Die andere Geschichte:

Ohne Freiheit kein Frieden

Jassir Arafat führte jahrzehntelang den Befreiungskampf der Palästinenser gegen Israel. Jan Maas erklärt, warum er keinen Erfolg hatte.

Jassir Arafat: Sein „Friedensprozess“ hat den Palästinensern nichts gebracht
Jassir Arafat war einer der größten Freiheitskämpfer des Nahen Ostens. Doch Bild bezeichnet ihn heute als „Terrorist mit Friedensnobelpreis“.
Diesen hat Arafat 1994 gemeinsam mit den israelischen Politikern Rabin und Peres für den so genannten „Friedensprozess“ zwischen Israel und Palästinensern bekommen. Das Abkommen von Oslo sollte 1993 die Unterdrückung der Palästinenser beenden.
In Wirklichkeit gab die israelische Regierung den Palästinensern niemals die Chance auf ein Leben in Freiheit. Die Palästinenser haben keinen eigenen Staat. Die von der israelischen Armee vertriebenen Flüchtlinge dürfen nicht in ihre Heimat zurückkehren. Arafats Strategie des „Friedensprozesses“ liegt in Trümmern. Ein Blick zurück.
Als Arafat 1929 geboren wird, hatten Muslime und Juden im heutigen Israel seit Jahrhunderten meist friedlich zusammengelebt. Er wächst im noch nicht geteilten Jerusalem auf.
Doch in den 1920er und 30er Jahren nimmt die Gewalt zwischen Juden und Muslimen zu. Die zionistische Bewegung will einen rein jüdischen Staat im britisch besetzten Palästina errichten. Ihre Parole war: „Ein Land ohne Volk für ein Volk ohne Land“. In Wirklichkeit lebten in Palästina schon 1918 eine halbe Million Muslime und 50.000 Juden.
Zunächst interessieren sich wenige Juden für den Zionismus. Zwar gibt es seit dem späten 19. Jahrhundert vor allem in Osteuropa immer mehr rassistische Überfälle und Mordanschläge auf Juden. Doch die meisten, die fliehen können, gehen nach Westeuropa und in die USA.
Erst als die Nazis in ganz Europa 6 Millionen Juden ermorden, fliehen immer mehr nach Palästina. Ein Grund ist, dass viele europäische Staaten und die USA keine jüdischen Flüchtlinge aufnehmen. Immer mehr Juden wollen ein eigenes Land.
Der rechte Flügel der zionistischen Bewegung will Palästina zu einem rein jüdischen Staat machen. Sie stellen bewaffnete Milizen auf, die Sprengstoffanschläge verüben und Muslime ermorden.
Eine dieser Milizen wird vom späteren israelischen Präsidenten Begin geführt. Arafat hilft damals, für Muslime Waffen zu organisieren, um sich gegen die Milizen zu wehren.
1947 schlägt die UNO auf Druck der USA und Großbritanniens eine Teilung Palästinas vor: 55 Prozent für einen jüdischen Staat, 45 Prozent für einen muslimischen. Zu jener Zeit waren 30 Prozent der Einwohner Palästinas Juden.
Die zionistischen Milizen geben sich mit dem Vorschlag nicht zufrieden. Am 9. April 1948 begehen sie in Deir Yassin das bis dahin größte Massaker in Palästina. Sie ermorden über 100 Menschen. Die unter den Muslimen ausbrechende Panik nutzen die Zionisten, um 750.000 zu vertreiben.
Am 14. Mai gründen die Zionisten unter Führung von Ben Gurion auf 76 Prozent der Fläche Palästinas den Staat Israel. Arafat kämpft zu diesem Zeitpunkt in der ägyptischen Armee gegen die Zionisten. Mehrere arabische Staaten wollen die Gründung Israels mit einem Krieg verhindern, haben aber keine Chance.
Während seines Studiums in Kairo arbeitet Arafat in der Palästinensischen Studentenvereinigung. Aus ihr geht 1959 die Widerstandsbewegung Fatah hervor. Der Name ist eine Abkürzung für: Bewegung zur Befreiung Palästinas.
Fatah nimmt sich die nationalen Befreiungsbewegungen in Algerien, China, Kuba und Vietnam zum Vorbild. Ihr Ziel ist es, ganz Palästina zu befreien und einen demokratischen Staat mit gleichen Rechten für Juden, Christen und Muslime zu errichten.
1964 gründen die arabischen Staaten die Palästinensische Befreiungsorganisation PLO. Die arabischen Herrscher fordern zum Schein Freiheit für die Palästinenser, um deren Unterstützung zu bekommen.
Gleichzeitig unterdrücken die arabischen Diktatoren die Palästinenser brutal, die 1948 in ihre Staaten geflohen waren. Sie haben kaum Rechte und dürfen nicht arbeiten.
Im Sechs-Tage-Krieg 1967 besiegt die israelische Armee Syrien, Jordanien und Ägypten. Die israelische Armee besetzt den Rest des früheren Palästina: den Gazastreifen, das Westjordanland und Ostjerusalem. Seitdem werden diese Regionen „Besetzte Gebiete“ genannt.
Nach dem Krieg gehen hunderte Palästinenser in die Besetzten Gebiete, um gegen Israel zu kämpfen. Darunter auch Arafat und andere Mitglieder der Fatah.
