"Checkpoint":

Blumenbeet des Bösen

In Nicholson Bakers Roman „Checkpoint“ diskutieren zwei Freunde, ob man US-Präsident Bush ermorden darf.

Gefangene Kinder im Irak: Ihr Leiden weckt in Jay den Wunsch, Präsident Bush zu töten
Vor der US-Präsidentschaftswahl am 2.November engagieren sich viele amerikanische Künstler und Intellektuelle gegen Bush: Der Filmemacher Michael Moore versteht seine Dokumentation „Fahrenheit 9/11“ als Waffe gegen den Präsidenten. Mehr als zwei Dutzend Rock- und Popmusiker – darunter Bruce Springsteen und der R.E.M.-Sänger Michael Stipe – haben sich zusammengeschlossen, um mit ihrer Tournee „Wählt den Wechsel“ zur Abwahl Bushs beizutragen.

Auch amerikanische Schriftsteller erheben ihre Stimme gegen Bush. Das bekannteste und umstrittenste Beispiel der neuen politischen Literatur ist Nicholson Bakers Roman „Checkpoint“.

Der Titel bezieht sich auf einen Vorfall vom April letzten Jahres. Damals haben US-amerikanische Soldaten an einem Kontrollpunkt im Irak 11 Mitglieder einer Familie erschossen, weil sie sie für Terroristen hielten. Sechs der Opfer waren Kinder.

Wegen des Mordens der US-Armee im Irak will Jay, die Hauptfigur von „Checkpoint“, den Präsidenten töten. Er trifft seinen alten Freund Ben in einem Hotelzimmer in Washington, um ihm von seinem Plan zu erzählen. Ben ist entsetzt und versucht, Jay das Attentat auszureden. Der aber bleibt dabei: Ein Mann wie Bush müsse „zum Wohle der Menschheit“ umgebracht werden.

„Checkpoint“ besteht ausschließlich aus der Diskussion der beiden Freunde. Manchmal ist der Roman in einem humorvollen Tonfall gehalten. Beispielsweise phantasiert Jay darüber, für das Attentat ferngesteuerte fliegende Sägen oder Patronen mit eingebautem Bush-Sucher zu verwenden. Auch seine Beschreibung der US-Politik als einem „immer blühenden Blumenbeet des Bösen“ ist voll bitterer Komik.
Wenn Jay allerdings von den Opfern des Krieges im Irak spricht, lässt der Autor keinen Zweifel daran, dass es ihm ernst ist: „Diese Kinder, denen die Gliedmaßen weggefetzt werden, die wissen gar nicht, was los ist. Verblüfft schauen sie an sich herunter, und da kommt ihr eigenes Blut raus, und ihnen wird kalt. Und sie sterben schnell.“

Die amerikanische Rechte hat Nicholson Baker vorgeworfen, er rufe mit „Checkpoint“ zum Mord an Präsident Bush auf. Der konservative Literaturkritiker Mark W. Davis wertete den Roman sogar als eine Form von Terrorismus. Andere Bush-Befürworter wollten Baker wegen seines Buches verklagen. Denn in den USA ist schon die Behauptung, den Präsidenten töten zu wollen, strafbar.

Tatsächlich distanziert sich der Autor in Interviews von der Vorstellung, ein Attentat auf Bush würde die US-Politik verbessern. Baker betont aber stets, dass er Jays verzweifelte Wut über den US-Krieg im Irak teilt. Einmal sagte er: „Ich verstehe ‚Checkpoint’ als eine Art indirekte Entschuldigung. Wir haben der Welt ein großes Unrecht angetan. Und das tut mir Leid.“

von Daniel Illger (E-Mail)




Linksruck Nr. 187, 1. Januar 1970





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