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Krieg in Kaschmir, Krieg in Tschetschenien ...und Bush spielt weiter mit dem Feuer

Woher kommt die Bombe?

Der Streit zwischen Indien und Pakistan lässt wieder Angst vor einem Atomkrieg wachsen. Westliche Staaten wie Großbritannien und Deutschland riefen zur Mäßigung. Ihre Besorgnis ist geheuchelt, denn bis jetzt haben westliche Konzerne und Regierungen gerne Geld mit den Atomprogrammen dieser Länder verdient.

Seit 1974 regelt ein deutsch-indisches Rahmenabkommen die Zusammenarbeit mit dem Kernforschungszentrum Karlsruhe und der Forschungsanlage in Jülich. In gleichen Jahr konnte Indien mit deutscher Hilfe den ersten Atomtest durchführen. Das Plutonium lieferte ein kanadischer Natururanreaktor, das dafür nötige schwere Wasser kam von der deutschen Firma Hempel. Es war, "für deutsche Forschungszwecke" deklariert, über Dubai und China angeliefert worden. Pläne und Know-How kamen von der Neue Technologie GmbH, ebenfalls aus Deutschland.

Raketentechnik

Die Hitzeschutzschilde und Navigationssysteme für die indischen AGNI-Mittelstreckenraketen wurden von der Deutschen Gesellschaft für Luft- und Raumfahrt geliefert.

Das Kernforschungszentrum Karlsruhe bildete auch für Pakistan Wissenschaftler aus. Der Vater der pakistanischen Atombombe, Abdul Quadeer Khan, arbeitete von 1972 bis 1975 in der Urananreicherungsanlage Almelo, einem deutsch-britisch-niederländischem Projekt. Die Vakuumpumpen für die pakistanische Einheit lieferte dann die deutsche Firma Leybold Heräus, die Uranhexafluoridanlage beschafften Ingenieure von CES-Kalthoff, die Tritiumanlage brachte die Neue Technologie GmbH. Siemens inspizierte 1986 den pakistanischen Natururanreaktor und schulte Fachleute.

Wer keinen Atomkrieg will, sollte keine Atomtechnik liefern.

Die Atommächte Indien und Pakistan stehen in Kashmir am Rande eines Kriegs. In Tschetschenien startete Russlands Ministerpräsident Putin eine neue Offensive, unter der hauptsächlich Zivilisten leiden. Der Krieg der USA gegen den Terrorismus droht, immer mehr Teile der Welt in Flammen zu setzen. Kein Ende ist abzusehen: Der Irak, Somalia, der Jemen und die Philippinen liegen nach wie vor im Fadenkreuz der USA.

In Indien und Pakistan leben mehr als 1 Milliarde Menschen. Die Hälfte von ihnen muss mit einem US-Dollar am Tag auskommen. Die Rivalität zwischen Indien und Pakistan besteht seit der Teilung des indischen Subkontinents 1947. Jetzt hat der lange Streit nach einem Anschlag auf das indische Parlament Mitte Dezember eine neue Stufe erreicht. Trotz aller US-Aufrufe zur Mäßigung liegt die Ursache dafür in Bushs Krieg gegen Afghanistan.

Mit der Taliban-Regierung verlor Pakistan seinen einzigen Verbündeten in dem Krisenherd. Teile der indischen Elite wollen diese Schwäche ausnutzen, um die Kontrolle über die umstrittene Region Kaschmir zu gewinnen. 1998 wurde Atal Bihari Vajpayee von der fundamantalistischen Hindu-Partei BJP zum zweiten Mal Premierminister. Die BJP erhebt Anspruch auf ganz Kashmir.

In Kaschmir leben mehrheitlich Muslime. Daher erhebt das muslimische Pakistan einen Anspruch auf das ganze Gebiet, das aber zu zwei Dritteln von Indien und nur zu einem Drittel von Pakistan kontrolliert wird. Auch China hält seit einem Grenzkrieg gegen Indien 1962 einen kleinen Teil im Norden Kashmirs besetzt.

Pakistan ist ein muslimischer Staat. Dort fand auch der Aufbau der Taliban statt, unterstützt durch die USA. Die muslimischen Rebellen, die für die Unabhängigkeit Kaschmirs von Indien kämpfen, werden von Pakistan als Freiheitskämpfer unterstützt.

Die indische Teilung: Ursache Kolonialherrschaft

Der Konflikt zwischen Indien und Pakistan wird oft als religiöser Kampf zwischen Islam und Hinduismus dargestellt. Seine Wurzeln liegen aber nicht in der Religion, sondern in der britischen Kolonialherrschaft über Indien.

Muslime und Hindus sind auf dem indischen Subkontinent nicht traditionell voneinander getrennt gewesen. Sie haben über Jahrhunderte zusammengelebt. Und seit dem ersten Aufstand 1857 gibt es eine lange Tradition von gemeinsamem Kämpfen von Arbeitern und Bauern gegen die britische Ausplünderung. Winston Churchill sagte, der Besitz Indiens mache den Unterschied aus, ob Großbritannien eine erstklassige oder eine drittklassige Weltmacht sei.

