„Meine Sonntage mit ‚Sabine Christiansen’“:

Den Kapitalismus zurückschneiden

Linksruck sprach mit dem Journalisten Walter van Rossum über sein neues Buch „Meine Sonntage mit Sabine Christiansen“.

Walter van Rossum: „Meine Sonntage mit ‚Sabine Christiansen’“, Kiepenheuer & Witsch, 2004, 8,90 Euro.
Herr van Rossum, Sie haben ein Buch über die Talkshow „Sabine Christiansen“ geschrieben. Warum?
Walter van Rossum: Ich habe vor dem Fernseher gelitten, wie viele andere auch. Aber ich habe nicht gewusst, was genau da nicht stimmt. Das wollte ich verstehen. 70 bis 80 Prozent der Bevölkerung lehnen Hartz IV ab, aber die meisten Medien tun so, als seien diese Konzepte alternativlos. Dafür ist „Sabine Christiansen“ das beste Beispiel.

Sie schreiben über „Sabine Christiansen“, dass es in Deutschland wohl keine zweite Sendung gibt, „die auf ähnliche Weise die Wünsche der Chefetage ans Volk durchreicht“. Warum braucht die Wirtschaft solche Sendungen?
W. v. R.: Wir sollen an Zwänge gewöhnt werden, die es so nicht gibt. Zum Beispiel ist immer davon die Rede, dass der Standort Deutschland in Gefahr ist, obwohl Deutschland eines der wirtschaftlich stärksten Länder ist.
Interessant ist auch, was verschwiegen wird: Niemand redet von den Wirtschaftssubventionen. Ich nenne das Als-ob-Szenarien: Man tut so, als ob etwas ein Problem wäre und verschweigt die eigentlichen Probleme.
Meine zentrale These ist, dass Wirtschaft, Politik und Medien überall verflochten sind. Es sind wenige 100 Leute, die bestimmte Konzepte gegen die Bevölkerung durchsetzen wollen.

In Ihrem Buch heißt es, die entscheidende Frage sei: „Können ‚wir’ uns diese Wirtschaft noch leisten?“ Sehen Sie eine Alternative?
W. v. R: Ein erster Schritt wäre, unabhängige Ökonomen aufzutreiben, die erklären, warum diese ganzen Scheinargumente um Wirtschaftswachstum und Lohnnebenkosten Schwachsinn sind. Die Politik lässt sich zurzeit ihre Zehn-Jahres-Pläne von Mitgliedern der Vorstandsetagen zuliefern. Vielleicht ist der Kapitalismus aber auch in einem Zustand, dass die Unternehmer gar nicht anders können, als auf Gewinnmaximierung zu drängen. Und dann muss man diesen Kapitalismus politisch zurückschneiden.

Nun gibt es ja in Deutschland Widerstand gegen die Politik der Regierung. Was halten Sie von den Montagsdemos gegen Hartz IV?
W. v. R.: Ich finde sie geradezu beglückend. Das Geschimpfe auf die Ostdeutschen ist mir zuwider. Die haben es immerhin geschafft, ein marodes System zu stürzen. Und dann hat man ihnen diese absurde westdeutsche Legolandschaft vorgesetzt, ohne sie nach ihrer Meinung zu fragen. Und die funktioniert auch nicht im Geringsten. Ich hoffe jedenfalls, dass die Montagsdemos weitergehen und stärker werden. In unseren Breiten glaubt ja kein Mensch mehr an Demonstrationen.


Linksruck Nr. 185, 1. Januar 1970





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