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Comic "Palästina":

Leben unter Besatzung

Joe Sacco: Palästina
Zweitausendeins, 2004
285 Seiten, 17,90 Euro
Medien zeigen Palästinenser oft als Steine werfende Finsterlinge, als Terroristen und Selbstmordattentäter, die den Israelis den Frieden rauben. Der in den USA lebende Journalist Joe Sacco wollte es genauer wissen. Er verbrachte im Winter 1991/92 zwei Monate in Palästina.
Seine Erlebnisse und die der Menschen dort hat Sacco in einer Mischung aus Augenzeugenbericht und Reportage zu neun Comicheften verarbeitet. Jetzt liegt die Bildergeschichte erstmals in einen Band in deutscher Übersetzung vor.
Sacco lässt den Leser Menschen treffen, die seit über 50 Jahren überwiegend in Flüchtlingslagern leben, da ihr Land bis heute von Israel besetzt wird. In jedem Haus, jeder Familie findet sich eine Tragödie, die mit der Besatzung zusammenhängt, schreibt Sacco.
„Die Soldaten machen, was sie wollen, sie kommen ohne Mundschutz in den Operationssaal, sie befragen Besucher, sie haben schon Blutspender beschimpft und den Klinikdirektor verprügelt und Patienten direkt vom Operationstisch weggeholt” – so lässt der Autor eine Krankenschwester den Arbeitsalltag in einem Krankenhaus in Nablus beschreiben.
Während die Krankenschwester das erzählt, durchleidet sie nochmals die Vergangenheit. In ihren Augen stehen abwechselnd Verzweiflung, Wut und Schmerz.
Sacco zeigt auch, wie Palästinenser sich wehren. Eine Mutter erzählt in einer Szene „Während der Totenfeier stürmten die Soldaten unser Haus. Alle Frauen kamen aus ihren Häusern und beschimpften die Soldaten. Sie konnten meinen Sohn nicht abführen, weil so viele Leute da waren...“ Dieser Sohn weint am Ende ihrer Schilderung trotzdem. Er hatte während der Intifada zwei Brüder und seinen Vater verloren.
In Gaza besucht Sacco eine Tomatenplantage. Er vermittelt einen Eindruck von den Behinderungen der palästinensischen Landwirtschaft durch Israel.
Für den Transport zum Markt brauchen palästinensische Landwirte sechs verschiedene Genehmigungen, für den Lufttransport nach Europa bezahlt ein Bauer aus Gaza doppelt so viel wie sein israelischer Kollege.
Der Bauer hält dem Leser die großen Tomaten voller Stolz entgegen. Leider werden diese nur umgehend transportiert, wenn die Tomaten als israelisches Produkt gekennzeichnet sind.
Saccos Erzählstil entlässt den Leser nicht nur betroffen aus dem Buch – er lässt ihn auch lachen, zum Beispiel über fehlende Toilettenwände. Seine lebendigen Bilder tragen einen großen Teil dazu bei, dass sich die Geschichte der Palästinenser tief einprägt.
Sacco schreibt in seinem Vorwort, dass „trotz einiger Nobelpreise, die verliehen wurden, bis heute keines der entscheidenden Probleme – die Rückkehr oder Entschädigung palästinensischer Flüchtlinge, die illegal errichteten israelischen Siedlungen, die Jerusalem–Frage – gelöst wurde.“
Dieses Buch ist ausgezeichnet geeignet, um einen Eindruck vom Leben in Palästina zu bekommen.

von Madlen Mühlpfordt

Linksruck Nr. 178, 26. Mai 2004

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