Che Guevara – vom Rebell zur Ikone

Christophe Chataigné, Journalist der englischen Zeitschrift „Socialist Review“, sprach mit Mike Gonzalez über das Leben und Erbe von Che Guevara.

Warum noch ein Buch über Che, wo es doch bereits so viele gibt?
Die Motivation für das Buch ist recht einfach: Auf jeder Anti-Kriegsmobilisierung und überhaupt bei allen Aktivitäten, die seit Seattle und seit den Anfängen der antikapitalistischen Bewegung stattgefunden haben, scheint ein Bild diese Bewegung zu prägen, ein Bild erscheint als das internationale Symbol dieser neuen Generation – das Bild von Che Guevara.
Der Ausgangspunkt ist also die kuriose Tatsache, dass ein Revolutionär, der 1967 starb, heute immer noch von Bedeutung ist. Die Bedeutung, die das Bild für die meisten hat, geht weit über das Leben und die historische Realität dieses Mannes hinaus. Das Buch ist eine Antwort auf die Frage: Warum wurde Che zur Ikone? Warum tragen sie das Abbild von jemandem, über dessen politisches Leben und Karriere sie wahrscheinlich wenig wissen? Was bedeutet das?
Ich wollte ein Buch für eine neue Generation schreiben – und fragen, wo wir heute stehen und wie es von hier aus weitergeht. Was bedeutet es, ein Revolutionär zu sein? Und ich wollte herausfinden, warum das Gesicht dieses längst verstorbenen Revolutionärs den Geist dieser neuen Generation so verkörpert und einfängt.

Diesen Sommer [in Deutschland im Herbst 2004] kommt über Guevara der Film The Motorcycle Diaries [Motorrad-Tagebücher] heraus. 1952 machte Che mit einem Freund eine 10 000 km lange Motorradreise durch Lateinamerika und schrieb seine Erfahrungen in den Motorrad-Tagebüchern nieder. War das der Zeitpunkt, an dem Che ein Revolutionär wurde, oder zumindest ein revolutionäres Bewusstsein entwickelte?
Die Frage ist interessant und recht schwierig. Die Motorrad-Tagebücher sind die Berichte eines jungen Mannes, der bewusst ein Abenteuer unternimmt. Er will Lateinamerika sehen. Aufgrund der Erfahrungen dieser Reise verändern sich nach und nach die Ideen dieses jungen Mannes.
Er lebte zu einer sehr politischen Zeit in einer sehr politischen Gesellschaft. Als er in Argentinien aufwuchs, befand sich das Land in Aufruhr; es gab viele Klassenkonflikte. Seine Eltern waren eng mit der Kommunistischen Partei Argentiniens verbunden, die eine eher merkwürdige, dunkle Vergangenheit hatte. Es gab also Politik in dem ‚Milieu‘, in dem er aufwuchs.
Es ist sehr wichtig, immer wieder zu betonen, dass politisches Verständnis nicht daher kommt, dass es einem in die Wiege gelegt wurde. Es gibt nicht diese wundersame plötzliche Erleuchtung, woraufhin man im Alter von drei Jahren anfängt, Marx zu lesen und mit fünf dann alle drei Bände des Kapitals gelesen hat usw. Revolutionäre dieser Art sind sehr selten, aber es gibt viele, die die Welt gesehen und Erfahrungen gemacht haben und allmählich Unzufriedenheit und Wut verspüren. Sie entwickeln diese Unzufriedenheit zunächst in ein politisches und dann in ein revolutionäres Verständnis.
Das interessante an Guevaras Motorradreisen ist, wie er hier mit Dingen in Berührung kommt, die sein Weltbild verändern werden. Er fährt zu der großen, wunderschönen Inka-Stadt Machu Picchu hoch oben in den Anden. Und dort sieht er, was auch schon andere lateinamerikanische revolutionäre Denker gesehen haben, nämlich die Realität dieser außergewöhnlichen Welt, die durch einen Akt der Eroberung zerstört wurde – es ist die Entdeckung eines anderen Lateinamerikas, das keine Kolonie, keine unterdrückte Nation ist, sondern ein Lateinamerika, das hätte werden können. Dies verstärkte sein Gespür dafür, wie sehr Lateinamerika durch die Interessen verschiedener Weltmächte geformt und definiert wurde.
1954 geht er nach Guatemala, zu einem Zeitpunkt, der nicht nur für ihn, sondern auch für viele andere Revolutionäre von entscheidender Bedeutung ist. Eine gewählte reformistische Regierung wird zynischerweise durch einen offen von der US-Regierung arrangierten und finanzierten Militärputsch gestürzt, unterstützt vor allem von den Dulles-Brüdern. Der eine war US-Außenminister und der andere FBI-Chef, gleichzeitig waren sie aber auch noch Vorstandsmitglieder eines großen multinationalen Konzerns, der United Fruit Company, die riesige Interessen in Guatemala hatte.
Das Interesse der USA, nämlich die Unterdrückung all dessen, was man als Kommunismus ansah, was zu diesem Zeitpunkt so ziemlich jede fortschrittliche Bewegung war, und die Verteidigung der Interessen eines großen Konzerns kamen in Guatemala zusammen, um eine Reformbewegung zu zerschlagen.
Dem Mythos zufolge engagierte Guevara sich aktiv in der Widerstandsbewegung – in der Realität war er nur einmal an einer kurzen Aktion beteiligt. Aber als er Guatemala verlässt, lässt ihm eine Frage keine Ruhe: Weshalb ist die Regierung von Guatemala so leicht bezwungen worden?

