Irak: „Der Aufstand ist der einzige Weg“

Mitte September fand in Beirut eine internationale Antikriegs-Konferenz statt. Reporter unserer englischen Schwesterzeitung Socialist Worker sprachen mit den irakischen Delegierten.

In manchen irakischen Städten protestieren die Menschen gegen den schleppenden Wiederaufbau. In anderen kämpfen sie gegen Erniedrigungen, Verhaftungen und Morde der US-Armee. Die Iraker nennen ihren Kampf „al-Muqawama al-Shaabi“, den Widerstand des Volkes.
„Es hat immer noch keinen wirklichen Wiederaufbau gegeben. Schulen sind immer noch nicht wiederaufgebaut worden. In den meisten regnet es rein, so dass der Fußboden aus Schlamm besteht.“
Dr. Fatima Saloum, Herausgeberin der Zeitung al-Mutahid, sagt, dass die Menschen in Bagdad ihre Angelegenheiten in die eigene Hand nahmen: „Es waren einfache Leute, die anfingen, die Schulen wieder aufzubauen, die Straßen zu reinigen, den Krankenhausbetrieb aufzunehmen – vieles wurde von US-Bomben stark beschädigt. Wir merkten sehr schnell, dass wir das Leben in den Städten selbst organisieren mussten.“
Der Widerstand begann letztes Jahr in Falludscha und Samarra, als US-Soldaten auf unbewaffnete Demonstranten schossen. Sheikh Khalil Ibrahim aus Falludscha sagt, dass der bewaffnete Widerstand durch US-Soldaten ausgelöst wurde, die in die Stadtviertel einfielen.
„Zuerst kommen die Luftangriffe, danach eröffnen die Truppen das Artilleriefeuer und zum Schluss schicken sie dann die Panzer rein. Der einzige Weg sie zu stoppen, ist, sich gegen sie zu erheben. Die Menschen in Falludscha haben sich in einem Aufstand erhoben. Die Amerikaner können große Teile der Stadt nicht mehr betreten.“
Sheikh Sa’ad al-Ani erzählt über die Belagerung Falludschas im April: „Leute kamen aus Bagdad, Nadschaf und Basra, um den Widerstandskämpfern von Falludscha zu helfen, um uns Lebensmittelvorräte zu bringen. Sie kamen aus jeder Provinz im ganzen Land, um ihre Solidarität mit uns zu zeigen.“
Er meint, der Sieg in Falludscha zeige, dass es möglich ist, die US-Amerikaner zu besiegen. „Die US-Armee hat zugestimmt, die Stadt von der Falludscha-Brigade kontrollieren zu lassen. Die geistlichen Gelehrten vereinbarten mit der von den USA eingesetzten Übergansregierung, dass sie die Mitglieder der Brigade aus den Einwohnern Falludschas auswählen durften. Jetzt ist die Falludscha-Brigade zum Widerstand übergetreten.“
Sheikh Khalil Ibrahim weist die Behauptung zurück, dass der Irak im Bürgerkrieg versinken würde, wenn die US-Truppen abziehen: „Ich bin ein sunnitischer Muslim. Aber mein Stamm besteht aus Schiiten und Sunniten. Glaubst du, dass wir anfangen, uns gegenseitig zu ermorden, wenn die Amerikaner das Land verlassen? Die Lüge von einem Bürgerkrieg hat nur einen Zweck – die Besatzung zu verlängern.“
Ibrahim erzählt, dass sich die Turkmenen aus dem Nordirak ebenfalls dem Widerstand angeschlossen haben. Selbst die Kurden, die unter dem früheren Diktator Hussein brutal unterdrückt wurden, sind mit der Besatzung unzufrieden und weigern sich, als Bodentruppen der US-Armee zu dienen.
Er weist außerdem die Behauptung zurück, dass der Widerstand in Falludscha von al-Qaida geführt wird. Samira al-Gayani, Anwältin aus Bagdad und Vorsitzende der säkularen Fortschrittlichen Bewegung Irakischer Frauen, sagt: „Der Widerstand wird von der ganzen Bevölkerung unterstützt.“
Dr. Fatima Saloum meint, es gebe auch Mitleid mit den Soldaten der Besatzungsmächte:
„Wir sehen die britischen und US-Soldaten. Die meisten von ihnen sind sehr jung – fast Kinder. Am Anfang verteilten sie noch Süßigkeiten und Cola and die Kinder. Aber jetzt haben sie sogar vor den Kindern Angst. Wir fühlen Mitleid mit den Eltern, die ihre Söhne verloren haben, aber die Verantwortung haben Bush und Blair, die diese jungen Männer erst zu unseren Feinden machten.“
Die Delegierten aus dem Irak lehnen die für Januar geplanten Wahlen ab. Nidal al-Jaz´iri sagt: „Die Menschen in Basra lehnen Wahlen ab. Sie sind dominiert von politischen Kräften, die wir nicht kennen – von Leuten, die allesamt von außerhalb des Irak gekommen sind.“
Samira sagt: „Es wird keine demokratischen Wahlen geben, weil die Nationalversammlung in Bagdad nur eine schlechte Show war. Vorher war bereits alles entschieden. Nach solch einer Veranstaltung kann man sich vorstellen, wie die Wahlen werden.“
Sheikh Khalil Ibrahim sagt, dass Wahlen den Widerstand nicht beenden werden. „Jede Wahl, die unter der Besatzung stattfindet, wird keine echte, freie Wahl sein, und wird von den Irakern nicht akzeptiert werden.“


Linksruck Nr. 185, 1. Januar 1970





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