Die Herrschenden können nicht mehr...

Ende der 80er Jahre passierte, was niemand erwartet hatte: Die Ostdeutschen wollten die Diktatur der SED nicht mehr hinnehmen.

Hintergrund: Isolation durchbrochen

Die Bürgerrechtsgruppen erreichten bis 1989 nur wenige Menschen. Sie waren vor allem in der intellektuellen Mittelschicht vertreten, die im Umfeld der Kirche bewegte: Anwälte, Pfarrer oder Schriftsteller. Sie forderten vor allem Freiheits- und Bürgerrechte. Soziale Probleme spielten eine untergeordnete Rolle. As Hauptproblem dieser Gruppen war ihre gesellschaftliche Isolation. Noch Anfang 1989 engagierten sich erst 3000 Menschen im Widerstand. So war er keine große Gefahr für die Herrschaft der SED. Der ehemalige Ost-Berliner Bezirkschef Schabowski hielt sie zwar für ärgerlich, aber in der Bevölkerung nicht bestimmend. Noch konnte die Stasi die Widerstandsgruppen leicht kontrollieren.
Erst im Herbst 1989 durchbrachen die Regimegegner ihre Isolation. 200000 Menschen unterschrieben den Gründungsaufruf des„Neuen Forums“. Die Stasi stellte fest, dass der „Einfluss dieser Gruppe unter Teilen der Arbeiterklasse“ beachtlich anwachse. Ihre Spitzel konnten die Organisatoren nicht mehr ruhig halten. Betriebe und Wohnviertel waren zu Räumen für offene Debatten und zum Ausgangspunkt für den Widerstand geworden.
Noch in den 70er Jahren und Anfang der 80er Jahre hatten die meisten Ostdeutschen resigniert und sich mit dem System abgefunden. Durch hohe Subventionen auf Lebensmittel und Wohnungen lebten die Menschen besser als in anderen Ostblockstaaten.

Als 1982/83 eine weltweite Wirtschaftskrise ausbrach, brachte diese die schon angeschlagene DDR-Wirtschaft in noch größere Schwierigkeiten. Die Staatsverschuldung stieg und die Konkurrenz zum Westen verschärfte sich. Um dieser Konkurrenz standzuhalten musste die SED Subventionen kürzen oder ganz streichen.

Trotzdem existierte die Wirtschaft der DDR Ende der 80er Jahre nur noch durch Kredite. Allein die Inlandsverschuldung betrug im November 1989 130 Milliarden Ost-Mark. Der Versuch, mit dem Westen zu konkurrieren, war schon vor der Krise 1982 ein Spiel auf Zeit gewesen, in der Hoffnung auf ein Ende der Krise. Doch sie verschärfte sich im gesamten Ostblock immer weiter. Dies provozierte zunehmend den Unmut der Bevölkerung, auch wenn die wenigsten glaubten, etwas verändern zu können.

Während die sowjetische Regierung einem Aufstand gegen die Armut mit Zugeständnissen an die Bevölkerung verhindern konnte, weigerte sich die SED, den Ostdeutschen mehr Freiheiten zu gewähren. Die Herrschenden versuchten, ihre Macht mit mehr Unterdrückung zu erhalten. In den 80er Jahren wurde die Stasi ausgebaut: Im Gegensatz zu 50000 bis 60.000 offiziellen Mitarbeitern(OMs) in den 70er Jahren, beschäftigte die Stasi 1989 fast 80.000 OMs. Auch die Zahl der Inoffiziellen Mitarbeiter, Zivilisten, die als Spitzel arbeiten mussten, wurde erhöht.

Als die Veränderungen in der Sowjetunion Hoffnung auf eine Öffnung zum Westen und mehr Wohlstand boten, brachen vor allem junge Ostdeutsche mit der SED. 1984 fühlten sich noch die Hälfte der Lehrlinge und jungen Arbeiter mit der DDR „eng verbunden“. 1988 sagte das nur noch ein Fünftel.
Im Januar 1988 kamen auf eine staatlich angeordnete Gedenkdemonstration für Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht 120 Menschen mit Transparenten mit dem Rosa-Luxemburg-Zitat: „Die Freiheit ist immer die Freiheit des Andersdenkenden.“ Christen demonstrierten im Anschluss an Montagsgebete in der Leipziger Nicolai-Kiche durch die Stadt. Als im November 1988 die sowjetische Zeitschrift Sputnik in der DDR verboten wurde, weil die Artikel Reformen forderten, organisierten die Ostdeutschen in vielen Städten Demonstrationen und Protestaktionen.

1988 beantragten mehr Menschen die Ausreise in den Westen als je zuvor. Kaum jemand glaubte noch der Argumentation des Politbüros, wonach Reformen in der Sowjetunion richtig seien, aber nicht in der DDR. Die Bürokratie stand nicht nur einer Wirtschaftskrise gegenüber, sondern auch dem Unwillen der Menschen, ihre Unterdrückung weiter hinzunehmen. Die Bevölkerung glaubte den staatlichen Medien nicht mehr.

Die Partei, die den Marxismus-Leninismus missbraucht hatte, um ihre unmenschliche Diktatur zu rechtfertigen, befand sich in einer Situation, die Lenin als Voraussetzung für eine Revolution beschrieben hatte: „Die Herrschenden können nicht mehr weitermachen wie bisher, die Unterdrückten wollen nicht mehr weitermachen wie bisher!“

von Julia Meier








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