Kann man sagen, dass Che nach Guatemala zwar ein gefestigter Anti-Imperialist, aber noch kein Revolutionär geworden war?
Nach Guatemala heiratet Che eine sehr aktive Revolutionärin. Viele Revolutionäre gingen damals nach Guatemala, da die Ereignisse dort sehr aufregend waren. Zum ersten Mal seit vielen Jahren nimmt wieder eine Regierung der nationalen Reformen den Kampf gegen US-Interessen auf, sie versucht, Landreformen, Gewerkschaftsreformen usw. umzusetzen.
Damals begann Che zu lesen und fing an, sich nicht nur als Anti-Imperialist zu sehen, sondern auch als jemand, der sich dem sozialistischen Denken, dem Marxismus, annähert. Somit ist für mich 1954 der Zeit-Punkt, zu dem sich aus den gemachten früheren Erfahrungen heraus ein politischer Che Guevara herauszubilden beginnt.

In deinem Buch erwähnst du Mexiko. Trifft er dort kubanische Dissidenten, mit denen er seine Ideen über Guerilla-Kriegführung austauscht?
In Bezug auf Guatemala kommt Guevara zu dem Schluss: „Wir hätten härter kämpfen müssen. Wir hätten Widerstand leisten müssen.“ Für Guevara war das Problem ein militärisches – die Leute waren nicht bewaffnet, nicht darauf vorbereitet, Widerstand zu leisten. Guevara ist als Anti-Imperialist aufgewachsen, jedoch nicht in der Tradition, die davon ausgeht, dass die wahre Kraft für Veränderung in den Händen der Massen arbeitender Menschen liegt. Diese Idee kommt in seiner politischen Erziehung nicht richtig vor, trotz des Engagements seiner Eltern bei der Kommunistischen Partei.
Er sah sich nicht verbunden mit einer Massenbewegung. Vielleicht liegt es daran, dass er Argentinier ist und gesehen hat, wie der Peronismus unter Arbeitern Massenbewegungen mobilisiert und sie dann als Machtinstrumente missbraucht hat.

