Geschichte von unten - 50 Jahre BRD

über das Werk Bernt Engelmanns:

Was ist Großes Geld? (...)Als das (...) Wirtschaftsmagazin Forbes im Sommer 1990 die 400 reichsten deutschen Unternehmer vorstellte, da gab sich das Blatt mit gewöhnlichen Multimillionären gar nicht erst ab. Forbes begann seine Aufzählung erst im Multimega-Bereich, also bei den mehr als hundertfachen DM-Millionären (...)
400 Privatvermögen von zusammen 200 Milliarden DM ergeben einen durchschnittlichen Reichtum der von Forbes 1990 vorgestellten westdeutschen Spitzenklasse von je 500 Millionen DM. Stapelte man diese Summe (...) in Banknoten, wäre ein solcher Bargeldturm 500 Meter hoch - mehr als dreimal so hoch wie der Kölner Dom!
Indessen gab es (....) nicht wenige deutsche Multimilliardäre, die ihr Geld höher hätten stapeln können als die Zugspitze (2963 Meter), höher noch als das Gipfelkreuz des Mont Blanc (4810 Meter), ja die mit ihrem gebündelten Baren sogar den Mount Everest (8848 Meter) überragt hätten (...)1

Ein Häufchen von gerade 4 Millimetern würde dagegen das durchschnittliche Monatseinkommen eines mittleren Angestellten ergeben. Spezialist für solche anschaulichen Berechnungen war der 1994 verstorbene sozialistische Autor Bernt Engelmann. Schon in seinem ersten Buch Meine Freunde, die Millionäre, erschienen 1963, entlarvte er den Glauben, daß im Wirtschaftswunderland BRD der Wohlstand gerecht verteilt sei. Doch Engelmann schaute nicht nur in die sorgsam vor der Öffentlichkeit verborgen gehaltenen Portemonnaies der Reichen und Superreichen. Er wollte auch wissen, wie diese Leute zu dem Geldsegen gekommen waren und was sie mit ihm anfangen.

Das Geld liegt auf der Straße

Für das gemeine Volk hat die Geldelite eine Reihe hübscher Anekdötchen parat, die, mit vielen bunten Bildern versehen, in der Regenbogenpresse kolportiert werden. Dort sind diese Herren und Damen als nette Menschen dargestellt, die durch viel Fleiß und Geschick reich geworden sind.

Der Gründer des durch den Parteispendenskandal berüchtigt gewordenen Flick-Konzerns, Friedrich Flick, hatte das wohl einfachste Rezept, in den Besitz mehrerer Milliarden zu gelangen. „Nach dem Kriege, im Nürnberger Kriegsverbrecherprozeß, als man Friedrich Flick (...) Beschäftigung von Sklavenarbeitern, Mitgliedschaft im sogenannten Freundeskreis des Reichsführers SS Heinrich Himmler und Beteiligung an der Ausplünderung der besetzten Gebiete vorwarf, erklärte er indessen bescheiden: >Sollte von 1933 bis 1945 ein Vermögenszuwachs (bei mir) eingetreten sein, so wäre er selbst dann eingetreten, wenn ich während dieser Jahre spazierengegangen wäre<2. In einer Zeit steigender Armut, inmitten des Nazi-Terrors und des Krieges konnte der SS-Unterstützer Flick also nicht nur unbehelligt von Nazi-Schergen spazierengehen, sondern ihm geschah auch das Wunder, unvorstellbare Summen einfach auf der Straße zu finden. Sie konnten natürlich auch nicht von all denen gefunden werden, die vor den Nazis ins Ausland geflüchtet waren, die in den KZs abgeschlachtet wurden oder in den Schützengräben krepierten.

Flicks Geschichte des vermutlich längsten Spazierganges in der deutschen Geschichte war so glaubwürdig, daß er zu sieben Jahren Zuchthaus verurteilt wurde, von denen er allerdings nur fünf absaß.

