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Kommentar: Die Rückkehr der Krise

Was die früheren Optimisten ängstigt, ist nicht nur die Tiefe des Börsencrashs. Auch das alle großen Börsen der Welt gleichzeitig einbrechen, ist für die Wirtschaft ein großes Problem.

In drei Monaten ist der wichtigste deutsche Aktienindex DAX von 4.600 auf 2.600 Punkte abgestürzt. Das gleiche passierte in New York, London und Paris. Aus dem Einbruch der Aktien folgte wiederum eine Krise der Finanzwirtschaft. Sogar über einen Bankrott der Commerzbank, der drittgrößten deutschen Bank, wurde spekuliert.

Weil zudem Tausende bankrotte Unternehmen ihre Kredite nicht zurückzahlen können, haben Banken so wenig Geld, dass sie wiederum keine neuen Kredite vergeben können. Die Süddeutsche Zeitung warnt vor einer "Abwärtsspirale", die sich von der Finanzbranche auf den Rest der Wirtschaft auszubreiten drohe. Die Abwärtsspirale "findet zur Zeit statt. Sie erinnert weniger an New York 1929, als an Japan 1989."

Damals war in Japan eine große Spekulationsblase auf dem Aktien- und Immobilienmarkt geplatzt. Seitdem schwankt die japanische Wirtschaft zwischen wirtschaftlicher Stagnation und Schrumpfung.

Politiker machen meistens Zufälle für die Krise des Kapitalismus verantwortlich, seien es der 11. September oder kriminelle Manager bei Enron und WorldCom, die Bilanzen ihrer Konzerne fälschen.

In Wirklichkeit entstand die Krise der Finanzwirtschaft durch eine immer größere Spekulationsblase. Solange die Kurse stiegen, wollten alle dabei sein, und die Großbanken und Versicherungen legten immer mehr Geld in hochriskanten Derivaten- und Termingeschäften an.

Jetzt ist die Blase geplatzt und die Banken bleiben auf fast wertlosen Aktien sitzen und könnten den Rest der Wirtschaft mitreißen.

Die Blase konnte so groß werden, weil es nicht einzelne Manager waren, die sich und andere über die tatsächliche Gewinnentwicklung täuschten, sondern eine "ganze Klasse, die ihre Profite übertrieben und dann an ihre eigenen Übertreibungen auch noch glaubten", wie es der Marxist Chris Harman beschrieb.

Völlig übertriebene Gewinnerwartungen führten dazu, dass von 1997 bis 2000 Milliarden in Aktien der Telekommunikationswirtschaft flossen, wo künstlich Tausende Handy- Computer- und Internetfirmen entstanden, die keine Überlebenschance hatten.

Die Fantasiewelt der Finanzmärkte und die Welt der realen Wirtschaft hatten jede Verbindung miteinander verloren. Während die Aktienkurse stiegen, entwickelte sich eine riesige Überproduktion.

Als den Propheten der "Internet-Revolution" letztes Jahr dämmerte, dass niemand Hunderte von Euro bezahlen will, um mobil Filme verschicken zu können, fuhren die Konzerne ihre Investitionen schnell zurück.

Das brachte Probleme, denn es gibt nur vier Möglichkeiten für ein Unternehmen seine Waren zu verkaufen an andere Kapitalisten für Investitionen, an private Verbraucher, an den Staat für öffentliche Investitionen oder als Exporte ins Ausland.

Der Zurückgehen der Investitionen hat die Möglichkeiten des Absatzes bereits stark verschlechtert. Und eine Steigerung der Exporte ist gerade jetzt schwierig, weil der Rest der Welt sich ebenfalls in der Krise befindet. Dadurch werden private Nachfrage und die Staatsausgaben umso wichtiger.

Bis Juni diesen Jahres hatte der private Konsum in den USA noch für eine gewisse Entlastung gesorgt. Steuergeschenke von US-Präsident Bush an die Superreichen und Konsum auf Kredit hatten die private Nachfrage hochgehalten.

Inzwischen haben der Einbruch der Aktienmärkte und ein Anstieg der Arbeitslosigkeit auf 5,6 Prozent das Vertrauen der Verbraucher gedämpft. 70 Millionen US-Amerikaner haben einen Teil ihrer Ersparnisse in Aktien angelegt.

Die Staatsnachfrage fällt in der EU durch das Abkommen von Maastricht, das eine Neuverschuldung der EU-Staaten von mehr als drei Prozent des Sozialprodukts verbietet, als entlastender Faktor aus. In den USA hatte Bush nach dem 11. September die Rüstungsausgaben massiv erhöht.

Das hat einigen Industriezweigen geholfen, aber zugleich wächst der Widerstand der übrigen Wirtschaft gegen einen weiteren Anstieg der Staatsverschuldung. Eine weitere Erhöhung der Staatsausgaben ist deshalb schwierig. Dadurch entsteht eine wachsende Lücke zwischen Angebot und Nachfrage, zwischen den Produktionskapazitäten der Industrie einerseits und der Nachfrage von privaten Verbrauchern und Staat andererseits.

Die Weltwirtschaft wird zum "Kartenhaus", wie es der Internationale Währungsfonds formuliert. Es ist unmöglich vorherzusehen, wie sich die Krise entwickelt. Klar ist jedoch, dass Konzerne und Regierungen versuchen werden, die Folgen der Krise auf uns alle abzuwälzen.

von Volkhard Mosler

Linksruck Nr. 139, 8. Oktober 2002

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