Volkswagen: "Wir haben alle nach Bochum geschaut"

Trotz den stärksten Warnstreik seit Jahren ist das Ergebnis der VW-Tarifrunde enttäuschend. Vertrauensmann Manfred Kays erklärt, warum.

Warnstreik bei VW Braunschweig. Die Kollegen waren wütend und bereit, sich zu wehren
Die Volkswagen-Arbeiter haben die größten Warnstreiks seit Jahren gemacht. In 28 Monaten wird alles wieder von vorne losgehen. Wieso?

Nachdem Volkswagen nicht mehr mit uns sprechen wollte, blieb uns nichts anderes übrig. Der Konzern wollte die Löhne einfrieren und Arbeitsplätze vernichten. Bei einem Treffen der Vertrauensleute der Gewerkschaft habe ich gemerkt, dass die Kollegen bereit waren zu kämpfen. 110.000 Leute haben bei den Warnstreiks mitgemacht. Manche Kollegen haben viermal gestreikt.

Volkswagen will Stellen abbauen. Wer jetzt seinen Arbeitsplatz verliert, ist in einem Jahr von Hartz IV betroffen. Haben die Kollegen davor Angst?

Nein, noch nicht. Die Volkswagen-Arbeiter fühlen sich recht sicher. Bei uns wurde noch nie jemand entlassen, weil es keine Arbeit gibt.
Doch diese Zeiten sind vorbei. Ich habe eine Informationsveranstaltung zu Hartz IV vorgeschlagen. Einige Kollegen waren interessiert. Aber viele können noch nichts mit Hartz IV anfangen, weil sie sich nicht betroffen fühlen. Das muss sich ändern.

Was halten die Kollegen vom wilden Streik der Opel-Arbeiter in Bochum?

Wir dachten: Wenn die das konnten, warum nicht wir? Wir haben auch gestreikt, um die Kollegen bei Opel zu unterstützen. Im Oktober haben wir alle nach Bochum geschaut. Wir haben gemerkt, dass wir unser Schicksal selbst in die Hand nehmen und kämpfen müssen. Nur dann können wir etwas verändern.

Der Abschluss bei Volkswagen bedeutet 28 Monate keine Lohnerhöhung, dafür Arbeitsplatzgarantie bis 2011. Ein Erfolg?

Nein, denn die Garantie unserer Arbeitsplätze gibt es nur auf dem Papier. Ich habe mich als Vertrauensmann persönlich bei meinen Kollegen für das Ergebnis entschuldigt. Im Tarifvertrag steht, dass Volkswagen die Vereinbarung jederzeit kündigen kann. Spätestens in zwei Jahren wird Arbeitsdirektor Hartz uns wieder mit Entlassung drohen.
Trotz angeblicher Arbeitsplatzgarantie werden 2006 in Westdeutschland statt 103.000 nur noch 89.000 bei Volkswagen arbeiten können. Wenn jemand in Vorruhestand geht, wird er nicht ersetzt, und wer bei Volkswagen eine Ausbildung macht, hat geringe Chancen, übernommen zu werden.

Wie denken die Kollegen über den Abschluss?

Sie sind bedrückt. Ich war auf mehreren Versammlungen von Vertrauensleuten. 90 Prozent lehnen das Ergebnis ab. Auch die anderen Kollegen sind enttäuscht. Wir alle sind die Verlierer des Tarifvertrags.

Wieso hat die Gewerkschaft zugestimmt?

Am Anfang wurde den Vertrauensleuten versprochen, dass sie über das Ergebnis abstimmen dürfen. Danach sollte noch mal verhandelt werden.
Am Ende wurden die Vertrauensleute nur noch über das Ergebnis informiert. Die Abstimmung hat es nie gegeben.
Die Kollegen mussten wieder mal feststellen, dass sie für die Verhandlungsführer keine Rolle spielen. Sie behandelen uns wie Schafe, die über ihr Schicksal nicht entscheiden können.
Das Interview führte Sarah Nagel.

Linksruck Nr. 188, 1. Januar 1970





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