Eine andere Welt ist möglich – ESF 2004 London:

3000 Euro mehr

In vielen Ländern haben sich linke Gewerkschafter vernetzt, um Entlassungen und Kürzungen zu bekämpfen; teilweise mit großem Erfolg.

Der Zusammenhalt über Grenzen hinweg war immer eine große Stärke der Arbeiterbewegung. Auf dem Europäischen Sozialforum (ESF) in London konnte man das erleben.
Während am 15. Oktober in Bochum 10.000 Arbeiter bei Opel streiken, versammeln sich rund 500 Menschen zu einer Diskussion über „Die Linke in der Gewerkschaftsbewegung“ und erklären einstimmig ihre Solidarität für die Kollegen bei Opel Bochum.
Auf dem Podium sprechen aktive Gewerkschafter aus Italien, Griechenland, Frankreich, Großbritannien und Deutschland über die Situation in ihren Heimatländern und über ihre Erfahrungen.
Einen Tag von Beginn des ESF haben Transportarbeiter in den Niederlanden gegen Kürzungspläne der Regierung gestreikt. Viele holländische Besucher sind deshalb zu spät in London angekommen. Sie haben die Zeit genutzt, den Arbeitern in Bahnhöfen und Häfen Grüße und Unterstützung zu überbringen.
Am selben Tag ist der öffentliche Dienst in Griechenland in Generalstreik getreten, berichtet Tasos Anastasiadis. Die neue rechte Regierung hat vor und während der Olympischen Spiele große Teile der Bevölkerung gegen sich aufgebracht, berichtet Tasos: „Die Regierung hat vor der Wahl versprochen, die Zeitverträge von 250.000 Angestellten im öffentlichen Dienst in feste Verträge umzuwandeln. Nach der Wahl sollte das nur noch für 7000 Menschen gelten. Der Kampf ist noch nicht entschieden.
Die Arbeiter in den Krankenhäusern und im Verkehr haben ihren Streik gewonnen. Sie bekommen jetzt 3000 Euro mehr pro Jahr.
Außerdem gibt es seit drei Jahren immer wieder Streiks von Journalisten. Vor zehn Jahren haben sich die Medien ungeheuer ausgedehnt. Jetzt stecken sie in der Krise und die Journalisten sollen mit Lohnkürzungen und Entlassungen dafür zahlen.“
Tasos arbeitet an einer Zeitung der Linken in der Journalistengewerkschaft mit. „Unsere Zeitung hat geholfen, die Kollegen in den Betrieben miteinander zu verbinden.
Vor einiger Zeit sollte ein Redakteur bei einer Zeitung gefeuert werden. Mit unserer Zeitung haben wir schnell Solidarität organisiert und die Entlassung verhindert.“
Auch Jane Loftus aus dem Vorstand der britischen Postarbeitergewerkschaft CWU arbeitet an einer Zeitung der Gewerkschaftsbasis mit: „Die Zeitung hat uns geholfen, die aktivsten Gewerkschafter zu verbinden.“
Jane Loftus erzählt, wie sich bei der Post in den letzten Jahren immer mehr Kollegen gegen Kürzungen gewehrt haben: „Bei der Post haben wir eine starke Tradition von wilden Streiks. Bis vor drei Jahren hatten wir ein Führung, die diese Streiks bekämpft hat, aber das haben wir geändert.
Wir sind noch weit davon entfernt, so eine starke Basisorganisation zu haben, wie vor 23 Jahren, als ich bei der Post angefangen habe.“
Markus Dahms, Vertrauensmann der Gewerkschaft IG Metall bei Siemens Berlin, erzählt, wie der Widerstand gegen Sozialabbau in Deutschland wieder belebt wurde. „Eine Protestbewegung, wie wir sie noch nie gesehen haben“, sei seit den großen Demonstrationen in Berlin am 1. November letzten Jahres und in Berlin, Stuttgart und Köln am 3. April 2004 entstanden.
Andererseits hat die IG Metall in zwei anderen Siemens-Werken der Wiedereinführung der 40-Stunden-Woche ohne Lohnausgleich zugestimmt. „Wir brauchen eine Wiederbelebung unserer Gewerkschaften, und das heißt eine Politisierung in den Betrieben“, meint Dahms.
Er wirbt für eine Gewerkschaft, die gegen den Sozialabbau kämpft, anstatt mit den Bossen Pläne für Entlassungen auszuarbeiten: „Wir müssen in den Gewerkschaften um Mehrheiten für Widerstand kämpfen.“
Frederic LePlat von der Dienstleistungsgewerkschaft Unison berichtet von einer ähnlich widersprüchlichen Lage in Großbritannien. Die Gewerkschaften haben sich erfolgreich am Aufbau einer Massenbewegung gegen den Krieg im Irak beteiligt. Der Widerstand gegen Kürzungen in den Betrieben ist dagegen weniger stark.
„Die Lage geht zurück auf die Anti-Gewerkschafts-Gesetze der rechten Regierung aus den 80er Jahren, die zum Beispiel Solidaritätsstreiks verboten hat. Wir haben eine ganz neue Generation in den Betrieben, denen wir erst erklären müssen, was Solidarität und gemeinsame Aktionen bedeuten.
Die Sozialforen sind eine gute Möglichkeit, junge radikale Leute von der Arbeit in den Gewerkschaften zu überzeugen. Ohne Gewerkschaften können wir nicht gewinnen. Durch die Sozialforen können wir ein Netz von Aktivisten in den Betrieben zusammenbringen.“

von Jan Maas (E-Mail)




Linksruck Nr. 187, 1. Januar 1970





Dieser Artikel kommt von Linksruck
http://www.linksruck.de