Für jemanden, der aus Armut Diebstahl begeht und nur für kurze Zeit eingebuchtet wird, bedeutet das schon häufig, keinen Job mehr zu finden und gesellschaftlich geächtet zu sein. Ganz anders erging es dem am Massenmord reich gewordenen Flick. Aus dem Kriegsverbrechergefängnis entlassen, setzte er den Teil seines Reichtums, der Beschlagnahmungen, Demontagen und Kriegszerstörungen überstanden hatte, ein, um sein Imperium erneut aufzubauen. Er wurde nicht nur zum reichsten Mann Deutschlands, sondern verhalf sich und seiner Familie zu Ansehen. Der Name seines Sohnes und Nachfolgers Friedrich Karl, der mit Millionenbeträgen Helmut Kohl und die CDU einkaufte, findet sich z.B. im Lexikon der Gegenwart als eine der „500 bedeutendsten und bekanntesten Persönlichkeiten der Zeit3.

Alles kam ganz anders

Der Wiederaufstieg Flicks nach 1945 ist kein Einzelfall, sondern steht stellvertretend dafür, wie ehemalige Nazis und ihre Helfer aus dem Unternehmerlager und rechtskonservativen Kreisen schon nach kurzer Zeit wieder Morgenluft witterten und an die Schaltstellen der Macht in der gerade erst gegründeten BRD gelangten.

Im Mai 1945 lag Deutschland in Trümmern, Millionen Deutsche fristeten in den Ruinen ein kümmerliches Dasein, regiert vom Militär der Siegermächte und ohne Hoffnung auf bessere Zeiten, aber entschlossen zur endgültigen Abkehr vom Kapitalismus und vom Militarismus. Dann kam alles ganz anders (...)4

In ganz Deutschland bildete die Arbeiterklasse Antifaschistische Ausschüsse, die die zusammengebrochene Verwaltung wieder aufbauten, die dringendsten Instandsetzungsarbeiten organisierten, das allgemeine Elend linderten und gegen die Reste des Nazismus kämpften. Die Führung dieser Antifa waren fast ausnahmslos Kommunisten und Sozialdemokraten.

Es war zu dieser Zeit Konsens in den großen Parteien und mehr noch in der Bevölkerung, daß der Kapitalismus als Gesellschaftsform für Deutschland nicht mehr in Frage kam. Der Kapitalismus hatte durch seine Krisen Hunger und Elend für die Mehrheit der Bevölkerung gebracht, war in zwei Weltkriegen und unfaßbarer Zerstörung gemündet. Es war auch offensichtlich, daß ohne die Massenverelendung im Zuge der kapitalistischen Krise Ende der 20er Jahre und ohne die tatkräftige Unterstützung Hitlers durch die herrschende Klasse der Faschismus nicht möglich gewesen wäre. „Die meisten Unternehmer, fast alle Konzernherren und Großbankiers sowie eine Vielzahl führender Manager saßen seit dem Mai 1945 entweder unter dem Verdacht der Beteiligung an Kriegsverbrechen im Gefängnis oder in Internierungslagern. Kaum jemand, ausgenommen vielleicht sie selbst, dachte ernsthaft daran, daß diese zutiefst kompromittierten Kapitalisten jemals wieder zu Macht und Einfluß gelangen würden 5.

Diese Stimmung fand sogar Eingang in die CDU. In ihrem Ahlener Programm aus dem Jahre 1947 heißt es: „Das kapitalistische Wirtschaftssystem ist den staatlichen und sozialen Lebensinteressen des deutschen Volkes nicht gerecht geworden. Nach dem furchtbaren politischen, wirtschaftlichen und sozialen Zusammenbruch als Folge einer verbrecherischen Machtpolitik kann nur eine Neuordnung von Grund aus erfolgen. Inhalt und Ziel dieser sozialen und wirtschaftlichen Neuordnung kann nicht mehr das kapitalistische Gewinn- und Machtstreben, sondern nur das Wohlergehen unseres Volkes sein6. Doch schon bald stellten die Militärregierungen zusammen mit führenden Rechten aus CDU und CSU die Weichen in genau die entgegengesetzte Richtung. Ergebnis war die Restauration des Kapitalismus, der Aufbau des Militärs und die Rückkehr der alten Elite an die Macht.

