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„Wir sind keine Terroristen“

Wie erklärst Du Dir, dass laut Umfragen immer mehr Deutsche Angst vor dem Islam haben?
Die politisch Verantwortlichen und die Medien nennen Islam und Terrorismus immer in einem Atemzug. Inzwischen verbindet jeder „Terrorismus“ mit dem Islam oder „Fundamentalist“ mit Muslim. Das ist Rassismus. Drei Millionen Muslime in Deutschland – vor allem Türken und Araber – stehen unter Generalverdacht.
Die Polizei dringt immer wieder in Wohnungen und in die Privatsphäre muslimischer Familien ein. Dunkle Haut oder ein Kopftuch reichen, um den Datenschutz auszuhebeln und die Menschenwürde unschuldiger Menschen zu verletzen.
Dabei hat kein einziger Verdacht sich bestätigt. Bis heute ist nicht erwiesen, dass Muslime die Anschläge am 11. September oder in Madrid verübt haben. Würde darüber hinweg gesehen, wenn die Betroffenen keine Muslime wären?
Die Panikmache vor Muslimen soll ablenken vor viel tatsächlichen Problemen: leere Sozial- und Rentenkassen, schlechte Gesundheitsversorgung. Die Bevölkerung soll Angst haben vor drei Millionen Muslimen und dafür Lohnkürzungen und Sozialabbau hinnehmen.

Es gibt also keine politischen Netzwerke in Moscheen?
Das ist lächerlich. Die Muslimische Jugend in Köln hat im Januar eine Demo für Religionsfreiheit organisiert. Wir wollten die Moscheen gewinnen, damit sie uns mobilisieren helfen. Aber die Imame hatten Angst, dass die Polizei sogar wegen einer so kleinen politischen Äußerung ihre Moschee stürmen und Gläubige schikanieren würde. Einige meinten, sie stünden hinter uns, aber reifen trotzdem in der Freitagspredigt nicht zur Demo auf. Andere hatten solche Angst, dass sie gar nichts mit der Demo zu tun haben wollten.

Wie wirkt sich die Panikmache auf den Alltag von Muslimen in Deutschland aus?
Seit dem 11. September werde ich in der Bahn angemacht, in der Innenstadt ist schon mal jemand mit geballten Fäusten auf mich losgegangen – bloß weil ich wegen meines Kopftuchs als Muslimin erkennbar bin. Ich habe mich selten so ausländisch gefühlt wie in den letzten Monaten.
Die Suche nach einem Ausbildungs- oder Arbeitsplatz, vor allem für muslimische Frauen und Mädchen, die Kopftuch tragen, wird immer schlimmer – nicht nur für Lehrerinnen. Ein Kopftuchverbot stempelt ja jede Kopftuch tragende Muslimin zur Verfassungsfeindin ab. Sogar mein Chef hat Angst, dass
man ihm vorwirft, dass er gegen die Verfassung handelt, weil er mich eingestellt hat.

Das Kopftuch soll auch verboten werden, weil es muslimische Frauen unterdrücke
Das Kopftuch bedeutet für mich Emanzipation, weil ich nicht nach meinem Körper oder meinen Haaren beurteilt werden will. Das Tuch bedeckt meine Haare, aber nicht meinen Verstand.
Vor kurzem war eine Gruppe von Mädchen bei mir, die bisher bauchfreie T-Shirts getragen haben und jetzt nach ihren Wurzeln in der Religion suchen. Sie haben sich jetzt für das Kopftuch entschieden, um sich öffentlich zum Islam zu bekennen, weil Muslime von den Medien so verunglimpft werden.
Egal was Muslime heute sagen oder tun, wir sind verdächtig und werden bevormundet – oft habe ich es so satt, dass ich den Fernseher gar nicht anschalte. Dabei ist die deutsche Bevölkerung nicht intolerant – ganz im Gegenteil. Die meisten Deutschen wollen sich ehrlich über den Islam informieren. Aber nur wenigen ist es möglich, auch mal mit Muslimen zu sprechen. In Talkshows und Büchern bekommen sie so genannte Islam-Experten vorgesetzt, die so tun, als würden uns Muslime vertreten – dabei haben wir sie gar nicht gewählt. Sie wissen gar nicht, was wir denken, weil sie nie mit uns gesprochen haben.

Warum haben so wenig Deutsche Kontakt mit Muslimen?
Ausländer sind nicht integriert. Integriert ist jemand, der das Recht hat, deutsch zu lernen, mit Deutschen befreundet zu sein und eine menschenwürdige Arbeit zu haben. Wir wollen nicht von einer deutschen Leitkultur überrollt werden, sondern unsere eigene Kultur einbringen. Wir wollen als Partner ernst genommen werden.
Die Integrationspolitik ist gescheitet, weil sie nie stattgefunden hat. Die Regierung beschließt Ausländerpolitik hinter vier Wänden, nie fragt sie nach unseren Bedürfnissen. Sie muss die Ghettos abschaffen, den Sozialabbau beenden und Geld zur Verfügung stellen, damit Menschen sich überhaupt integrieren können. Weil sie immer weniger Deutschkurse finanziert, bietet selbst die kleinste Moschee kostenlos Kurse an. Dort unterrichten gläubige Studenten, die sich verpflichtet fühlen, anderen zu helfen, aber keine ausgebildeten Deutschlehrer sind.

Schily meinte, dass im Kampf gegen den Terrorismus auch militärische Mittel nötig seien
Wenn die Regierungen Terror verhindern wollen, müssten sie der Bevölkerung in Afghanistan und im Irak Recht geben, die die Besatzungstruppen nicht haben wollen. Der Krieg hat den Menschen dort keine Demokratie gebracht. Sie fühlen sie sich von den Besatzungstruppen nicht befreit, sondern bedroht und ausgebeutet. Das ist auch kein Wunder! Es sind moderne Kolonien.
In den meisten muslimischen Ländern herrschen von den USA und Deutschland finanzierte Diktaturen, die jeden Widerstand unterdrücken, foltern und die Menschenrechte verletzen. Verzweiflungstaten sind eine Folge davon. Solange zum Beispiel das israelische Militär mit Panzern Palästinenser angreift, werden sich die Palästinenser mit Steinen und Sprengstoff wehren. Statt diese Diktaturen zu unterstützen, müssten sie deren Staatsterrorismus und den Hunger und das Elend in diesen Ländern bekämpfen.

von Irmgard Wurdack (E-Mail)

Linksruck Nr. 176, 28. April 2004

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