Ist dies also der Zeitpunkt, zu dem er anfängt, Marx zu lesen?
Ja, richtig. Er trifft Castro in Mexiko und ist absolut überwältigt von ihm. Das ist schon etwas seltsam, da zu den ersten Kubanern, die er kennen lernt, auch Personen mit einem viel ausgeprägteren ideologischen Hintergrund gehören. Castro selbst ist ein revolutionärer Nationalist mit sehr wenig erkennbarer Schulung in sozialistischen und marxistischen Ideen und auch ohne solch einem Hintergrund. Er ist ein führendes Mitglied eines breiten nationalistischen Widerstandes gegen die Diktatur in Kuba.
Bei ihrer Begegnung bemerken Castro und Che, dass sie beide zu der Einsicht gekommen sind, dass lateinamerikanische Diktaturen durch imperialistische Interessen manipuliert werden und bekämpft werden müssen. Was ihnen allerdings trotz ihrer verschiedenen persönlichen Hintergründe außerdem gemeinsam ist, ist der Zweifel, dass Massenbewegungen eine Kraft sein können, die die Welt zu verändern vermag. Bei Castro gründet dies auf seinen Erfahrungen mit der äußerst unglaubwürdigen Kommunistischen Partei Kubas und bei Che auf seinen Erfahrungen mit dem Peronismus.
Diese Diskussionen verlaufen ohne erkennbare alternative Denkweisen. Auf der einen Seite gibt es den Stalinismus, die Kommunistischen Parteien, die mit korrupten Regierungen und Diktaturen Kompromisse eingehen, und auf der anderen Seite gibt es die Idee von Revolutionären als einer kleinen, entschlossenen Gruppe von Leuten, die die Revolution machen – und über all dem steht die Vision einer Revolution als einem Prozess, der auf dem Lande geführt und gewonnen wird. Die städtische Arbeiterklasse kommt in ihrem Denken gar nicht vor, außer vielleicht als eine Art Unterstützungsmechanismus für die Revolutionäre auf dem Land. Che und Castro ziehen daraus den Schluss, dass eine effektive, straffe militärische Organisation notwendig ist. Für sie ist es ein Krieg.

Und wie kamen sie von der Idee, dass man zur Machtübernahme eine elitäre, revolutionäre militärische Kraft braucht, dann zu der Idee eines sozialistischen Kubas?
In Kuba herrschte der von den USA unterstützte Diktator Batista. Die kubanische Revolution gegen diesen Diktator dauerte tatsächlich nur zwei Jahre. Nachdem 1956 das Schiff der Rebellen, die legendäre „Grandma“, in Kuba gelandet war und von Batista-Soldaten beschossen worden war, gab es im Dezember 1956 nur noch 18 überlebende Revolutionäre. Sie hatten sich in die Berge zurückgezogen und waren bis auf ein paar Kontakte ziemlich isoliert.
Doch der Kampf gegen Batista hielt an und dauerte nicht lange. Der Erfolg der kubanischen Revolution lässt sich dabei nicht ohne die Fäulnis und Korruption des Batista-Regimes erklären, auch wenn die Guerilla von Castro und Guevara natürlich eine Reihe wichtiger Gefechte für sich entscheiden konnte. Das brutale Vorgehen Batistas gegen die Massen erzeugte eine sehr breite Unterstützung für die Revolutionäre, sowohl auf der symbolischen als auch auf der politischen Ebene.
Gleichzeitig fingen die USA an, Batista als eine Belastung zu empfinden. Sie entzogen ihm immer mehr ihre Unterstützung, vor allem dann 1958, als die Maßnahmen gegen die Revolutionäre und ihre Unterstützer immer brutaler und schonungsloser wurden. 1959 schließlich musste Batista Kuba verlassen und floh nach Spanien.