SPD und KPD

Wie hatte das passieren können, gegen den Willen der Mehrheit der Bevölkerung und trotz der Tatsache, daß es zwei große linke Parteien, die SPD und die KPD gab?

Engelmann hierzu: „Aber die SPD verzichtete bewußt darauf, die Gunst der Stunde zu nutzen und (...) ihr sozialistisches Programm nun auch unverzüglich in die Praxis umzusetzen, wo immer dies möglich schien, notfalls auch gegen die Intentionen der Besatzungsmächte. Die Voraussetzungen dafür waren durchaus gegeben; die Potsdamer Beschlüsse sowie die diversen Absichtserklärungen der Alliierten ließen den regionalen Militärregierungen wenig Spielraum, einer zielbewußten und energischen Verwirklichung sozialistischer Forderungen entgegenzutreten. Ohne Preisgabe der von ihren führenden Politikern verkündeten Grundsätze hätten sie die Übernahme von Großbetrieben durch die Belegschaften oder die Besetzung aller Schlüsselpositionen der Wirtschaft durch Vertrauensleute antikapitalistischer Parteien und Gewerkschaften gar nicht verhindern können, zumal auch kein Widerstand von seiten der Unternehmer und Aktionäre, nicht einmal Protest aus dem Bürgertum zu verzeichnen gewesen wäre. Denn, so seltsam dies heute klingen mag, die Tatsache ist nicht zu leugnen, daß (...) das Deutschland der ersten Nachkriegsjahre überwiegend >rot< war“7.

Leider ist Bernt Engelmann unkritisch, wenn es um die Politik der KPD geht. Er schiebt die Schuld allzu einseitig der SPD zu, deren Mitglied er übrigens war. Wie der britische Marxist Tony Cliff schrieb, „konnte die Antifa überall nur wenige Wochen bestehen, weil sie nicht nur die Besatzungsmächte (einschließlich der russischen Armee) gegen sich hatte, sondern auch die Stalinisten innerhalb der Arbeiterbewegung. Sobald die Besatzungsmächte ein Gebiet vollständig unter ihrer Kontrolle hatten, wurden die antifaschistischen Ausschüsse verboten. Das galt für den von den Russen kontrollierten Ostsektor ebenso wie für den Westen. Die Antifaschistischen Ausschüsse wurden mit der stillschweigenden Duldung beider Arbeiterparteien [SPD und KPD, d. Verf.] aufgelöst. Nach der Vereinbarung von Jalta akzeptierte die stalinistische KPD, daß die westlichen Alliierten jedes Recht hatten, ihre Einflußsphäre zu kontrollieren und tolerierte auch keine unabhängige Bewegung im Osten“8 .

Im Sommer 1945 wurden die Antifaschistischen Ausschüsse der Arbeiterklasse von den Besatzungsmächten verboten. Die SPD im Westen hatten kein Interesse an einer Revolution und die KPD hatte sich auf Gedeih und Verderb der Politik Stalins ausgeliefert. Stalin hatte zu dieser Zeit schon die russische Revolution zerschlagen und eine Parteidiktatur errichtet. Den spanischen Revolutionären fiel er in den Rücken und ermöglichte dadurch die Machtergreifung des Faschisten Franco. Nach 1945 ging es Stalin, genau wie den anderen Regierungen der Siegermächte, um die Erweiterung seines Machtbereiches und eine Neuaufteilung der Welt. Nichts lag ihm ferner als eine sozialistische Revolution. Damit wurde der alten herrschenden Klasse in Deutschland die Möglichkeit geboten, sich erneut ihre Pfründe zu sichern.

Geld ist Macht

Engelmann schrieb Geschichte stets aus der Sicht der Beherrschten und Unterdrückten. Dem offiziellen Geschichtsbild von oben, das in der Schule, an den Universitäten usw. gelehrt wird, setzte er eine Geschichte von unten entgegen. Seine Bücher beginnen dort, wo die offizielle Geschichtsschreibung aufhört. Er hat aber nicht nur über Vergangenes und dessen Bedeutung für die Menschen in der Gegenwart geschrieben. Engelmann entlarvte ebenso schonungslos, mit welchen miesen Praktiken die Herrschenden ihre Macht und ihren Reichtum sichern und die Bevölkerung nach Strich und Faden belügen und betrügen.

