Griechenland: Die tödlichen Spiele

Damit die Olympiade in Athen pünktlich beginnen konnte, wurden Arbeiter gezwungen, sich buchstäblich zu Tode zu schuften.

„Wir werden unser Bestes tun, damit die Olympischen Spiele die besten und sichersten in der Geschichte werden.“ Das erklärte der konservative griechische Ministerpräsident Karamanlis nach seinem Wahlsieg im März. Doch für die „sichersten“ Spiele der Geschichte mussten schon vorher viele Menschen sterben.
„Wir haben für die Olympischen Spiele mit Blut bezahlt“, sagt Andreas Zazopoulos, Vorsitzender der Bauarbeitergewerkschaft auf einer Kundgebung in Athen kurz vor der Eröffnung. 2000 Bauarbeiter haben sich vor dem Parlament versammelt. Sie erinnern an ihre Kollegen, die bei den Arbeiten an den Sportstätten gestorben sind.
„In zwei Tagen werden die Vorstände der multinationalen Konzerne im Olympiastadion sitzen und mit den Sportstätten protzen, aber in den Häusern der Toten herrscht Trauer. Die Verantwortlichen sind nicht zur Rechenschaft gezogen worden“, meint ein Demonstrant.
Mindestens 13 Arbeiter starben in den letzten zwei Jahren auf den Baustellen. Mehr als 200 wurden verletzt. Die Bauarbeitergewerkschaft und Amnesty International gehen von 40 Toten aus, denn die offiziellen Zahlen verschweigen, dass einige Bauarbeiter später an ihren Verletzungen gestorben sind.
Bei den Bauarbeiten für die Spiele in Sydney 2000 starb ein Arbeiter und wenige wurden verletzt. Die vielen Unfälle in Athen führt die Gewerkschaft auf die Arbeitsbedingungen zurück.
„Die Männer werden gezwungen, lange zu arbeiten, bis zu 14 Stunden am Tag, unter sehr hohen Temperaturen, und unter dem permanenten Druck, pünktlich fertig zu werden. Die Meisten haben keine Helme oder Sicherheitsschuhe. Wenn sie sich darüber beschweren, werden sie entlassen“, beschreibt Gewerkschafter George Theodorou.
Der Iraker Kamal Aziz bekam 20 Euro für einen 10-Stunden-Tag – auf griechischen Baustellen ist sonst das Doppelte oder Dreifache üblich. Viele Arbeiter waren kaum ausgebildet, berichtet Kamal. Sie wurden tageweise angeheuert, ihre Bosse gaben ihnen tagsüber kein Wasser und nur wenige Minuten Pause.
Ein Zementmischer riss einem Kollegen Kamals die linke Hand ab. Er lag 15 Tage im Krankenhaus und musste dann ohne Entschädigung in den Irak zurückkehren.
Beschweren konnte er sich nicht, weil er illegal arbeiten musste. Mehr als die Hälfte der rund 30.000 Menschen, die an den Sportstätten gearbeitet haben, stammt aus armen Ländern Osteuropas oder Asiens. Die griechische Regierung verweigerte ihnen Arbeitsvisa und zwang sie damit zur Schwarzarbeit.
Kamal selbst kam vor drei Jahren zu Fuß aus Suleimanija in Nordirak, weil er dort nicht mehr genug verdiente, um seine Frau und vier Kinder zu ernähren. Er und 14 Bekannte wanderten die 2250 Kilometer nach Athen in 42 Tagen.
Jetzt lebt Kamal mit neun anderen Irakern in einem leer stehenden Haus mit zwei Zimmern. Er fürchtet, nach den Olympischen Spielen nicht mal mehr illegale Arbeit zu finden.

von Jan Maas (E-Mail)




Linksruck Nr. 182, 1. Januar 1970





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