Gab es zu dieser kleinen Gruppe von Revolutionären keine Alternativen?
Streng genommen nein. Es gab zwar auch andere Kräfte, sogar andere Guerillagruppen. Eine von ihnen, das revolutionäre Direktorium, bestand schon seit langem. Die Bewegung des 26. Juli um Castro und Guevara hatte viele Meinungsunterschiede mit ihnen. Die Kommunistische Partei war den Revolutionären in den Bergen gegenüber extrem feindlich gesinnt, hielt jedoch eine Beziehung zu ihnen aufrecht, wobei einer ihrer Anführer 1957/58 viel Zeit mit Castro in den Bergen verbrachte.
Die Bewegung des 26. Juli konnte sich sehr schnell als die Führung der Bewegung aufbauen. Sie existierte auch in den Städten, vor allem unter den radikalen Studenten. Sie hatte zudem Ableger bei den radikalen Flügeln der Streitkräfte, die allerdings sehr schnell zerschlagen wurden. Als diese Ableger zerschlagen waren – und ich habe im Buch versucht, einiges der Komplexität dieser Beziehungen heraus zu arbeiten – gab es also diese Gruppe in den Bergen, die sich zu einem zentralen Symbol des Kampfes gegen Batista etabliert hatte, insbesondere auch, weil sie bewusst die Strategie verfolgte, all die verschiedenen Gruppen und Ableger unter ihrer Führung, also der Bewegung des 26. Juli, zu vereinen. Ende 1958, als Batista gestürzt wurde, stand es außer Frage, dass die Bewegung des 26. Juli das Symbol und die Führung des Widerstands gegen Batista war.

Was ist die Bewegung des 26. Juli und in welchem Verhältnis steht sie zu anderen Kräften – zur Kommunistischen Partei, zu Kräften der Mittelschicht? Unmittelbar nach dem 2. Januar 1959, also nach dem Sieg der Revolution, schienen die Unterschiede doch recht fließend zu sein.
Es war sicherlich keine Revolution, die sich vom ersten Tag an als sozialistische oder kommunistische Revolution begriff, bei weitem nicht. Verschiedene Autoren haben versucht darzulegen, dass Castro eigentlich schon immer ein Sozialist gewesen sei und auch schon seit jeher ein Marxist, er habe es bloß nie gezeigt. Das halte ich für extrem naiv. Zu dem damaligen Zeitpunkt waren Castro, Che Guevara und Camilo Cienfuegos die drei Anführer der Revolution. Cienfuegos ist ein radikaler Nationalist, der große Popularität genoss. Guevara war ein Ausländer, ein Revolutionär, der begierig las und begann, sich selbst als Sozialist zu verstehen. Castro hingegen versteht sich nicht als Sozialist, jedenfalls noch nicht. Er versucht, Streitigkeiten mit der kommunistischen Partei auszuräumen, diese verhält sich allerdings immer noch sehr feindlich. Außerdem arbeitet er auch mit anderen politischen Kräften zusammen.
Ich würde sagen, es dauerte noch weitere zwei Jahre und bedurfte noch so mancher Ereignisse, bis die kubanische Revolution sich dann sozialistisch nannte. Man könnte die Ansicht einiger Autoren diskutieren, ob es eine geheime sozialistische Revolution war. Aber eine geheime sozialistische Revolution ist ein Widerspruch in sich. Entweder war es eine sozialistische Revolution oder nicht.
Mittlerweile mobilisierten die USA gegen die kubanische Revolution und unternahmen alle möglichen Maßnahmen, sie zu untergraben, der Höhepunkt davon war im April 1961 die Invasion in der Schweinebucht. Erst nach dieser Invasion erklärt Castro die Revolution für kommunistisch und sozialistisch. Dadurch erlebt die Revolution in gewissem Sinne eine Radikalisierung. Die Ursache dafür liegt zum Teil darin, dass es unterschiedliche innere Strömungen gibt. So ist Guevara zweifellos bereits zum Internationalisten geworden, zu jemandem, der glaubt, es dürfe keine Kompromisse mit dem Imperialismus geben. Castro hingegen hat viel mehr von einem Verhandlungsführer, ständig auf der Suche nach Allianzen, der die kubanische Revolution dadurch zu verteidigen sucht, dass er mit allen möglichen Kräften Bündnisse schmiedet.