Wie Unternehmer mit denen umgehen, die ihre Profite durch ihre Arbeit erst möglich machen, beschreiben Bernt Engelmann und Günther Wallraff in ihrem gemeinsamen Buch Ihr da oben - wir da unten. Ein Arbeiter des bekannten Waschmittelkonzerns Henkel berichtet: „Die machen hier einen auf Betriebsfamilie. Jeder soll hier das Gefühl von Sicherheit, Geborgenheit, ja so eine Art Sich-zu-Hause-fühlen eingetrichtert bekommen, damit er sein Möglichstes hergibt. Dieses Vorgaukeln von Gleichheit erweist sich (...) als Täuschung. (...) alle Leute, die da arbeiten, sind kaputt (...) Die Unfälle nehmen durch die Arbeitshetze zu (...) Das Werk hat in letzter Zeit eine Methode entwickelt, dem Unfallopfer - auch wenn es eindeutig am Unfall völlig unschuldig ist - moralisch die Schuld zuzuschieben: durch eine förmliche Ermahnung, wobei gleichzeitig oft noch die dem Werk durch den Unfall entstandene Ausfallquote vorgerechnet wird. Für die schmutzigsten und gesundheitsschädlichsten Arbeiten sind die Ausländer gut genug (...) Henkel meint, Arbeiter aus Diktaturen sind über ihre Rechte am wenigsten aufgeklärt (...) Viele sind in der untersten Lohngruppe 1 eingruppiert, obwohl ihnen 2 zustünde“. Ein anderer Henkel-Arbeiter beschwert sich: „ Wir werden nicht gefragt und aufgeklärt, man verfügt hier über uns wie über Maschineninventar“.

Die gesundheitsgefährdende Arbeit und der Zynismus der Henkel-Bosse, die in dem Buch geschildert werden, sind erschütternd: „Da gibt’s die Abteilung 524, Sulfonate. Da steht eine alte Welterturmanlage. Da werden Zwischenprodukte für Kosmetika, Ata, Persil usw. hergestellt. Da versuchen die andauernd, auf Teufel-komm-raus die Produktion noch zu steigern, indem sie einfach größere Düsen installieren. Wenn du da ins Erdgeschoß reinkommst, kommt dir der ‘Weiße Riese’ in Form eines Waschpulvernebels entgegen. Diese Wand aus beißendem und ätzendem Pulverstaub bringt dich zum Husten und Röcheln, und das Wasser schießt dir aus den Augen (...) Auch in anderen Abteilungen machen die ihre Profite auf Kosten unserer Gesundheit (...) Da ist eine Abteilung, wo Chlorwasserstoffgas mit Wasser berieselt wird, dabei entsteht dann Salzsäure (...) die Luft ist ständig angereichert mit Salzsäure, das atmen die [Kollegen, d. Verf.] ein, intensiv, acht Stunden am Tag“ 9.

Henkel ist nur einer von insgesamt 12 bekannten Konzernherren, die in Ihr da oben - wir da unten unter die Lupe genommen werden: Alle ohne Ausnahme entpuppten sich als Menschenfeinde, die nur ihr Profit interessiert. Daß seit dem Erscheinen dieses Buches 1973 viel Zeit vergangen ist, heißt nicht, daß sich die Zustände gebessert haben. Bedingt durch den steigenden internationalen Konkurrenzdruck steigen auch Arbeitshetze und die Unfallzahlen. Wenn doch der eine oder andere Mißstand abgestellt wurde, dann ist das alleine der Gegenwehr der Arbeitnehmer zu verdanken.

Daß die Herrschenden auf unsere Kosten leben, wissen sie genau. Manchmal gestehen sie das auch ein: „Zwischen einer Massage durch den marokkanischen Judomeister und den Vorbereitungen an der Hausbar auf das Dinner wird Arndt von Bohlen und Halbach [ein Vertreter des Krupp-Clans, d. Verf.] von einem Reporter gefragt, ob der Herr einmal zu arbeiten gedenkt. >Das hat mir gerade noch gefehlt<“, war dessen Antwort 10.

