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Wahlnachlese: Die Klassenwahl in Zahlen

Die detaillierten Analysen des Bundestagswahlergebnisses bestätigen die Einschätzung, daß es sich beim Anti-Kohl-Erdrutsch um einen deutlichen Linksschwenk auf der Grundlage einer scharfen sozialen Polarisierung gehandelt hat.

Noch am Wahlabend hatte Gerhard Schröder den überwältigenden Sieg der "neuen Mitte" zugeschoben. Aus seiner Umgebung wurde die Einschätzung lanciert, der geschickte Schachzug, Jost Stollmann zu nominieren, habe viele Stimmen eingebracht. Die Fakten widerlegen das. Der Spiegel schrieb in seinem Wahl-Spezial unter der Überschrift "Held der Arbeit": "Seinen überragenden Wahlsieg verdankt der "Genosse der Bosse" vor allem den Arbeitslosen und den Arbeitern." Die Zahlen zeigen sogar das genau Gegenteil der Behauptung, die "neue Mitte" habe die Wahl für die SPD entschieden: Unter Arbeitern gab es 49% der Stimmen für die SPD. Unter Angestellten noch satte 42%. Bei den Beamten waren es bereits unterdurchschnittliche 37%. Die Selbständigen waren sich ihrer Klasseninteressen dagegen bewußt: Mit 22 und 10% kam Rot-Grün nicht einmal auf ein Drittel der Stimmen, während Union und FDP mit 44 und 15% klar abräumten.

Revier

Was in den allgemeinen Zahlen bereits klar zu erkennen ist, wird durch die regionalen Ergebnisse faktisch bewiesen: Der SPD-Sieg kam durch die Millionenstimmen der Arbeitnehmerhaushalte zustande. 1994 waren bereits neun der zehn besten SPD-Wahlkreise in NRW. In zweien davon kam die SPD auf über 60%. Diesmal holte die SPD in acht Wahlkreisen Traumergebnisse dieser Art: In Oberhausen, Essen II, Gelsenkirchen I, , Gelsenkirchen II, Recklinghausen III, Recklinghausen IV, Bottrop und Dortmund II - Neue Mitte???

Detail

Eine Detailanalyse verschiedener Stimmbezirke weist eine noch drastischere Aufspaltung des Wahlergebnisses nach sozialer Lage der Wähler aus. Wir betrachten als Fallbeispiel den Hamburger Westen. Die Gegenüberstellung des reichsten Stadtteils der Gegend, Blankenese (hoher Anteil von Selbständigenhaushalten), des ärmsten Stadtteils, Altona-Altstadt (hoher Anteil an Arbeitslosen, Sozialhilfeempfängern und Rentnern) und der klassischen Arbeiterhochburg Bahrenfeld ergibt folgendes Bild:

Blankenese: SPD 27,1%, Grüne 11,0%, CDU 43,7%, FDP 14,6%, PDS 1,5%, DVU 0,6% Altona-Altstadt: SPD 46,7%, Grüne 19,4%, CDU 18,2%, FDP 4,0%, PDS 5,5%, DVU 3,1% Bahrenfeld: SPD 50,9%, Grüne 12,6%, CDU 23,2%, FDP 5,3%, PDS 2,7%, DVU 2,5%

Zählt man alle linken Parteien (SPD, Grüne, PDS) und alle rechten (CDU, FDP, DVU) zusammen, ergeben sich folgende Kräfteverhältnisse: In Altona-Altstadt ist die Linke mit 71,6% zu 25,3% vorne. Auch in Bahrenfeld erhalten die Linksparteien mehr als das doppelte der Rechten: 66,2% zu 31,0%. In Blankenese dagegen kehren sich die Verhätnisse um: Hier erhält der rechte Block 58,9%, die Linke 39,6%. (Reststimmen ungültig oder sonstige) Noch bei der letzten Senatswahl vor knapp einem Jahr mußte die SPD nach Henning Voscheraus Law&Order-Wahlkampf eine empfindliche Niederlage im "roten Hamburg" einstecken. Die sozialere Ausrichtung des Bundestagswahlkampfs brachte diese Stimmen zurück: Die SPD holte alle Hamburger Wahlkreise direkt.

Mobilisierung

War die "Politik der neuen Mitte" dann völlig vergebens? Nicht ganz: Die Hombach-Fraktion kann erstens für sich reklamieren, 321.000 ehemalige SPD-Wähler zur PDS getrieben zu haben. Zweitens schöpfte die SPD das Potential in ihren Hochburgen nicht völlig aus. Die Wahlbeteiligung lag in den Hochburger der Union durchgehend höher, als in denen der SPD. Der Hamburger Westen verdeutlicht auch diesen Trend: In Bahrenfeld gingen 80,5% der Stimmberechtigten zur Wahl, in Altona-Altstadt nur 75,4%. Im eleganten Blankenese gingen aber 90,6% an die Urnen.

Linksruck Nr. 62, 1. November 1998

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(1986 mal gelesen)

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