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marxismus konkret: Zurück zur Natur?

So verteidigt etwa die Inderin Vandana Shiwa die "traditionellen" Methoden des Landanbaus in Indien gegenüber der modernen Landwirtschaft. In der vorindustriellen Zeit hätten "die Frauen auf den Feldern die biologische Vielfalt erhalten". Der natürliche Artenreichtum könne nur durch eine Hinwendung zu den traditionellen Methoden des Landanbaus gerettet werden.

Pest

Angesichts der Übel, die die Industrialisierung über ein Land wie Indien gebracht hat, ist Shiwas Idealisierung der Vergangenheit verständlich. Die Zerstörung der ländlichen Kommunen hat zur Herausbildung enormer Slums am Rande der großen Städte geführt. Es existieren Kinderarbeit und Hungerlöhne wie zu Zeiten des Manchesterkapitalismus im 19. Jahrhundert. Diese Art des "Fortschritts" fand ihren vorläufigen Höhepunkt mit dem Ausbruch der Pest in Bombay vor wenigen Jahren.

Shiwas Kritik an diesen Entwicklungen überzeugt. Ihre Antwort nicht. Elend existierte in Indien auch unter den harschen Bedingungen der vorindustriellen Klassengesellschaften. Sie waren geprägt von täglicher Mühsal, Unwissenheit, Krankheiten und Unterdrückung. Angesichts der gewachsenen Bevölkerung würde eine Rückkehr zu traditionellen Anbaumethoden das Elend keineswegs verringern. Im Gegenteil.

Die Modernisierung der Landwirtschaft hat in den 80er Jahren in Indien zu einem Wachstum der Getreideproduktion von jährlich 3,2 Prozent geführt. Wenn die Mehrheit der Inder aus diesem Wachstum kaum einen Nutzen zog, dann hängt dies nicht mit der Mechanisierung der Landwirtschaft zusammen, sondern ausschließlich mit der Unterwerfung aller Entscheidungen unter die kurzfristigen Profitinteressen weniger Großkonzerne. Agrarmultis wie Monsanto oder Novartis konkurrieren darin, die von ihnen patentierten genmanipulierten Getreide- und Rapssamen den Bauern in aller Welt unterzujubeln.

Die so in Monokulturen durchgesetzte genetische Einfalt hat unübersehbare langfristige Folgen. Die Pollen genmanipulierter Sorten können durch Bestäubung zur Unfruchtbarkeit anderer Arten führen. Auch sind Fälle bekannt, wo sich durch Übertragung von neuen Genen die Resistenz von Schädlingen erhöht hat.

Kein Wunder also, daß manche Antikapitalisten das Ende derartiger Eingriffe in die Natur fordern. Der Mensch dürfe die Natur nicht "beherrschen".

Doch seit je her verändert der Mensch seine natürliche Umwelt. Landwirtschaft als solche, auch unter den "traditionellen Methoden", stellt einen permanenten Eingriff in die Umwelt dar. Die fortwährende Veränderung der natürlichen Lebensverhältnisse entspricht gerade der "Natur" des Menschen.

Logik

Nicht diese Eingriffe sind das Problem, sondern die Logik, nach denen sie gesteuert werden. Genaugenommen sind die Eingriffe im Kapitalismus völlig ungesteuert, da dieser vom Diktat der blinden Konkurrenz geprägt wird. "Fortschritt", d.h. die Neuentwicklung verbesserter Produktionsabläufe, wird daher stets dem kurzfristigen Gesichtspunkt der Profitabilität untergeordnet. Häufig zum langfristigen Schaden von Mensch und Umwelt. Jede Firma handelt nach dem Prinzip: Nach mir die Sintflut!

Das Dilemma des Fortschritts liegt nicht darin, daß der Mensch die Natur "beherrschen" will. Sondern darin, daß die Menschheit selbst von der eigenen Menschenordnung dem Kapitalismus beherrscht wird. So entsteht ein erstaunlicher Widerspruch: Niemals zuvor wußten die Menschen so viel über das Wechselverhältnis von Mensch und Natur. Doch nie zuvor schien die Menschheit zugleich so machtlos, Fehlentwicklungen wie die Abholzung der letzten Tropenwälder, die Klimaerwärmung etc. zu stoppen. Diejenigen, die die Entscheidungen fällen die Kapitalisten und ihre Regierungen benehmen sich wie Wahnsinnige, die das gemeinsame Haus anzünden, um die eigene Wohnung zu heizen.

Der industrielle Fortschritt würde es in einer gesunden Gesellschaft erlauben, einen hohen Lebensstandard mit immer weniger Arbeitseinsatz zu erreichen. Neue technische Entwicklungen würden auf ihre langfristigen Wirkungen untersucht und entsprechend behutsam eingesetzt. Diese gesunde Gesellschaft ist eine Gesellschaft, die an den Bedürfnissen des Menschen orientiert ist. Wir nennen diese Gesellschaft Sozialismus.

von Frank Renken

Linksruck Nr. 96, 18. Oktober 2000

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