Doch die Bosse kontrollieren nicht nur ihre Belegschaften. Gerade ihre Macht über die Wirtschaft und den erwirtschafteten Reichtum garantiert ihnen eine Kontrolle über den gesamten Staat.

Korruption

Seine Bücher über Geschichte und die Macht des Kapitals widmete Engelmann auch jenen jungen Lesern, die das erste Mal zu einer Wahl gehen. Seine Bücher tragen bis heute dazu bei, daß Erstwähler und -wählerinnen darüber informiert werden, wem sie ihre Stimme geben bzw. ob Wahlen denn überhaupt etwas zum Besseren verändern können. Vor allem gegen die Unternehmerpartei CDU und gegen die rechtslastige CSU richtete er sein Feuer. Der derzeitige Korruptionssumpf, in den die Union bis zum Hals steckt, hat eine lange Tradition, die fast so alt ist wie die Bundesrepublik. Engelmann hat diese Tradition bis in die widerlichen Details bloßgelegt.

1991 übergab der Waffenhändler Schreiber dem CDU-Schatzmeister Kiep eine Million DM Bestechungsgeld. Als Gegenleistung ermöglichte die CDU einen Panzerdeal zwischen der saudi-arabischen Diktatur und der Firma Thyssen. Als diese Affäre ans Licht kam, wurden im Zuge der Ermittlungen immer neue Details über das Parteispendensystem des Helmut Kohl bekannt. In der Talkshow Christiansen wollte dann gerade der langjährige Kohlförderer Eberhard von Brauchitsch (Flick-Konzern) dem Publikum weismachen, Unternehmer würden, ohne Gegenleistungen zu verlangen, selbstlos für die Demokratie spenden. Wie selbstlos und demokratisch Unternehmer in Wirklichkeit sind, offenbarte sich während des Flick-Skandals, der 1982 ganz Deutschland erschütterte.

Den Chefetagen war in den 70er Jahren die SPD/FDP-Regierung ein Dorn im Auge, weil die Profite nicht so schnell stiegen, wie es die Bosse für möglich hielten. Außerdem war in dieser Zeit häufig die Rede von Mitbestimmung der Arbeitnehmer im Betrieb. Auch das wollten die Bosse um jeden Preis verhindern. Deshalb planten Großkonzerne in einer sogenannten konzertierten Aktion den Sturz der Regierung und den Machtantritt der Konservativen. Da deren Führer, Rainer Barzel, in den Augen der Konzernherren ein Versager war, einigten sie sich, einen ihnen gegenüber absolut loyalen Mann an die Spitze der CDU zu bringen. Dieser Mann sollte dann auch mit den Geldern der Großunternehmen Kanzler werden. Der Name dieses Mannes ist Helmut Kohl.

Von CDU-Seite wurden Heinrich Köppler und Helmut Kohl aktiv, auf Unternehmerseite Professor Kurt Biedenkopf vom Henkel-Konzern [Biedenkopf ist z.Zt. CDU-Ministerpräsident von Sachsen, d. Verf.] der unvermeidliche Flick-Vertrauensmann Dr. Hanns Martin Schleyer [auch Personalchef bei Daimler, d. Verf.] und natürlich auch v. Brauchitsch, sodann Guido Sandler vom Oetker-Konzern, endlich auch Konrad Henkel, der Chef des Henkel-Konzerns11. Sie schickten Barzel mit 1,7 Millionen DM Abfindung in Rente und finanzierten den Aufstieg Kohls in der CDU. Sie bestachen auch führende FDP-Politiker wie Genscher und Lamsdorf. Diese sorgten dafür, daß die Koalition mit der SPD aufgekündigt wurde. Das war eine wichtige Voraussetzung für die Machtübernahme der CDU 1982.