In deinem Buch sprichst du von Ches Bewunderung für Castro. Inwieweit hat sie ihn davon abgehalten, seine eigenen Ideen umzusetzen?
Das ist eine sehr interessante Frage. Die Revolution übernimmt 1959 die Macht – 1964 hat Guevara Kuba verlassen. Innerhalb dieser fünf Jahre, zu deren Beginn er, wie viele Autoren es beschreiben, den ideologischen Haupteinfluss auf Castro und die Revolution ausübte, wird er immer desillusionierter und unzufriedener mit der Richtung, die die Revolution nimmt, bis er Kuba schließlich verlässt. Obwohl er loszieht, um woanders Revolution zu machen, ist völlig klar, dass zwischen ihm und Castro sowie den anderen Hauptakteuren der kubanischen Revolution sich tiefe Gräben aufgetan haben. So ist beispielsweise Raúl Castro, Fidels Bruder, schon als Nachfolger von Castro benannt worden, falls dieser sterben sollte.
Guevara wird rasch unruhig und entwickelt eine Abneigung gegen den wachsenden Einfluss der Sowjetunion durch die Kommunistische Partei Kubas. Er fürchtet, dass es Kuba nicht gestattet sein wird, sich zu entwickeln und seine Wirtschaft zu diversifizieren, sondern dass die Sowjetunion der Revolution schaden wird, da Kuba immer ihren internationalen Interessen unterworfen sein wird. Von den orthodoxen kommunistischen Parteien wird er manchmal als pro-chinesisch beschrieben – bei seinem Chinabesuch hatte sein Interesse vor allem dem „großen Sprung nach vorne“ gegolten, dieser Idee, dass man durch einen großen Bewusstseinsakt aus der Unterentwicklung herauskommen könnte.
Auch Castro selbst ist über die Beziehung zu Russland nicht glücklich, denkt aber, dass er sie braucht. Die Kubakrise 1962 führt ihm dann vor Augen, dass Russland Kuba nicht verteidigen wird, wenn es hart auf hart kommt. Ganz im Gegenteil, Russland wird Kuba als Einsatz im Spiel der internationalen Politik benutzen, wie er später feststellen muss. Das bringt Castro dazu, einiges von Guevaras Misstrauen zu übernehmen, und zu glauben, dass die Antwort vielleicht tatsächlich darin bestehen könnte, andere Revolutionen in Lateinamerika durchzuführen. Doch die Russen machen deutlich, dass sie Kuba nur unterstützen werden, wenn Castro diese zügelt.
In dieser angespannten Situation entfernt sich Guevara zunehmend von Castro. Doch etwas schwingt dennoch immer mit – die zahllosen Erklärungen der Bewunderung für Castro, seine Ehrfurcht vor ihm. In einem Brief, der 1965 ein Jahr nach seinem Weggang aus Kuba, veröffentlicht wird, beschreibt er Castro als einen Mann, der näher am Puls der kubanischen Massen sei, als es irgendwer sonst überhaupt sein könnte. Das kommt schon etwas sonderbar daher, wenn man weiß, dass Castro aus einer reichen Landbesitzer-Familie stammt und ein gebildeter Mensch war, der Jura studiert hat.
Guevara ist eine merkwürdige Charaktermischung. Einerseits ist er ein zutiefst arroganter, entschlossener und absolut überzeugter Revolutionär, andererseits aber erscheint er wenigstens zu bestimmten Zeiten als ein äußerst bescheidener Mensch, bereit, zwar eine wichtige, aber nicht unbedingt öffentliche Rolle in der kubanischen Revolution anzunehmen. Er hatte sicherlich Einfluss, aber Castro war der unbestrittene Anführer.