Die führende Rolle in der indischen Befreiungsbewegung spielte seit ihrer Gründung 1885 die von Hindus dominierte, aber nicht religiöse Kongress-Partei. Mit der Kongress-Partei versuchte die Hindu-Oberschicht, sich von der Vorherrschaft der Briten zu befreien und selber an den indischen Reichtümern zu verdienen. Durch ihre harte Haltung gewann sie schnell an Unterstützung und erzielte viele Erfolge.

Die muslimische Oberschicht sah sich durch die selbstbewusster werdende Kongress-Partei bedrängt. 1906 wurde die Muslim-Liga gegründet, die von den Kolonialherren hofiert wurde, was ihr den Hass vieler einfacher Leute einbrachte.

Zwei Nationen

1937 gewann die Kongress-Partei die Wahlen, die Großbritannien unter großem Druck zugestand. 1940 entwickelte dann die Muslim-Liga die Zwei-Nationen-Theorie, nach der Muslims und Hindus nicht in einem Staat zusammenleben können.

Die Kämpfe gegen die britische Herrschaft brachten immer wieder Menschen verschiedener Religionen zusammen. Die entgegengesetzten nationalistischen Ideen der beiden Führungsparteien verhinderten aber einen gemeinsamen Sieg über Großbritannien.

So konnte die britische Regierung auf der Grundlage der Zwei-Nationen-Theorie 1947 die Teilung vorschlagen, als sie Indien auf dem Höhepunkt einer Massenbewegung verloren geben musste. Eine Welle von Massakern und Vertreibungen zwang auf beiden Seiten 17 Millionen zur Flucht und kostete 1 Million das Leben. Das Erbe der britischen Spaltungspolitik verhinderte, dass eine starke, einige Befreiungsbewegung das Joch des Rassismus mit dem Joch des Kolonialismus abschütteln konnte.

Bush lieferte nach dem 11. September eine Vorlage dafür, wie ein Krieg gegen angebliche Terroristen zu führen ist. Vajpayees Reden hören sich genauso an wie die des US-Präsidenten: "Ein Nachbarland stiftet die Terroristen zu subversiven Taten in Indien an," sagte er nach dem Anschlag. "Wir nehmen die arrogante Herausforderung der Terroristen an und werden sie mit entschiedenen Mitteln vernichten, wo auch immer sie sich verstecken."

Obwohl Pakistans Regierung den Angriff als "terroristischen Akt kategorisch verurteilt", findet eine Mobilmachung zu beiden Seiten der Grenze statt. Die Lunte brennt, die USA haben sie gelegt.

Wenn die USA gegen den Terrorismus Krieg führen dürfen, welche Autorität kann dann ein US-amerikanischer Aufruf zur Mäßigung haben? Wenn die USA keine Beweise brauchen, um Afghanistan anzugreifen, warum sollte dann Indien welche vorlegen müssen? Die Interventionen der USA sind heuchlerisch, weil die USA selber Schuld daran trägt, dass dieses Pulverfass entstehen konnte.

Im Kalten Krieg war Indien nur auf dem Papier neutral. Es schloss Verträge über militärische und wirtschaftliche Zusammenarbeit mit dem Ostblock ab. Pakistan dagegen wurde zunächst von China unterstützt. Seitdem China und die USA sich Anfang der 70er-Jahre annäherten, gewannen die USA in Pakistan immer mehr Einfluss. Seit 1979 unterstützte der US-Geheimdienst CIA von dort aus die Mudschahedin-Rebellen gegen den sowjetischen Einmarsch in Afghanistan und später die Taliban.

Nach dem 11. September erzwang Bush vom pakistanischen Diktator Musharraf einen Kurswechsel: Pakistan sollte ihn beim Angriff auf Afghanistan unterstützen. Dafür war Druck nötig, denn für Musharraf war es eine riskante Entscheidung, sich auf die Seite der USA zu stellen.

Musharraf braucht die islamistischen Organisationen, denn seine Regierung stützt sich auf sie. Sein Risiko wurde von den USA hoch bezahlt: Pakistans Schulden wurden erlassen, Anfang Dezember kam ein neuer IWF-Kredit über 1,3 Milliarden Dollar. Auf der anderen Seite bröckelt Musharraf Unterstützung. "Der Alptraum eines jeden Offiziers ist, seinen Männern befehlen zu müssen, auf Mullahs das Feuer zu eröffnen, die Massen anführen. Werden sie gehorchen?" sagte ein Truppführer dem US-Magazin Time.

Die Unterstützung der USA für Pakistan verschob das Gleichgewicht zuungunsten Indiens. Das erforderte eine Reaktion. Wie die pakistanische Regierung ist auch die indische schwach und hängt von nationalistischen Kräften ab. Die Gefahr eines Kriegs um Kashmir ist durch die US-Einmischung gestiegen.

Linksruck Nr. 121, 9. Januar 2002

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