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"Die schmutzigste und gefährlichste Methode der Energieversorgung"

- Interview mit Wolfgang Ehmke, BI Lüchow-Dannenberg -

Alternativen zur rot-grünen Atompolitik

Die Summe rot-grüner Atompolitik hat es in sich: Den Reaktoren wird erlaubt, solange Atomstrom und -müll zu produzieren, wie es für die Konzerne wirtschaftlich lohnend ist. Damit auch nicht ein einziger Atommeiler in Bedrängnis gerät, sollen überall in der Republik neue Atommülllager entstehen. Dass die neuen Atommülllager an den AKW-Standorten derart groß ausgelegt werden, dass sie den Atommüll aus über 40 Jahren weiterer Stromproduktion aufnehmen können, mag da kaum noch verwundern. Das wird selbst die CDU blass! Sicher ist nur eines: Mit der Atomwirtschaft werden wir auch in den nächsten Jahrzehnten noch jede Menge zu tun haben.

REGENBOGEN für eine neue Linke ist in Hamburg entstanden, als die Bündnis-Grünen den NATO-Bomben auf Jugoslawien ihren Segen gaben. Untermauert wurde der Abschied von den Grünen aber auch durch die Atom-, die Sozial- und die Flüchtlingspolitik. Und wie sieht eine Alternative zur grünen Regierungspolitik aus? In der Atompolitik: Statt, wie Trittin es machte, den Atomkonzernen zu versprechen, die ungelöste Atommüllentsorgung nicht als Mittel zur Stilllegung einzusetzen, hätte man genau dieses Druckmittel praktisch anwenden sollen. Daumen drauf halten: Atomtransporte in die Wiederaufarbeitungsanlagen nicht mehr zulassen, keine neuen Zwischenlager an den AKW-Standorten genehmigen und dann ein AKW nach dem anderen abschalten. Das wärs!

Dirk Seifert, Referent von REGENBOGEN für eine neue Linke

www.regenbogen-hamburg.de

Linksruck: Die Atomkonzerne behaupten, Atomkraft sei die sauberste Methode der Energiegewinnung. Welche Schäden an Mensch und Natur verursacht die Atomkraft?

Wolfgang Ehmke: Die Nutzung der Atomkraft für die Stromerzeugung ist die schmutzigste und gefährlichste Methode, um Maschinen, Computer oder den Teekocher mit Energie zu versorgen. Häufig richtet sich die Kritik auf das Reaktorrisiko oder die ungelöste Atommüllentsorgung. Aber die ökologische Katastrophe beginnt bereits mit dem Uranabbau. Uran gibt es nicht in "reiner" Form, sondern als Erz. Um 30 Tonnen Kernbrennstoff zu gewinnen, müssen bei einem Urangehalt von circa 0,1 Prozent bereits 30.000 Tonnen Erz gefördert werden. Der Abraum und die Abprodukte bei der Uranerzaufarbeitung haben es in sich: Blei, Arsen, Molybdän, Vanadium und Radon fallen an. Das Radongas, Schlämme und Stäube, die leicht verstrahlt sind, machen krank.

Betroffen sind in aller Welt überwiegend indigene Völker, die Aborigines in Australien, oder die Hopi-Indianer in Quebec. Das ganze Ausmaß der ökologischen Katastrophe und der Folgekrankheiten (Krebs, Schwächung des Immunsystems) wurde auf dem "World Uranium Hearing" in Salzburg 1992 dokumentiert. Bekannt sind sicher auch die Leukämiehäufungen in der Umgebung von Atomkraftwerken. Die Folgen von Tschernobyl will ich nur streifen, die sind hinlänglich bekannt.

Das jüngste Beispiel ist der Störfall in der Wiederaufarbeitungsanlage in Sellarfield vor einigen Tagen. Dort wurden die Warnsignale übersehen, als Explosionsgefahr bestand. Beinahe wäre einer der Tanks mit hochradioaktivem flüssigem Müll in die Luft geflogen.

Linksruck: Welche Gefahren gehen von der Lagerung des Atommülls aus?

Wolfgang Ehmke: Die Lagerung des Atommülls ist weltweit nicht gelöst. Es gibt zwar Lagerstätten für schwach- und mittelaktive Abfälle, aber wie sehen die aus? Morsleben, die Deponie, die die DDR als Beitrag zur Atomeinheit Deutschlands mitbrachte, wurde gerade stillgelegt, wegen akuter Einsturzgefahr. Jahrelang kritisierten Umweltverbände den Zustand der Deponie, wurden aber immer abgespeist: Keine Gefahr!

Das Kernproblem ist folgendes und jetzt beziehe ich mich auf die hochradioaktiven Abfälle, für die es weltweit noch keine Lagerstätte gibt : Die Abfallstoffe müssten für Zeiträume von einigen 100.000 Jahren sicher gegen die Biosphäre abgeschottet werden. Die Halbwertszeit von Plutonium beträgt 24.000 Jahre, Jod 129 hat eine Halbwertszeit von 12 Millionen Jahren. Man bedenke, wie die Welt vor 10.000 Jahren aussah! Es gibt auch eine Halbwertszeit des Vergessens. Die Frage ist, ob man sich überhaupt eine Fortführung Geschichte vorstellen kann, denn das Wissen um die Gefahr, die von dem Müll ausgeht, muss schließlich weitervermittelt werden.

