USA: „Sperrt Bush nach Guantanamo“

Eine halbe Million US-Amerikaner gehen gegen den Kriegspräsidenten auf die Straße. Ein Augenzeugenbericht von Nick Grant.

Frank aus Philadelphia trägt ein Schild mit der Aufschrift „Noch ein Veteran gegen diesen Krieg“. Er ruft: „Bring unsere Kinder zurück! Jetzt!“ Seine Frau Betty demonstriert ebenfalls und trägt ein Schild, auf dem „Sperrt Bush ins Camp X-Ray!“ (Straflager auf Kuba) steht.
„Ich bin Mitglied bei den ‚Veteranen für den Frieden’“, erklärt Frank. „Tausende von uns sind heute hier. Auch viele von den ‚Irakkriegs Veteranen gegen diesen Krieg’ sind hier auf die Straße gegangen, genauso wie Familien von Soldaten.“
Gemeinsam mit Familien von Opfern des 11. September protestieren all diese Menschen am 30. August in New York gegen die Republikaner, die im Madison Square Garden ihren Parteitag abhalten.
Es ist die größte Demonstration, die es je gegen einen Parteitag in den USA gegeben hat. Die Organisatoren hatten 250.000 Demonstranten erwartet. Diese Zahl wurde bei weitem übertroffen. Schon am Vortag hatten 25.000 Frauen gegen Bushs für das Recht auf Abtreibung protestiert.
Die Wut auf den Krieg gegen den Irak vereint die Leute auf der Straße. „Wenn Bush wieder gewählt wird“, sagt Frank, „wird es wieder eine Wehrpflicht geben wie 1968, als ich nach Vietnam musste. Und es wird wieder dasselbe passieren: Die Kinder von den Reichen werden nicht in den Krieg ziehen. Sie werden stattdessen nach Europa gehen.“
Doch es geht nicht nur um den Krieg. Jason Coughlan (27) aus Brooklyn ist das erste Mal auf einer Demo. „Ich bin nicht nur wegen Bushs Kriegslügen hier“, sagt er, „Bush versucht auch, mir meine Rechte als Homosexueller zu nehmen. Ich kann einfach nicht mehr zu Hause sitzen und zusehen.“
Julianna (28) aus Pennsylvania, demonstriert seit ihrem Umzug nach New York schon das sechste Mal: „Ich bin auf so vieles wütend. Zum Beispiel darauf, dass Bush die Umweltgesetze zurückgenommen hat und dass es keine Jobs gibt.“
Die Demonstranten versammeln sich um zehn Uhr morgens unter blauem Himmel. Auf der Bühne mit der Aufschrift „Nicht in unserem Namen“ spielt der kritische Country-Star Steve Earle. Eine bewegende Rede des radikalen schwarzen Journalisten Mumia Abu Jamal wird per Tonband abgespielt. Er sitzt zu Unrecht im Todestrakt eines US-Gefängnisses.
Gegen Mittag bricht der Protestszug auf. Michael Moore, der Schauspieler Danny Glover und der Bürgerrechtler Jesse Jackson führen die Demonstration an. Es geht nur langsam voran, weil so viele Leute von allen Seiten dazukommen.
Als wir an Hotels vorbeikommen, die mit den Farben der Republikaner dekoriert sind, rufen alle: „Nur noch vier Monate!“ Noch lauter wird es, als die Demo am Madison Square Garden vorbeizieht. Die Demo fordert die Polizisten dort lautstark zum Streik auf. Der republikanische Oberbürgermeister von New York Bloomberg will den Polizisten die Löhne kürzen.
Einige Republikaner, die grinsend herumstehen, werden mit Parolen wie „Ihr seid hier nicht willkommen“ oder einfach nur „Geht nach Hause“ bedacht.
Die Demonstration ist zwar unglaublich lebendig und wütend, aber lose organisiert. Ein paar hundert Protestierende beenden die Demo im Central Park, der als Ort für die Abschlusskundgebung verboten worden war.
Für die meisten Menschen auf der Demo heißt der Protest gegen Bush gleichzeitig, für die Demokraten zu sein. Als ich Frank frage, ob er Vertrauen in Kerry hat, antwortet er: „Überhaupt nicht. Aber wir können uns erst um Kerry kümmern, wenn wir mit Bush fertig sind.“ Richard, Pfarrer einer Kirche in Pittsburgh, meinte: „Die Briten wollen Bush doch genauso loswerden wie wir, oder?“
Für viele US-Amerikaner heißt das, das sie am 2. November für Kerry stimmen werden. Die Demonstranten, die auch gegen den Parteitag der Demokraten protestiert haben, sind in der Minderheit. Sie wollten zeigen, dass es keinen Unterschied zwischen den beiden Parteien gibt. Damit liegen sie richtig.
In den vier Stunden, die ich auf der Demo unterwegs war, habe ich nur ein einziges Nader-Plakat (parteiloser linker Präsidentschaftskandidat, d. Red.) gesehen. Die Gewerkschaften haben sich kaum beteiligt, und auch Schwarze, Asiaten und Latinos waren verhältnismäßig schwach vertreten.
Die Proteste werden die ganze Woche fortgesetzt. Bush wird nur für seine Rede am Donnerstag eingeflogen. Danach zieht er in den weniger kritischen Süden der USA weiter. Die USA sind das reichste Land der Welt. Zugleich gibt es riesige Klassenunterschiede. Die Demonstration hat gezeigt, dass die US-Amerikaner gegen diese Gesellschaft kämpfen wollen.


Linksruck Nr. 183, 1. Januar 1970





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