Fernsehen: Deutschland sucht den Superstar:

RTL sucht den Super-Sklaven

Wie der größte deutsche Sender auf Kosten zehn junger Menschen Millionen macht.

Der Regisseur macht nur seinen Job: Er bringt große Gefühle ins Bild und hat auf diese Weise "Deutschland sucht den Superstar" zur erfolgreichsten Fernsehsendung des Landes gemacht. Besonders gut ziehen Nervenzusammenbrüche, wenn sie live gezeigt werden können.
Als am 1. Februar um halb ein Uhr nachts die Moderatoren Hunziker und Sprengemann mit Grabesstimme mitteilten, dass Gracia Baur aus der Sendung gewählt wurde, ertönte ein Schrei aus dem Off: "Neiiin, nicht Gracia!" Die Kameras zeigten sofort ihren heulenden 17-jährigen Mitbewerber Daniel Küblböck, der mit Gracia lange das Zimmer geteilt hatte. Daniel wand sich, er schluchzte, er fiel im Weinkrampf von der Bank. Vergeblich versuchten die anderen, ihn zu beruhigen.
Auch Hunziker verlor offensichtlich die Fassung und fauchte empört: "Das mache ich nicht mehr mit", und: "Das ist peinlich." Schließlich blieb sie dann doch und kündigte den kurzen Film über Gracias "Superstar"-Karriere an. Dann waren wieder die übrig gebliebenen, traurig-glücklichen Superstars im Bild, allerdings ohne Daniel, den eine RTL-Angestellte rasch aus dem Studio geschleift hatte.
Am nächsten Tag in der Wiederholung waren die Bilder des völlig überforderten und verzweifelten Teenagers ebenso herausgeschnitten wie Hunzikers spontane Ehrlichkeit. Offenbar hat auch den RTL-Bossen gedämmert, dass viele Leute die Sendung nicht mögen würden, wenn zu sehen ist, wie die Kandidaten kaputtgemacht werden. Und Daniel ist nicht das erste Opfer.
Auch Juliette Schoppmann bekam vor Millionen Zuschauern einen Heulkrampf, als ihr Freund Daniel Lopes ausscheiden musste. Judith Lefeber hat unter Tränen ihren "freiwilligen" Ausstieg erklärt, weil sie den Leistungsdruck nicht mehr aushalten konnte. Zwei Wochen vorher war ihre Freundin Stephanie heulend zusammengebrochen, weil sie rausgewählt worden war.
All das müssen die Kandidaten ertragen für die geringe Chance, als Sieger einen Plattenvertrag zu bekommen. Denn für die Shows bekommen sie nur 1.500 Euro, also 150 Euro pro Auftritt für die Teilnehmer, die es bis zur zehnten Sendung schaffen. Den Kandidaten wird vorgeschrieben, wo und mit wem sie welche Musik aufnehmen und wer ihr Management führt. Sie können ohne Angabe von Gründen jederzeit vom Wettbewerb ausgeschlossen werden. Wer einen Werbetermin unentschuldigt verpasst, muss 5.000 Euro zahlen. Ein Gespräch mit einem konkurrierenden Sender kostet 20.000 Euro Strafe.
Doch auch wer die ganze Quälerei ertragen und am Schluss alle Konkurrenten hinter sich gelassen hat, wird nicht der wirkliche Sieger von "Deutschland sucht den Superstar" sein. Gewonnen hat am Ende vor allem die Musikfirma BMG. Sie besitzt das Vorrecht auf Plattenverträge mit allen Kandidaten und hat damit ein paar Nummer-Eins-Hits sicher. Rund 100 Millionen Euro wird RTL allein dieses Jahr an der Show verdienen.
Ob sich der Wettbewerb irgendwann auch für einige Kandidaten lohnen wird, hängt davon ab, ob die Sender mit ihnen dann immer noch Profit machen können. Ein anderes Interesse haben die Medienkonzerne an ihnen nicht. Juliette drückte das so aus: "Ich bin nicht mehr der Mensch Juliette, sondern die Quote Juliette."


Linksruck Nr. 147, 1. Januar 1970





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