Du sagtest, dass Che versuchte, anderswo Revolution zu machen. Wie erfolgreich war er da, wenn man bedenkt, dass für ihn der bewaffnete Kampf die einzige Lösung war?
Wir können schon einiges darüber aussagen, was zu dem Zeitpunkt in seinem Kopf vorging. Seine Entschlossenheit und Selbstlosigkeit stehen außer Frage. Er nahm an der Revolution teil, um die Revolution zu machen, aber er hatte ein ganz bestimmtes strategisches Verständnis dafür, was das im Zeitalter imperialistischer Kriege bedeutete. Den Kern seiner strategischen Auffassung bildet der Gedanke, dass das Stattfinden oder Nicht-Stattfinden einer Revolution davon abhängt, ob es engagierte, organisierte, disziplinierte Revolutionäre gibt oder nicht. Mit anderen Worten, es sind die Revolutionäre, die die Revolution machen.
Die Vorstellung, eine kleine Gruppe entschlossener Menschen könne im Interesse der Massen die Revolution machen, ist eine gefährliche und irreführende Idee. Zum einen, da eine kleine Gruppe nicht Revolution machen kann. Es ist ein gigantischer sozialer Prozess. Aber noch wichtiger ist doch, dass Revolution der Moment ist, in dem Arbeiter ihre Beziehung zur Welt verändern. Anstatt Objekte in der Geschichte anderer Menschen zu sein, werden sie zu Subjekten ihrer eigenen. Das ist doch das Wesen von Revolution. Man kann keine Revolution machen und gleichzeitig die Menschen, in deren Namen man die Revolution macht, einfach links liegen lassen.
Guerilla-Kriegführung war also keine Methode, sondern eine Strategie. Was Erfolg oder Niederlage der Revolution ausmacht, ist natürlich Organisation, allerdings die Organisation der Masse der arbeitenden Menschen, damit sie selbst ihr Leben verändern.
Ich denke, dass Guevara an die Grenzen seiner Strategie stieß und ein Verständnis dafür entwickelte, dass man nicht einfach eine Revolution von außen aufstülpen kann, ohne die realen sozialen Gegebenheiten zu berücksichtigen. Im Kongo war das sehr deutlich. 102 kubanische Revolutionäre kamen in den Kongo, um die verschiedenen Dissidenten und Fraktionen zu vereinen und die Revolution zu machen. Doch sie kamen ohne jegliches politische Verständnis für die örtlichen Gegebenheiten. Sie waren überhaupt nicht in der Bevölkerung verankert. Was sie mitbrachten, war eine winzige militärische Kraft, als ob das die Revolution entscheiden würde. Es war ein komplettes Desaster und Che kam gerade noch mit dem Leben davon.
1965 geht er dann nach Prag. Er ist fürchterlich depressiv, demoralisiert und ohne Kontakt nach Kuba, wohin er schließlich zurückkehrt. Er verbringt zwei Tage damit, sich mit den Castro Brüdern zu streiten, und es wird sehr schnell klar, dass Guevara die Richtung der Revolution, die sie aufgrund der Aussöhnung mit russischen Interessen genommen hat, nicht unterstützen kann. Er glaubt immer noch fest an die Vorstellung von einer Revolution als einem internationalen Prozess. Er hat keine unabhängige Basis in der kubanischen Gesellschaft. Er hat Sympathisanten gehabt, die 1964/65 mit seiner Kritik übereinstimmten, doch zu der Zeit, als er aus Afrika zurückkehrt, hatte man sie entweder diszipliniert oder sie waren nicht mehr da.

