Auf der Flucht vor Shell

Lager in Nordafrika, damit Flüchtlinge nicht nach Europa kommen: Innenminister Schilys Vorschlag nutzt keinem Flüchtling, sondern dem Ansehen von Ölkonzernen.

Die meisten afrikanischen Flüchtlinge in Deutschland kommen aus dem westafrikanischen Nigeria. Dieses Jahr haben rund 560 Nigerianer Asyl beantragt. Die Anerkennungsquote ist gleich null. Allen droht die Abschiebung. Angeblich sind die Nigerianer „nur“ geflohen, um am Wohlstand in Europa teilzuhaben.
In Wirklichkeit leben 70 Prozent der Nigerianer unterhalb der Armutsgrenze, weil westliche Ölkonzerne 95 Prozent des nigerianischen Öls besitzen. Nigeria ist neuntgrößter Erdölexporteur der Welt.
Die Ölmultis vergeben Aufträge nur an ausländische Firmen, die Nigerianer gar nicht oder nur zu Hungerlöhnen einstellen. Die nigerianischen Ölarbeiter verlangen eine Angleichung der Löhne und wehren sich mit Streiks gegen europäische und US-amerikanische Erdölgiganten. Mobil Nigeria etwa, die nigerianische Tochter des US-Konzerns ExxonMobil, zahlt einheimischen Arbeitern nur 3 Prozent des Lohnes eines US-Amerikaners.
Die Menschen im Niger-Delta, dem Ölfördergebiet in Nigeria, kämpfen seit Jahren gegen die Ölmultis, vor allem gegen Shell. Der große Profiteur am nigerianischen Öl zahlt keine Steuern und investiert weder in eine ökologisch notwendige Modernisierung der Förderanlagen noch in die Region. In vielen Dörfern gibt es weder fließend Wasser noch Strom.
Die Menschen fordern, dass mit den Profiten aus Öl Schulen, Ausbildungsstätten, Arbeitsplätze und Krankenhäuser bezahlt werden und dass sie für ihre durch die Ölförderung verseuchten Felder entschädigt werden. Auf den Widerstand reagieren die Ölmultis mit Gewalt und Unterdrückung.
Die Protestbewegung im Niger-Delta wirft den Konzernen vor, mitschuldig zu sein an der Ermordung von jährlich 1000 Menschen. Shell beschäftigt in Nigeria eine eigene Armee, die protestierende Bauern und streikende Arbeiter ermordet. Den Vorwurf bestätigt ein von Shell selbst in Auftrag gegebenes Gutachten, das die Schweizer Wochenzeitung WoZ veröffentlicht hat.
Jährlich müssen tausende Nigerianer fliehen. Wie die übrigen der weltweit 12 Millionen Flüchtlinge und Asylsuchenden leben sie zu 85 Prozent in den Nachbarländern.
Von 250.000 Menschen, die letztes Jahr riskiert haben, mit Booten das Mittelmeer zu überwinden um nach Europa zu gelangen, sind über 1000 ertrunken. Sie sind bei dem Versuch gestorben, die Infrarotkameras und Radargeräte vor der italienischen und spanischen Küste zu umfahren.

von Irmgard Wurdack (E-Mail)




Linksruck Nr. 182, 1. Januar 1970





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