars liehen japanische Firmen an die USA zurück, was es den amerikanischen Konsumenten erlaubte, noch mehr japanische Importe zu kaufen.

In dem Moment, da der amerikanische Absatzmarkt schrumpft, droht Japan an seinen unverkauften Waren zu ersticken. Umgekehrt droht die japanische Finanzkrise die Liquiditätsprobleme bedrängter US-Firmen zu verschärfen. Damit weitet sich das japanische "Sonderproblem" aber plötzlich zu einer Bedrohung für die Weltwirtschaft aus.

Unbeeindruckt von Schröders Zweckoptimismus trübt sich daher die Stimmung der deutschen Exportwirtschaft. Das Münchener Ifo-Institut ermittelte im März den schlechtesten Wert für das "Exportklima" seit zwei Jahren. Parallel dazu fielen die Auftragseingänge im verarbeitenden Gewerbe von Januar auf Februar überraschend um 0,2 Prozentpunkte.

Untrügliches Anzeichen der konjunkturellen Wende ist die sich bereits vollziehende Pleitenwelle im Bereich von Telekommunikation und Multimedia, den am meisten umjubelten Branchen der vergangenen zwei Jahre. Das Aufbrechen des staatlichen Fernsprechmonopols versprach genauso wie der Internetboom ein unvergleichliches Wachstum, an dem alle werden "teilhaben" können. Nach dem Rausch folgt nun der Kater. Der Verband der privaten Telefongesellschaften rechnet binnen Jahresfrist mit dem Bankrott von zwei Dritteln seiner Mitgliedsfirmen. Und der Zusammenbruch des "neuen Marktes" erweist sich als Schrittmacher für die rasante Talfahrt der gesamten Börsennotierungen.

Hieran zeigt sich, dass Internet und Mobiltelefone wie jede vorhergehende technologische Entwicklung im Kapitalismus demselben Rhythmus unterliegen. Die neuen Absatzmöglichkeiten und die Produktivitätssteigerungen erzeugen eine enorme Euphorie. Immer neues Kapital fließt in diese Bereiche, denn jedes Unternehmen will auf den fahrenden Zug aufspringen. Dies führt zu einer irrationalen Verselbständigung der Zukunftserwartungen, die eine enorme Spekulationsblase an den Börsen ermöglichen. Schließlich nehmen selbst bessergestellte Arbeiterhaushalte Kredite auf, um Aktien zu erwerben.

In dem Moment, da die "Fundamentaldaten" in eine eindeutig andere Richtung zeigen, platzt die Blase. Euphorie schlägt in Panik um. Der Kurssturz von Anfang April an der New Yorker Börse wurde durch Meldungen sinkender Gewinnerwartungen ausgelöst. So schrumpften die weltweiten Verkäufe von Halbleitern, dem Grundstoff für die Hochtechnologiebranche, in den drei Wintermonaten um 15,3 %.

US-Notenbankchef Greenspan, in den langen Jahren des Booms zum "Magier" erklärt, ist bereits am Ende seines Latein. Zur Belebung der Märkte wurden drei Zinssenkungsschritte in Folge verordnet. Kein Effekt! Mit der einbrechenden Krise erweisen sich die "bewährten" Rezepte der bürgerlichen Ökonomie als hilflos. Dies hindert die Unternehmer aber nicht, uns dreist noch mehr von ihren Giftpillen als Wundermittel zu verkaufen. DIHT-Präsident Braun fordert nun Nullrunden bei den Löhnen. IG-Metallchef Zwickel verwies demgegenüber zurecht darauf, dass die gesamte Lohnzurückhaltung der vergangenen Jahre praktisch keinen Beschäftigungseffekt nach sich zog und kündigte eine "harte Tarifrunde" an. Darin liegt die Herausforderung für Antikapitalisten: Die konjunkturelle Wende läutet eine neue Runde ideologischer wie praktischer Kämpfe ein.

von Frank Renken

Linksruck Nr. 107, 11. April 2001

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