Und was macht er dann?
Er richtet seine Aufmerksamkeit auf Bolivien, um dort eine Revolution in Gang zu bringen. Wir wissen nicht, ob Castro damit einverstanden war oder nicht. Ich vermute, dass er das nicht war, Guevara sich aber davon nicht abhalten ließ. Er hatte in Kuba keine Rolle mehr zu spielen, da er eine Strategie repräsentierte, die nun endgültig zurückgewiesen worden war. Und obwohl Castro später behauptet hat, dass er genau dieselbe Strategie verfolgt habe, ist dies wohl stets nur als sein Trumpf im Verhandlungspoker mit den Russen zu sehen. Doch für Guevara stand fest, dass sein Weg des revolutionären Internationalismus unwiderruflich verlassen worden war. Er hatte keine Theorie der Massenorganisation, und er hatte keinen Platz an der Macht, um die Welt zu verändern. Das versetzte ihn in eine schwierige und aussichtslose Lage.

Also lehnte Che das Prinzip der Selbstbefreiung und die Bedeutung der Arbeiterklasse als revolutionären Faktor ab?
Wenn man sich dieses letzte Jahr in Bolivien anschaut, ist es schon eine Tragödie – nicht nur, weil Che ermordet wird, sondern auch, weil gerade Bolivien ein Land ist, das eine großartige Geschichte von Arbeiterorganisation vorzuweisen hat. Das gilt vor allem für die Bergarbeiter; ihr Organisationsgrad ist in ganz Lateinamerika unübertroffen. Sie haben eine sehr heroische und tapfere Vergangenheit. Sie haben die Revolution von 1952 angeführt. Sie haben immer weiter gekämpft gegen einen nationalistischen Führer nach dem anderen. Als Guevara nach Bolivien kam, befanden sie sich allerdings gerade in einem Abwehrkampf. Unweit von der argentinischen Grenze errichtete Guevara ein Versteck auf dem Land; seine Vision war ein Guerilla-Ausbildungslager. Nur wenige hundert Kilometer entfernt befanden sich die Bergarbeiter in einer bitteren Auseinandersetzung. In seinen bolivianischen Reisebüchern bezieht sich Guevara zwar ein paar Mal auf die Bergarbeiter, aber er hält die Verbindung zur bolivianischen Arbeiterklasse nicht für zentral oder überhaupt auf irgendeine Art und Weise für wichtig. Und das ist für mich eine große Tragödie.