Wir verkaufen die Union

Schon in den 60er Jahren hatten Unternehmer und CDU eine Spendenwaschanlage aufgebaut, den Wirtschaftsrat der CDU e.V. Zum Vorstand bzw. erweiterten Vorstand dieser CDU-Spendenfabrik gehörten Vertreter von folgenden Konzernen: Kali-Chemie AG, Rheinbraun, Karstadt, Deutsche Bank, BASF, Siemens, Thyssen , Schießer, Wolf-Geräte, Bahlsen-Keksfabrik, DEGUSSA, Salzgitter AG, Bayer AG, der Axel-Springer-Konzern [BILD-Zeitung], Burda, BP, ESSO, STRABAG, Allianz-Versicherung, AEG-Telefunken, Daimler-Benz AG. Hinzu kommen noch einige nicht im Vorstand des Wirtschaftsrates vertretene Förderer der Unionsparteien: Preußag, Bosch, Reemtsma [z.B. West-Zigaretten], Quandt-Gruppe [Großaktionäre bei BMW], Mannesmann, Klöckner-Humboldt-Deutz, IBM-Deutschland, Rodenstock und viele andere mehr 12. Allein diese Namen reichen aus, ein Bild davon zu vermitteln, wieviel Macht und Reichtum auf der Seite der Unternehmerpartei CDU stand - und heute noch steht.

Wem die Union dient, geht auch aus CDU-internem Schulungsmaterial hervor, das Der Spiegel vor nicht langer Zeit veröffentlichte: „Unser ‘Produkt’ ist die Union. Wir ‘verkaufen’ die Union an die deutsche Unternehmerschaft. Unser Produkt hat eine Alleinstellung. Die Union ist aus der Sicht unserer Zielgruppe konkurrenzlos. Andere politische Gruppierungen stehen der Interessenlage der Unternehmer viel ferner. Unser Produkt ist immateriell. Die Leistungen der Union für die Unternehmerschaft in den vergangenen Jahren haben sich materiell in größtem Umfang ausgezahlt, führen aber für uns nicht unmittelbar zu Umsatz und Ertrag. Wir brauchen deshalb das Vehikel Verkaufsobjekte. Unsere Verkaufsobjekte sind Spenden für die CDU13.

Rot-Grün

Während die Profite für die Bosse unter der konservativen Regierung ebenso in die Höhe schossen wie sich ihr privater Luxus steigerte, mußten wir den Preis zahlen in Form von Massenarbeitslosigkeit, sinkenden Löhnen, Sozialabbau und sich verschlechternden Arbeits- und Lebensbedingungen. Am härtesten traf es dabei die ärmsten Teile der Bevölkerung sowie Frauen und Ausländer 14. Gerade sie wurden von den Herrschenden auserkoren, als Sündenböcke für die zunehmende soziale Krise zu dienen.

Sie wurden als Sozialschmarotzer und Wirtschaftsflüchtlinge beschimpft. Frauen wurden dazu gedrängt, an ihren angeblich angestammten Platz vor dem Herd zurückzukehren. Alle möglichen widerlichen Ideen wie Sexismus und Rassismus wurden forciert, um den zunehmenden Reichtum der Herrschenden vor der steigenden sozialen Wut der Bevölkerung zu schützen.

Die Unternehmer waren und sind dazu nicht nur in der Lage, wenn ihre konservativen Schützlinge die Regierung stellen. Auch unter der SPD/FDP-Regierung in den 70ern und heute unter Rot-Grün sind Massenentlassungen, Sozialabbau, Sexismus und Rassismus an der Tagesordnung. Einige der härtesten Maßnahmen wurden sogar unter SPD/FDP-Federführung durchgesetzt. So z.B. der Start einer üblen rassistischen Kampagne gegen Gastarbeiter ab 1973. Die SPD erließ in diesem Jahr einen Anwerbestopp für Ausländer aus Nicht-EG-Staaten, strich 1975 300.000 ausländischen Arbeitern das Kindergeld, schränkte 1975 und 1981 die Familienzusammenführung und Arbeitserlaubnis ein und verschärfte zwischen 1977 und 1982 mehrfach die Asylbestimmungen.