Linksruck: Kann die in Deutschland benötigte Menge Strom auch ohne Atomkraftwerke produziert werden?

Wolfgang Ehmke: Natürlich gingen ohne Atomkraft nicht "die Lichter nicht aus", sondern die Aktienkurse gingen in den Keller. Es gibt entsprechende Überkapazitäten und der Anteil des Atomstroms auf dem Strommarkt liegt nur bei rund 30 Prozent. Die Diskussion, die ernsthaft geführt werden muss, ist nicht die, ob Lichter ausgehen, sondern ob bei einigen Menschen nicht mal ein Licht angeht, weil sie begreifen, auf welchem Pulverfass sie sitzen. Ernst nehme ich nur zwei Einwände: Einmal ist die Gefahr nicht von der Hand zu weisen, dass die Stromkonzerne "Billigstrom" in Frankreich und der Ukraine einkaufen, oder die Aufrüstung der "Ost-Reaktoren" wie in Temelin betreiben. Das wäre also bei einem Sofortausstieg in Deutschland kein Sieg, das Problem verschiebt sich nur. Und es ist zu fragen, wieviel Kohlendioxid verträgt die Atmosphäre, wenn nicht radikal auf regenerative Energien und die Kraftwärmekopplung gesetzt wird.

Linksruck: Angeblich würde der Atomausstieg massenhaften Arbeitsplatzabbau bedeuten. Was hieße ein Ausstieg für die Beschäftigten?

Wolfgang Ehmke: Die Vernichtung von Arbeitsplätzen betreiben die Konzerne doch schon jetzt! Die Rationalisierungswelle in den letzten Jahren hat nach Berechnungen der IG Metall bereits 40.000 Arbeitsplätze gekostet. Es würden natürlich bei der Schließung der Atomkraftwerke Arbeitsplätze verloren gehen, aber nur Schritt für Schritt, weil für den Nachbetrieb der Meiler und die Stilllegung das qualifizierte Personal gebraucht würde, insgesamt etwa 30.000 Arbeiter. Dagegen stünden neue Arbeitsplätze auf der Habensseite. "Grüner Strom" ist zehn Mal beschäftigungsintensiver.

Linksruck: Es heißt, der Kohlendioxidausstoß würde durch den Atomausstieg ansteigen und zur Klimazerstörung führen. Wie würde sich der Atomausstieg auf den Kohlendioxidausstoß auswirken?

Wolfgang Ehmke: Ja, dieses Ammenmärchen. Richtig ist nur, dass ein Atomkraftwerk kein Kohlendioxid ausstößt. Aber der Uranabbau, die Brennelementefertigung, die Transporte, die Wiederaufarbeitung, der Bau eines Endlagers, alles frisst Energie mit entsprechenden Emissionen: Diesel, Strom, oder Gas.

Laut einer Studie des Öko-Instituts werden die selbstgesteckten Ziele der Regierung, das Reduzieren des Kohlendioxidausstoßes um 25 Prozent, weit verfehlt, wenn die Atomkraftwerke weiterlaufen. Die gleiche Studie zeigt auch ein Szenario, in dem der Kohlendioxidausstoß durch gezielte Förderung erneuerbarer Energien und Energieeinsparung bis 2020 halbiert werden könnte, und das mit sofortigem Atomausstieg.

Linksruck: Trotz allem kämpfen die Atomkonzerne für den Weiterbetrieb der Kraftwerke. Welches Interesse haben sie daran?

Wolfgang Ehmke: Ich denke, schon aus meinen Beispielen wird deutlich, dass es den Konzernen nicht um den Ökologiegedanken geht, sondern um die Gewinne: Weniger Arbeiter gleich weniger Lohn. Außerdem werden Brennstäbe nicht besteuert und die Atomstromer haben Rückstellungen für den Rückbau und die Wiederaufarbeitung von rund 70 Milliarden Mark zurückgelegt, die sind steuerfrei und werden zur Binnenfinanzierung beim Einkauf in Stadtwerke, Müllwerke, oder den Telekommunikationsmarkt genutzt.

Linksruck: Ist der von Umweltminister Trittin mit der Industrie ausgehandelte Atomkonsens ein Ausstieg?

Wolfgang Ehmke: Gegenfrage: Wenn die Atomkraftnutzung fortgeschrieben wird, noch einmal so viel Atomstrom erzeugt werden darf, wie seit 1968 (2.600 Terrawattstunden), wenn also die Atomkraft jetzt erst auf ihrem Zenit angekommen ist, wie kann man dann von Ausstieg reden?

Lesehinweise: Zur Sache 2: "Entsorgungsfiasko", Zur Sache 7: "Atomenergie warum wir dagegen sind" Herausgeber: BI Umweltschutz Lüchow-Dannenberg, Drawehnerstr. 3, 29439 Lüchow, Tel.: 05841/4684, Fax 3197

Linksruck Nr. 104, 21. Februar 2001

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