Weltsozialforum in Porto Alegre:

Gegen eine Welt voller Krieg und Armut

Das Weltsozialforum Ende Januar in Porto Alegre war ein wichtiger Schritt für die Bewegung gegen die kapitalistische Globalisierung und den Kampf gegen den Krieg. Chris Harman und Chris Nineham berichten nach ihrer Rückkehr aus Brasilien.

Der politische Hintergrund des Weltsozialforums (WSF) war zum einen die Bedrohung eines grausamen US-Krieges gegen den Irak. Zum anderen war es der Linksschwenk in Lateinamerika, sichtbar geworden durch die Siege linker Kandidaten in den Präsidentschaftswahlen in Brasilien und Ekuador und durch das Scheitern des Putsches gegen den venezolanischen Präsidenten Hugo Chávez. Krieg und Linksschwenk waren große Themen, sowohl auf der Demonstration von 140.000 Menschen, die das Forum eröffnete, wie auch in vielen Diskussionen der folgenden vier Tage.
40.000 Menschen begrüßten den neuen brasilianischen Präsidenten Lula, als er den Kongress besuchte, und auch Chávez erhielt großen Applaus. Die Aktivisten haben gesehen, dass Lula die Wahl gewonnen hat, weil viele Menschen hoffen, dass er gerechtere Politik macht.
Die Leute haben auch gemerkt, dass in Venezuela die Reichen versucht haben, Chávez mit Aussperrungen, die als Streiks getarnt waren, von der Macht zu vertreiben, weil er einige wenige Reformen für Arbeiter, kleine Bauern und Arme angekündigt hatte.
Neben dem Applaus für Lula wurden jedoch auch einige kritische Fragen über seine Politik gestellt. Lula ist enorm beliebt, weil er seit dem Sturz der chilenischen Allende-Regierung 1973 als erster Kandidat einer Arbeiterpartei wieder eine bedeutende Wahl in Lateinamerika gewonnen hat.
Aber viele Anhänger Lulas sind unzufrieden mit seiner Politik. So hat er eine Abmachung mit dem Internationalen Währungsfonds bestätigt, die sein neoliberaler Vorgänger Cardoso getroffen hatte. Lula hat auch einen ehemaligen Manager einer US-Bank zum Wirtschaftsminister ernannt. Außerdem hat der Präsident zugesagt, mit den USA eine panamerikanische Freihandelszone zu planen.
Viele Menschen glauben, eine solche Zone würde die wirtschaftliche Herrschaft der USA über Lateinamerika vergrößern. Das Misstrauen der Menschen wird dadurch bestärkt, dass Lula vom WSF zum Weltwirtschaftsforum der Industriellen, Bankiers und Regierungen in Davos gefahren ist. Das WSF ist der Gegengipfel zum Weltwirtschaftsforum.
Lula versuchte, die Menschen zu beruhigen, indem er erklärte, er wolle sich für Maßnahmen einsetzen, welche die Armut bekämpfen. Aber einige fragten sich dennoch, wie man einerseits mit den Reichen und ihren Konzernen zusammenarbeiten, und andererseits Politik für die Armen machen kann, die unter ihrer Macht leiden.
Einige Leute sagten sogar, Chávez sei besser als Lula, und übersahen dabei die vielen Kompromisse, die dieser mit jenen Leuten eingegangen ist, die bei nächster Gelegenheit wieder versuchen werden, ihn zu stürzen.
Das Wichtigste am WSF war aber der neue Enthusiasmus und die Zuversicht, dass die Lateinamerikaner sich nach 20 Jahren demoralisierender Niederlagen wieder wehren können. Der Höhepunkt des Forums, als 18.000 Menschen im Gigantinho-Stadion zusammenkamen, war die Diskussion zwischen den bekannten Aktivisten Arundhati Roy und Noam Chomsky über Widerstand gegen das "Empire".
Chomsky erklärte, wie jene, die sich als Herren der Welt sehen, das Leben der Menschen zerstören. "Wir haben über das Leben nach dem Kapitalismus gesprochen", sagte er, "aber wir sollten lieber sagen: über das Leben, denn es wird kein Leben mehr geben, wenn wir nicht den Kapitalismus angehen."
Chomsky entblößte auch die Scheinheiligkeit von US-Präsident Bush und dem britischen Premierminister Blair und rief die Menschen auf, sich gegen den Krieg gegen den Irak zu wehren.
Roy bekam begeisterten Applaus, als sie zeigte, wie die Herrschenden der Welt für ihre Profite das Leben, die Kultur und die Umwelt der Menschen zerstören. Sie erklärte: "Der Widerstand gegen das ‚Empire’ – oder nennen wir es besser bei seinem richtigen Namen Imperialismus – wächst weltweit.”
Das gesamte Publikum erhob sich, als sie mit den Worten schloss: "Wir sind viele. Sie sind wenige. Und sie brauchen uns viel mehr als wir sie." Alle hatten das Gefühl, dass die vielen Themen, die sie in den vergangenen Tagen diskutiert hatten, in diesen Worten zusammengefasst wurden. Wir haben das Stadion voller Zuversicht, die Grauen, welches Bush über die Welt bringen will, zu bekämpfen.

von Chris Harman, Chris Nineham




Linksruck Nr. 147, 1. Januar 1970





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