Karstadt: Die Menschen verlieren

Die Angestellten von KarstadtQuelle müssen für den Konkurrenzkampf der Konzerne bezahlen – und für die Kürzungspolitik der Regierung Schröder.

Info: KarstadtQuelle

KarstadtQuelle ist der größte Warenhaus- und Versandhandelskonzern Europas. Er ging 1999 aus dem Zusammenschluss des Karstadt-Konzerns mit dem Traditions-Versandhaus Quelle hervor und beschäftigt in seinen vier Unternehmensbereichen - Versandhandel, stationärer Einzelhandel, Dienstleistungen und Immobilien - mehr als 100.000 Mitarbeiter. Mehr als die Hälfte seines Umsatzes - im vergangenen Jahr rund 15,3 Milliarden Euro - macht KarstadtQuelle im Versandhandel, wo der Konzern mit seinen Marken Quelle und Neckermann nach eigenen Angaben einen Marktanteil von rund 30 Prozent hat. Neben rund 180 Warenhäusern der Ketten Karstadt, Hertie, KaDeWe, Wertheim und Alsterhaus betreibt der Handelsriese etwa 300 Fachgeschäfte der Marken SinnLeffers, Wehmeyer, RunnersPoint, Golf House, WOM, Schaulandt und Lebuffet.
Bei KarstadtQuelle bangen tausende um ihre Arbeit. Die Konzernleitung droht mit Schließung oder Verkauf von 77 der 181 Filialen. So sollen die 1,3 Milliarden Euro Verlust ausgeglichen werden, die der Konzern vorrausichtlich dieses Jahr macht.
Wirtschaftskommentatoren nennen die Karstadt-Krise „hausgemacht“. Schröder wirft den Karstadt-Chefs „Management-Versagen in seiner krassesten Form“ vor.
Tatsächlich hat sich die Konzernleitung auf Kosten der Beschäftigten bereichert. Ende Mai wurde Karstadt-Chef Urban nach einer katastrophalen Halbjahresbilanz mit einer Abfindung von 10 Millionen Euro in den vorzeitigen Ruhestand geschickt. Gleichzeitig kündigte die neue Unternehmensleitung die Entlassung von 1000 Angestellten an.
Versagt hat aber auch die Regierung Schröder. Die drohende Karstadt-Pleite ist Teil der Krise des gesamten Einzelhandels. Die Ursachen sind hauptsächlich Lohnkürzungen in allen Branchen und der Sozialabbau der Regierung.
Wer nichts hat, kann nichts kaufen – und in Deutschland haben die Menschen immer weniger. Die Gehälter der Arbeiter und Angestellten wurden von 1991 bis 2002 um 1,5 Prozent gesenkt.
Fast 5 Millionen Menschen sind arbeitslos. Ihre Kaufkraft wird durch die Höhe der staatlichen Unterstützung bestimmt. Allein die mit Hartz IV geplante Zusammenlegung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe wird den Konsum um weitere 3 Milliarden verringern – 400 Millionen allein in Berlin.
Kürzungen von Weihnachtsgeld, Rentenkürzungen und Zuzahlungen im Krankheitsfall und weitere Belastungen, führen ebenfalls dazu, dass die Menschen weniger kaufen können. Deshalb steigt die private Nachfrage seit fünf Jahren nicht mehr.
Letztes Jahr hat der Einzelhandel 0,8 Prozent weniger umgesetzt als 2002. Es war das vierte Jahr in Folge mit sinkenden Umsätzen.
Der Markt schrumpft. Gleichzeitig steigt die Konkurrenz. Während der Kuchen im Einzelhandel immer kleiner wird, kämpfen die Konzerne immer brutaler um die Brösel. Dadurch wurden zahlreiche Firmen aufgekauft.
Während 1970 die Fachgeschäfte, meist Familienunternehmen, 65 Prozent des Umsatzes im Einzelhandel erreichten, sank dieser Anteil bis 2000 auf 29 Prozent. Umgekehrt steigerten Selbstbedienungsmärkte wie Aldi und Penny ihren Umsatz von 7 auf 21 Prozent. Bei Konzernen mit Ketten von Fachgeschäften, wie der Optiker Fielmann, stieg er von 13 auf 22 Prozent.
Viele Klein- und Familienunternehmen stehen vor der Pleite. Die Banken erwarten dieses Jahr 50.000 Konkurse im Einzelhandel.
Währenddessen weiten Konzerne ihre Filialnetze weiter aus. Von 1990 bis 2003 wuchs die Verkaufsfläche in Deutschland um 38 Prozent.
Jedes Jahr kommen 2 Millionen Quadratmeter dazu. Dabei werden kaum Geschäfte eröffnet, sondern fast nur neue Filialen von großen Ketten gebaut.
Mehr Verkaufsfläche bei gleich bleibender Kaufkraft bedeutet schärfere Konkurrenz. In den letzten Jahren ist der Verdrängungswettbewerb der Konzerne gegen kleine Geschäfte umgeschlagen in einen Vernichtungswettbewerb der Konzerne untereinander. KarstadtQuelle ist bisher der bekannteste Konzern, der dabei unter die Räder kommt.
Dieser Wettbewerb wird zum einen über eine Rabattschlacht mit Parolen wie „Geiz ist geil“ von Saturn ausgetragen. Da die Konkurrenz bei jeder Preissenkung mitziehen muss, sind die Gewinne der Branche insgesamt gesunken, ohne dass es einem Unternehmen entscheidend genutzt hätte.