Seit Ches Tod, scheint es, als werde die kubanische Gesellschaft immer noch aufgefordert, Opfer zu bringen für die kubanische Revolution, und Castro benutzt auch immer noch das Bild von Che, wenn er den Zustand der kubanischen Gesellschaft zu rechtfertigen versucht. Was ist Kuba heute, und wie sollten Sozialisten sich dazu verhalten?
Wenn man in Kuba unterwegs ist, sieht man sehr wenige Bilder von Castro, aber Guevara ist allgegenwärtig. Auch gibt es die ganzen Che-Produkte, wie T-Shirts, Tassen, Zigaretten etc. Das bringt Leute zur Annahme, Che sei doch nur eine kommerzielle Figur. Und für einige Leute ist das auch wirklich so. In London gab es 1968 beispielsweise eine große Boutique, die „Che“ hieß.
Andererseits war Ches Bild gerade Anfang der 90er Jahre wichtig für die Regierungspropaganda, da die Leute es mit der Vorstellung verbanden, Opfer für die Revolution zu bringen. Che war die lebendige Verkörperung dessen gewesen. Mit dem Versprechen, der Wohlstand werde schon bald kommen, forderte der kubanische Staat einmal mehr von der Bevölkerung, sie solle sich für die Revolution aufopfern. Und das 40 Jahre nach der Revolution.
Die Mehrheit der Kubaner lebt heute ein sehr einfaches Leben, mit sehr geringem materiellem Wohlstand. Das Anwachsen der Tourismusindustrie und die Tatsache, dass Kuba seinen eigenen Platz auf dem Weltmarkt sucht, hat für viele Menschen noch mehr Aufopferung bedeutet. Gleichzeitig hat es den Aufstieg einer reichen Minderheit nach sich gezogen – die Unternehmer, die Agenten ausländischen Kapitals, die Profiteure aus dem Tourismus usw. Es stimmt, dass man in Kuba das sehen kann, was man sehen will, aber wer die Augen offen hält, sieht unweigerlich, dass es Leute gibt, die sehr gut leben, und andere, die das nicht können, dass auf der einen Seite teure Autos durch die Gegend fahren, während auf der anderen Seite viele Menschen unter sehr ärmlichen Bedingungen leben müssen.
Die Leute sind sehr unzufrieden; sie sehen die größer werdende Ungleichheit in ihrer Gesellschaft mit wachsender Wut. Was können wir tun? Sollen wir sagen: „Der Imperialismus ist schuld an allem“? [Kuba wird wirtschaftlich von den USA brutal boykottiert.] Es geht nicht darum, dass alles Castros Schuld ist und dass es Kuba viel besser ergangen wäre, wenn jemand anderes an der Macht gewesen wäre. Es muss für Sozialisten vielmehr darum gehen, was das Interesse der arbeitenden Menschen ist. Haben sie teil an dem Reichtum in ihrem Land? Werden die gesellschaftlichen Ressourcen eingesetzt, um die Bedürfnisse der Mehrheit zu befriedigen? Und wenn das nicht der Fall ist, macht es doch keinen Unterschied, als was diese Gesellschaft sich selbst bezeichnet. Die Verteilung des Reichtums ist ungleich und die Arbeiter können sich nicht vertreten. In einem solchen Fall besteht die Aufgabe für Sozialisten darin, alles Mögliche zu tun, um den Arbeitern zu helfen, sich in ihrem eigenen Interesse zu organisieren. Und wenn das bedeutet, sich gegen den Staat organisieren zu müssen, dann soll es so sein.
Castro bezeichnet sich selbst als einen Sozialisten. Viele Leute bezeichnen sich als Sozialisten. Viele Leute behaupten, sie würden im Interesse der Menschen handeln. Das lässt sich aber erst in der Praxis überprüfen. Und wenn ich sehe, wie Leute immer reicher werden, während andere immer ärmer werden, und wie jegliche Opposition und Kritik sofort zerschmettert wird, und wenn ich jemanden sehe – egal wie charismatisch er auch sein mag –, der 45 Jahre ohne eine einzige Wahl an der Macht bleibt, dann erscheint mir das eher als ein Missbrauch sozialer Demokratie.
All dies ist wichtig, da sich daraus die Kriterien ergeben, nach denen wir die Dinge beurteilen können.
Um zurück zu unserem Ausgangspunkt zu kommen: Viele junge Leute sehen in Guevara eine Verkörperung des Geistes, der sie beflügelt und ihre Gefühle für die Welt und ihr Verlangen nach einer besseren Welt zum Ausdruck bringt. Wir wissen alle, dass eine andere Welt möglich ist. Che steht für die Überzeugung, dass die Welt verändert werden kann und vor allem durch die Bewegung selbst verändert werden kann.
Das Leben von Che Guevara ist eine historische Lehrstunde für uns, die mit der Annahme beginnt, dass Revolution machbar ist, dass sie gemacht werden sollte, und dass die Welt verändert werden muss. Ist man einmal soweit, stellt sich die Frage nach dem ‚wie?‘. Die Antwort steht nicht in irgendwelchen Anleitungen oder Handbüchern, sondern sie liegt in der Geschichte, in der Erfahrung. Und das Leben dieses großen und engagierten Kämpfers für soziale Veränderung sollte Teil der politischen Bildung für eine neue Generation von Revolutionären sein.

von Mike Gonzales


Übersetzung: Jan-Peter Herrman

Mike Gonzalez ist Lehrer für hispanische Studien an der Glasgow-Universität und Verfasser eines Buches über Che Guevara „Che Guevara and the Cuban Revolution“. (Bookmarks, London 2004).


Argumente Nr. 5, Oktober 2004





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