1968 wird die Fatah über Nacht auf der ganzen Welt bekannt. In der Schlacht von Karame zwingt eine von Arafat geführte Einheit die israelische Armee, sich zurückzuziehen.
Zehntausende Palästinenser schließen sich nun der Fatah an. 1969 wird sie ein Teil der PLO und Arafat übernimmt deren Führung.
Das Hauptquartier der PLO liegt in Jordanien. Sieben von zehn Bewohnern Jordaniens sind Palästinenser. Der jordanische König Hussein I. fürchtet, von der PLO gestürzt zu werden.
Im „Schwarzen September“ 1970 zerschlägt Hussein I. die PLO in Jordanien. Die Armee ermordet tausende Palästinenser. Die PLO flieht in den Libanon.
1973 unterliegen die syrische und die ägyptische Armee Israel erneut im Jom-Kippur-Krieg. In den nächsten Jahren schließen die arabischen Herrscher mit Israel Frieden, ohne für die Palästinenser etwas erreicht zu haben. Auch die PLO erkennt, dass ein militärischer Sieg über Israel, das seit 1967 massiv von den USA aufgerüstet wird, unmöglich ist.
Arafat ändert seine Strategie: Die PLO verzichtet auf den Anspruch, ganz Palästina von der israelischen Besatzung zu befreien. Stattdessen will sie sich mit einem wesentlich kleineren Staat für die Palästinenser zufrieden geben, den sie mit Israel und den USA aushandeln möchte. Doch Israel weigert sich, zu verhandeln.
1982 fällt die israelische Armee unter dem damaligen Verteidigungsminister und heutigen Ministerpräsidenten Scharon im Libanon ein. Sie sperrt die palästinensischen Flüchtlingslager Sabra und Schatila ab, während rechtsradikale christliche Milizen dort 2.000 Menschen ermorden.
Arafat flieht wieder, diesmal nach Tunesien. Doch die Palästinenser führen ihren Widerstand weiter. Für sie bedeutet die Besatzung durch Israel Armut, Arbeitslosigkeit und Erniedrigung.
1987 führen die Palästinenser ihren ersten großen Aufstand – die Intifada. Der Begriff ist das arabische Wort für „abschütteln“. Der Anlass zeigt, wie unmenschlich der Staat Israel die Palästinenser behandelt: Ein israelischer Armeetransporter rast in eine Reihe Taxis und tötet vier Palästinenser.
Seitdem wehren sich die Palästinenser in den besetzten Gebieten gegen die Herrschaft Israels. Aber die PLO ist nicht mehr die einzige politische Kraft, die den Widerstand organisiert. Zu Beginn der Intifada wird die islamische Bewegung Hamas gegründet.
Der andauernde Aufstand zwingt Israel und die USA, doch mit der PLO zu verhandeln. Arafat unterschreibt 1993 den Vertrag, der den angeblichen „Friedensprozess“ beginnen soll.
Als Arafat 1994 in den Gaza-Streifen zurückkehrt, feiern ihn die Palästinenser. Eine palästinensische „Autonomiebehörde“ wird eingesetzt.
Doch der „Friedensprozess“ ist zum Scheitern verurteilt. Die Autonomiebehörde kontrolliert nur 17 Prozent des Westjordanlandes und 60 Prozent des Gaza-Streifens.
Die Gebiete der Autonomiebehörde hängen nicht zusammen, sondern sind lediglich Inseln in den nach wie vor von Israel besetzen palästinensischen Gebieten. Sie können jederzeit von Israel abgeriegelt werden. Keiner der Millionen Palästinenser in den Flüchtlingslagern darf zurückkehren.
Arafat verteidigt den „Friedensprozess“ dennoch mit aller Macht. Seine Autonomiebehörde regiert undemokratisch und mit Gewalt.
30.000 palästinensische Polizisten unterdrücken alle, die Arafat kritisieren. Die Autonomiebehörde hat Israel die Unterdrückung der Palästinenser abgenommen.
Gegen die Armut der Menschen tut die Autonomiebehörde nichts. Mitte der 90er Jahre betreibt sie im Gaza-Streifen fünf Krankenhäuser. Ebenso viele hatte dort inzwischen die Hamas gebaut.
90 Prozent ihres Geldes nutzt sie für Schulen, Krankenhäuser und Suppenküchen. Die Hamas versorgt rund die Hälfte der Menschen im Gaza-Streifen. Immer mehr Palästinenser unterstützen die islamische Organisation – nicht nur wegen der Anschläge in Israel.
Arafat hingegen unterstützen immer weniger Palästinenser. Er lehnt 2000 einen neuen Scheinfrieden mit Israel und den USA ab.
Kurz drauf beginnen die Palästinenser die zweite Intifada. Arafat unterstützt den neuen Aufstand, um seine Macht zu erhalten.
Die zweite Intifada dauert bis heute an. Sie wird auch ohne Arafat weitergehen, solange Israel die Palästinenser unterdrückt und den Flüchtlingen die Rückkehr in ihre Heimat verweigert.

von Jan Maas (E-Mail)


Der Text ist die überarbeitete und aktualisierte Fassung eines Artikels aus Linksruck 161.

Linksruck Nr. 188, 1. Januar 1970





Dieser Artikel kommt von Linksruck
http://www.linksruck.de