Einwurf: Fußballfans sind gegen Mullahs

„Für unsere Mannschaft ist es ein Abenteuer. Man wird mit einer ganz anderen Welt konfrontiert“, schwäbelte Trainer Klinsmann mit geheimnisvoller Stimme durch den Saal. Thomas Brdaric wurde vor dem Abflug von „einem Magengrummeln“ befallen und sein Stürmerkollege Asamoah erklärte, weil er nicht wisse, wie es dort zugehe, werde er lieber „die ganze Zeit auf dem Zimmer bleiben“.

Man hätte meinen können, die Fußballnationalmannschaft der Männer hätte vier Wochen Überlebenstraining mit Berggorillas im zentralafrikanischen Hochland gebucht. In Wirklichkeit waren die Kicker-Millionäre zwei Tage in einem Fünf-Sterne-Hotel in der Millionenstadt Teheran.

Lediglich Miroslav Klose schien sich vorab ein wenig über den Iran informiert zu haben, denn er erwartete „ein Stadion voller Männer“. Frauen ist der Besuch von Fußballspielen verboten. Auch auf Bier und Currywurst müssen die iranischen Fans verzichten. Alkohol und Schweinefleisch dürfen nur in Hotels für Ausländer verkauft werden.

Es liegt nicht an den Iranern, dass ihnen die Gesetze des Islam aufgezwungen werden, dass regierungskritische Zeitungen verboten und Oppositionelle von der Polizei gefoltert und ermordet werden. Schuld daran ist die Diktatur der Mullahs, mit denen die deutsche Regierung im Interesse deutscher Konzerne gute Beziehungen unterhält.

Iran ist im Nahen Osten der größte Handelspartner der deutschen Wirtschaft. Erst Anfang Oktober traf Staatssekretär Tacke mit einer Wirtschaftsdelegation Vertreter der iranischen Regierung, ohne ein Wort über die mörderische Unterdrückung der Menschen im Iran zu verlieren.

Die Iraner versuchen immer wieder, sich gegen die Mullahs zu wehren. Und weil Demonstrationen gegen die Regierung verboten sind, benutzen die Menschen dafür auch Fußballspiele.

Als sich die Nationalmannschaft 1997 mit einem 2:2 in Australien für die Weltmeisterschaft qualifizierte, feierten so viele Menschen auf der Straße, wie seit dem Sturz des Schah 1979 nicht mehr. Frauen schwenkten ihre Kopftücher, wofür man im Iran normalerweise verhaftet wird. Doch diesmal mussten die Religionspolizisten tatenlos zusehen.

Auch heute tanzen nach Siegen der Nationalmannschaft Frauen und Männer zusammen zwischen den Autokorsos. Manche der Feiernden reißen Verkehrsschilder aus dem Beton und schlagen aus Protest gegen die Diktatur die Scheiben der staatlichen Banken ein. Dann verwandeln sich die „Iran, Iran“-Sprechchöre in: „Nieder mit der Despotie, es lebe die Freiheit!“

Letzte Woche wurden die deutschen Spieler schon bei ihrer Ankunft in Teheran von tausenden Iranern gefeiert. Das könnte sich ändern, wenn die deutsche Regierung weiter die Diktatoren unterstützt, die jeden Tag Menschen foltern, weil sie Freiheit wollen.

von Hans Krause




Linksruck Nr. 186, 1. Januar 1970





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