Deshalb versuchen die Konzerne umso heftiger, ihre Profite mit größerer Ausbeutung der Beschäftigten zu erhöhen. Die Beschäftigten im Einzelhandel gehören seit langem zu den am schlechtesten bezahlten Arbeitern in Deutschland. Das Einstiegsgehalt für eine Vollzeitstelle liegt zwischen 1050 und 1400 Euro brutto.
Der Lohn für Auszubildende beträgt knapp 500 Euro im ersten Lehrjahr. Im dritten Jahr bekommt ein Azubi 600 Euro. Diese unterdurchschnittlichen Löhne bedeuten ein Leben am Rande der Armut. Außerdem leiden die Angestellten unter schwankenden Arbeitszeiten zwischen 8 und 20 Uhr von Montag bis Samstag.
Alleinerziehende können mit ihrem Gehalt keine Betreuung für ihre Kinder bezahlen, müssen aber bis in den Abend hinein arbeiten. Die Bundesländer planen gemeinsam, die Öffnungszeiten außer sonntags vollständig freizugeben.
In den letzten Jahren sind im Einzelhandel viele Vollzeit- in Teilzeitarbeitsplätze und Niedriglohnjobs umgewandelt worden. Weniger als die Hälfte aller Arbeitsplätze sind Vollzeit. Über 20 Prozent der Teilzeitstellen sind Niedriglohnjobs, die meisten davon in den großen Konzernen.
Wie auch in anderen Branchen wurden im Einzelhandel durch Stellenabbau die Kosten gesenkt. Obwohl die Öffnungszeiten verlängert und die Verkaufsflächen erweitert wurden, verloren im Einzelhandel seit 1994 rund 350.000 Menschen ihre Arbeit.
Auch KarstadtQuelle hat in den letzten Jahren mit Druck auf die Beschäftigten versucht, seine Stellung im Wettbewerb zu verbessern. Vollzeit- wurden in Teilzeitstellen umgewandelt und durch Streichung von Urlaubstagen die Arbeitszeit ausgeweitet.
Das hat die Krise des Unternehmens nicht gelöst, weil die Bosse anderer Warenhäuser ähnliche oder noch tiefere Einschnitte bei den Angestellten durchgesetzt haben. Kaufhof strich 2002 das Weihnachtsgeld. Schlecker erzwingt mit der Drohung von Entlassungen seit Jahren Löhne unter Tarif.
Jetzt hat die KarstadtQuelle-Leitung drastische Kürzungen angekündigt. Die Bosse wollen die Arbeitszeit pro Woche von 40 auf 42 Stunden erweitern, fünf Urlaubstage streichen und weitere Kürzungen im Tarifvertrag festschreiben. Angeblich könne das Unternehmen nur so gerettet werden.
Doch die KarstadtQuelle-Beschäftigten würden durch diese Maßnahmen nur eine kurze Atempause erhalten. Die höhere Ausbeutung der Arbeiter verschafft dem Konzern nur einen kurzfristigen Wettbewerbsvorteil, weil der Markt insgesamt nicht größer wird. Die Konkurrenten werden dieselben Einschnitte auch von ihren Arbeitern fordern – wie in der Vergangenheit bereits geschehen. Eine neue Runde im Wettlauf um die schlechtesten Arbeitsbedingungen wird beginnen.
Außerdem verschärft die Politik des Abbaus die Krise des Einzelhandels weiter. Auch in der Automobilindustrie, werden bei Volkswagen, DaimlerChrysler und General Motors die Arbeitszeit verlängert und die Löhne gekürzt. Weniger Lohn und Entlassungen in vielen Branchen führen dazu, dass im Einzelhandel die Nachfrage schrumpft und die Krise verschlimmert wird.
Es ist der Irrsinn der Marktwirtschaft, unter dem die KarstadtQuelle-Beschäftigten jetzt leiden müssen – ein Teufelskreislauf, in dem die Konkurrenz um Profite einen Wettlauf nach unten in Gang setzt.
Wirtschaftsminister Clement ist durch die Krise von KarstadtQuelle zum Kritiker des Verdrängungswettbewerbs der Einzelhandels-Konzerne geworden. Der Handel führe einen „halsbrecherischen Kampf“ bei dem sich die Konkurrenten „gegenseitig umbringen“.
Diese richtige Erkenntnis hat Clement nicht davon abgehalten, der „Agenda 2010“ zuzustimmen oder Lohnkürzungen und die Einführung der 40-Stunde-Woche zu unterstützen. Diese Maßnahmen dienen dazu, die Wettbewerbsfähigkeit deutscher Konzerne auf Kosten der Angestellten zu erhöhen. Damit sich diese Konzerne in einem noch halsbrecherischeren Kampf noch schneller gegenseitig umbringen.
Kein Appell an die Unternehmer wird diese Konkurrenz um Profite verhindern. Der Sprecher des Hauptverbandes des deutschen Einzelhandels Pellengahr sagte: „Wir können die Marktwirtschaft nicht aussetzen.“ Der Krieg wird weitergehen.
Wer auch immer gewinnt – die Menschen werden verlieren.

von Stefan Bornost (E-Mail)




Linksruck Nr. 186, 1. Januar 1970





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