Mit dem Haushaltsstrukturgesetz von 1975 leitete die sozialdemokratisch geführte Regierung eine Phase des Sozialabbaus ein und ebnete so Helmut Kohl den Weg für seine neoliberale Wende. Es ist fast unnötig zu erwähnen, daß auch Frauen nichts zu lachen hatten. Weder wurde der §218 gestrichen, noch änderte sich etwas daran, daß Frauen für die gleiche Arbeit bis zu 30% weniger Lohn erhielten als Männer. Hausarbeit blieb weiterhin unbezahlt und es blieb auch bei den schlechteren Aufstiegschancen für Frauen. Mit dem NATO-Doppelbeschluß wurde 1979 unter SPD-Federführung außerdem die Stationierung neuer Atomraketen in Deutschland beschlossen - gegen den Widerstand der Bevölkerung.

An der Politik für die Bosse hat sich auch seit dem Regierungsantritt von Rot-Grün nichts geändert. Während Massenentlassungen durch Privatisierungen forciert werden und Sozialkürzungen die Armutszahlen steigen lassen, reduziert bzw. streicht die jetzige Regierung die Steuersätze für Reiche. Kanzler Schröder tourt mit Spitzenmanagern durch für ihre „vorbildliche“ Menschenrechtspolitik bekannte Länder wie China, um Geschäfte einzufädeln oder läßt, zur großen Freude der Rüstungslobby, Waffen an die Türkei oder die Diktatur der Vereinigten Arabischen Emirate liefern. Eines der deutlichsten Beispiele für den Charakter „linker“ parlamentarischer Politik ist aber wohl, daß der erste deutsche Angriffskrieg seit 1945 unter Rot-Grün geführt wurde: gegen Serbien.

In seinem Buch Einig gegen Recht und Freiheit beschreibt Engelmann die unselige Tradition solcher Politik in der Weimarer Republik. Die Ursache liegt in der Fesselung aller bürgerlichen Parteien an den Kapitalismus. Ihn wollen sie um jeden Preis verteidigen und weigern sich deshalb auch hartnäckig, die Bosse in ihre Schranken zu weisen, geschweige denn gegen sie zu kämpfen. CDU, CSU, FDP, aber auch SPD und Grüne stimmen voll und ganz mit dem ersten Reichskanzler der Weimarer Republik, Friedrich Ebert (SPD) überein, der 1918 über die sozialistische Revolution in Deutschland sagte: „Ich aber will sie nicht. Ich hasse sie wie die Sünde15.

Engelmann hatte keine Gelegenheit mehr, über das rot-grüne Kapitel der deutschen Geschichte zu schreiben. Er verstarb 1994 in München. Seine Bücher erscheinen im Göttinger Steidl-Verlag. Sie können uns dazu dienen, die Geschichte aus unserem Blickwinkel und nicht durch die Brille der Herrschenden zu sehen.

 

1 Bernt Engelmann: Schwarzbuch oder: wie man einen Staat ruiniert , S. 13ff., Göttingen 1994

2 Engelmann / Wallraff: Ihr da oben - wir da unten, S. 207, Köln 1973

3 Aktuell - Das Lexikon der Gegenwart, S. 877, Chronik Verlag, Dortmund 1984

4 Engelmann: Wie wir wurden, was wir sind, aus dem Klappentext, München 1982

5 ebenda, S. 77f.

6 ebenda, S. 319ff., Das Ahlener Programm ist im Anhang in voller Länge abgedruckt

7 ebenda S. 86

8 Tony Cliff: Trotskyism after Trotsky, S. 77, London 1999

9 Alle Zitate: Engelmann / Wallraff: Ihr da oben - wir da unten, S. 93ff., Köln 1973

10 Engelmann / Wallraff: Ihr da oben - wir da unten, S. 16, Köln 1973

11 Engelmann: Schwarzbuch oder: wie man einen Staat ruiniert, S. 24f., Göttingen 1994

12 Engelmann und andere: Das schwarze Kassenbuch - Die heimlichen Wahlhelfer der CDU/CSU, Köln 1973

13 Der Spiegel, Nr. 50 / 1999, S.30

14 siehe z.B. Engelmann: Du deutsch? Geschichte der Ausländer in Deutschland, Göttingen 1991

15 Engelmann: Wir Untertanen - Ein deutsches Geschichtsbuch, 2. Auflage, S.445, Göttingen 1994


von Frank Eßers (E-Mail)




Sozialismus von unten Nr. 4, Frühjahr 2000





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